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27. Juni 2026
Verschwitzt und mit Schnee an den Knöcheln setze ich meinen Fuß auf den Kraterrand und werde beinahe umgerissen. Sturmböen pfeifen seitwärts, vor mir eine schwarz-bunte Wüste aus Lava, und nur ein paar Meter entfernt steigt Dampf aus einer Spalte. „Wooaaaas!“, schreie ich in den tosenden Wind, lachend, mit den Armen rudernd, maximal begeistert und minimal beunruhigt. Ich bin wandern in Japan – auf dem Mount Tarumae auf Hokkaido. Auf einem aktiven Vulkan. Da hab ich mir jetzt nicht so viel bei gedacht. Klar, könnte halt irgendwann mal ausbrechen, doch wahrscheinlich würde ich nur ein paar alte, herumliegende Gesteinsbrocken zu sehen bekommen. Aber das Teil hier dampft – und zwar nicht zu knapp!
Einen Monat lang sind wir in Japan – Tokio und Kyoto liegen bereits hinter uns, und nun kommt der wilde Norden. Hokkaido. Wo sich Schneewände türmen, der Boden brodelt und Polster-Phlox die Hänge mit pinkem Flausch überzieht. Ein Ort der Extreme, zerworfen zwischen Feuer und Frost. Lass mal hinwandern!
7. Februar 2026
Ich stehe wackelig auf unebenem, scharfkantigen Gestein von Meeresboden, vor mir glitschige Algen, neben mir ein Pfuhl aus Wasser und Muscheln, im Hintergrund donnert und brandet grau das Meer mit weißen Schaumkronen. Das Meer, das gleich zurückkommen wird, während wir hier wie Ernst und Erna zu Fuß auf dem Weg zum Worm’s Head in Wales sind – einer Insel, die nur kurzzeitig während der Ebbe mit dem Land verbunden und danach wieder davon abgeschnitten ist.
„Lass mal dahinlaufen“, hab ich gesagt. Der Weg ist nur etwa drei Kilometer lang, das Zeitfenster zum Wandern fünf Stunden weit – zweieinhalb Stunden vor dem Tiefstand der Ebbe plus zweieinhalb Stunden danach. Klingt nach viel Zeit – aber dann fällt uns auf: Nur weil’s Wanderung heißt, gibt es noch lange keinen Wanderweg. Nachdem wir erst oben über die Klippen gelaufen und der Beschilderung zum Ufer gefolgt sind, stehen wir etwas ratlos vor einer Steinwüste mit Krustentierchen, die genauso gut der Mond sein könnte – okay, mit Wasser und Atmosphäre – und Krustentierchen.
„Gehen wir da jetzt einfach rüber? Irgendwo?“, frage ich meinen Mann ernamäßig.
Drei Leute mit Eimern stapfen an uns vorbei in die Mondwüste.
„Ich glaube schon“, sagt er.
Ich schaue auf die Uhr. Von den fünf Stunden bleiben uns etwas weniger als drei. Aber wer weiß, wann wir hier nochmal hinkommen. Vielleicht gar nicht. Also ganz oder gar nicht. Dann gehen wir. Ganz.
16. Januar 2026
Auf dem Weg zum Startpunkt unserer Wanderung im Brecon Beacons National Park habe ich unseren Mietwagen sieben Kilometer lang über teils absurd steile, mit nassem Laubmatsch verklebte, einspurige Winz-Straßen gelenkt. Ob man jetzt hier rechts oder links fährt, ist auch egal, denn erstens gibt es sowieso nur eine Spur und zweitens ist es das Hauptziel, dass man nicht mit der Karre in irgendeinen Busch semmelt oder beim Ausweichen seitlich einen Berg runterkugelt. Es ist November und wir wollen wandern in Wales. Weil es an der Küste heute den ganzen Tag regnet, sind wir in die Berge gefahren, um zu zwei Seen zu wandern, die in Mulden liegen, die während der letzten Eiszeit entstanden sind. Der Llyn y Fan Fawr und der Llyn y Fan Fach. Auch hier soll es einmal kurz gegen zwölf Uhr mittags leicht regnen, aber das kriegen wir wohl hin. Denke ich.
So harmlos die Tour auch zwischen grünen Hügeln neben einem Flüsschen anfängt, so sehr läuft sie kurz darauf aus dem Ruder. Und das alles nur, weil ich für einen kurzen Moment zu faul bin. Weil ich die Situation unterschätze, trotz allem, was wir schon erlebt haben. Eine Geschichte über Naturgewalten, Überheblichkeit, Eiswinde, Kontrollverlust, Panik und wie ich ganz allein am Arsch gewesen wäre.
1. November 2025
Der blau-grüne See liegt glatt in einer Felsschüssel wie eine magische Tinktur. Kleine weiße Blumen bemühen sich ums Blühen auf der mageren, hochalpinen Wiese, auf der ich sitze. Hinter mir raschelt mein Mann in unserem kleinen Trekkingzelt herum. Irgendein Hering ist noch nicht perfekt. Aber das ist egal. Denn um uns herum ist schon so viel Perfektion, so viel Schönheit, dass ich mich kaum bewegen mag, aus Angst, es könnte alles in Scherben aufgehen. Hier sind wir. In der Wildnis in den Rocky Mountains oberhalb der Baumgrenze, wo es an nur drei Monaten im Jahr halbwegs warm und schneefrei genug ist, um überhaupt herzukommen. Über 3000 Meter hoch, keine Straßen, keine Infrastruktur, kein Lampenlicht, keine Häuser, kein Signal. Das Einzige, was einen hier herbringt, sind die Füße. Hinterlasse keine Spuren außer Fußspuren, nimm nichts mit, außer Fotos, ist der Leitsatz, der auch tatsächlich gut eingehalten hier draußen. Im Paradies. Wo Blumenteppiche blühen, türkise Seen glitzern, ein paar Schneereste lauern und man ganz auf sich allein gestellt ist. Wild.
6. September 2025
Alles ist voller Staub. Alles. Und weil ich schwitze wie ein Iltis, klebt der Staub an mir wie eine Tarnschicht. Mein Rucksack: grau, meine Schuhe: grau, meine Arme: grau, die Bergwand: grau. Oder in anderen Worten: Ich bin fertig wie ein Brötchen – und quasi unsichtbar. Aber ich bin auch oben. An einem der stillen, hochalpinen Seen im Grand Teton Nationalpark in den USA. Mit Rucksack, Zelt und Männe. Der ist auch staubig. Und zwar nicht, weil er so alt ist. Knapp acht Kilometer und 950 Höhenmeter haben wir in heißen, sonnigen Serpentinen bestritten, um hier anzukommen. An einem grünen Fleck Wasser, der rund ist wie ein Taler, eingebettet in ein Becken aus Gletschersteinen vor den schroffen Bergspitzen der Teton-Gruppe. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es kommt noch besser. Hinter dem See lauert das „Nichts“ aus die „Unendliche Geschichte“ von Michael Ende und am nächsten Morgen ist alles aus Gold. Außerdem sehen wir ein ganz seltenes, vom Aussterben bedrohtes Flausch-Tierchen, das ausschließlich in Höhen zwischen 2.400 und 4.000 Metern lebt – zur blauen Stunde und mit einem Blumenstrauß im Mund. Komm mit und finde die Magie!
16. August 2025
Dunkelblau und schwer schieben sich die Nachtwolken wie Schiffe über den Himmel und verdecken das letzte Glühen der Abenddämmerung. Ich liege am Grund des Yellowstone Canyons. Nee, jetzt nicht tot wie ein Fisch, sondern in unserem Zelt. Wir haben eine der beliebten Backcountry-Genehmigungen ergattert, die es uns erlaubt, eine Nacht im Yellowstone Nationalpark am Fluss tief unten im gleichnamigen Canyon zu campen. Sieben Kilometer weit und 620 Meter tief sind wir dafür mit Sack und Pack und Ach und Krach von der Kante des Canyons aus hinunter ins Tal gewandert. Und jetzt blicke ich aus der offenen Seitenklappe unseres ultraleichten Trekking-Zelts in die Dunkelheit. Und irgendetwas ist da draußen. Ein Tier.
Nervös schaue ich in die Finsternis. Eine Finsternis, die keine städtische Lichtverschmutzung kennt. Sie ist schwarz wie der Hintern eines Bären. Warum muss ich ausgerechnet jetzt an Bären denken?
Was da draußen los war, warum die Canyonwände dampfen, wie ein Wasserfilter zu einem tiefen Glücksmoment führte und wie mich auf dem Rückweg ein Nierenstein ans Limit gebracht hat – jetzt hier, im Logbuch der Dunkelheit.
26. April 2025
33 Grad im Winter, türkises Meer, Sandküsten – was kann man da machen? Genau: wandern. Dort, wo Berge, brütende Luftfeuchtigkeit, Dschungel, monströse Zikaden und gigantische Ausblicke lauern. Hä? Wandern im tropisch-heißen Thailand?
Jedes Mal, wenn wir einem Thai erzählen, dass wir auf der Suche nach einem Wanderweg sind, werden wir verwundert angeschaut. Warum rennen die beiden Bekloppten bei sengender Sonne in Klumpschuhen, mit Rucksäcken und knallroten Gesichtern auf diesen Berg?
Vielleicht, weil dort oben der Blick über eine endlose Reihe an runden, grünen Felsnoppen schweift, die einem das Gefühl geben, „in einem Land vor unserer Zeit“ zu stehen. Vielleicht, weil nach über eintausend Steinstufen ein Tempel auf einem prekären Steinbalkon Aussicht auf einen goldenen Buddha hoch über dem Ozean gibt. Vielleicht auch, weil auf einem Bergplateau eine so unglaubliche Menge an goldenen Gebäuden, Schirmchen und Statuen angehäuft ist, dass Tutenchamun in seinem Grab vor Neid gleich nochmal sterben würde. Kommt mit uns und entspannt euch mit ’nem Soda, während wir losstiefeln…
11. Januar 2025
Heiligabend in einer Holzhütte in den Bergen mit Schnee. Darf man mal so kack-romantisch sein? Ja, darf man! Seit über zehn Jahren will ich mir diesen Traum erfüllen. Und jetzt haben wir es gemacht! Gipfel und Tannen vorm Fenster, Kerzen auf’m Tisch, eine Tasse Tee in der Hand, Holzofen in der Ecke. Kein fancy fünf-Sterne-Chalet, kein Hotelzimmer im Tal, keine anderen Gäste. Nur mein Männe und ich ganz weit weg in einer einfachen Selbstversorger-Alm. Stille Nacht.
„Kocht der Schnee schon?“, rufe ich tief und hohl aus dem Brunnenschacht, während mein Handschuh auf den siffigen Boden fällt und sich augenblicklich mit eisigem Matsch vollsaugt. Gut, jetzt war es letzte Nacht minus acht Grad kalt und die Leitungen zu unserem Brunnen draußen sind eingefroren. Das bedeutet: kein Wasser. Am besten ihr kippt mal zwei Kessel heißes Wasser drauf, dann läuft das meist wieder, hat mir unser Vermieter im Tal per WhatsApp geschrieben. Immerhin haben wir ein schwaches Handysignal, wenn ich nah genug rüber zum Plumpsklo gehe. Leider haben wir halt kein Wasser zum Drüberkippen, geschweige denn heißes.
Eine Woche lang sind wir über Weihnachten in Bayern auf einer Alm aus dem Jahr 1870, auf 1.100 Metern Höhe mitten im Berg. Kein WLAN, kein fließendes Wasser im Haus, keine Dusche, kein Supermarkt in der Nähe, ein kleiner Brunnen auf der Terrasse, ein kleines Solarpanel auf dem Dach, das dauernd eingeschneit ist, ein Holzofen zum Heizen und Kochen und über eine Stunde Fußmarsch bis zum Auto im Tal.
13. Oktober 2024
Hier kübelt es dauernd, ist saukalt und beim Wandern flitscht man ständig im Matsch weg. Ich arbeite als freie Texterin im Tourismusmarketing, wo immer alles „malerisch“, „unvergleichlich“ und „upbeat“ ist. Oft würde ich viel lieber schreiben, wie es wirklich ist – und den Menschen dann sagen, warum sie trotzdem herkommen sollen. Denn ein Ort muss nicht traumhaft, pittoresk, kulturell vielfältig und the latest shit sein, um zu einer besonderen und bereichernden Erfahrung zu werden.
Deshalb erzähle ich euch heute von unserem Trip und unseren Wanderungen auf den Färöer-Inseln. Einem Stück Land, das in winzige Inseln zerbrochen mitten im Nordatlantik liegt. Felsen im Meer mit Wiese obendrauf – wenn man sie im Nebel sehen kann. Auf den Färöer-Inseln steht man an jeder Ecke am Abgrund, sollte das Haus niemals ohne Regenzeug verlassen, wird potenziell von einer Möwe angeschissen und immer von irgendetwas überrascht.
Wie wir uns über die alte Postroute in ein vergessenes Dorf gekämpft haben, mit einem Van durch einen winzigen, stockdunklen Tunnel mit nur einer Fahrbahn gerumpelt sind und an einem See über dem Ozean standen: packt den Zuckerhut weg – jetzt geht’s raus!
31. Januar 2025
„Was ist das denn für ein blödes Foto?“, beschwere ich mich bei meinem Mann. Wir sind im Sequoia National Park in Kalifornien – dem Epizentrum für tausendjährige, rote Mammutbäume. Um die abnormale Größe der Bäume besser darzustellen, wollte ich, dass mein Männe mich neben einem der Gewächse vom Stamm bis zur Krone fotografiert. Toll, jetzt sieht man da nur mich und ‘ne Wurzel!
„Sarah“, erklärt er mir in seiner unerschütterlichen Ruhe, die oft das Wasser zu meinem Feuer ist. „Ich bin schon im Weitwinkelbereich, mehr als die Wurzel passt nicht drauf. Der Baum ist viel zu groß. Aber ist das nicht genau das, was du zeigen wolltest?“
Wir sind auf einem Camping-Trip mit Auto und Zelt von Wyoming durch Utah bis nach Kalifornien. Vier Nationalparks, Canyons, Wüsten, Urwald und brachiale Landschaften, die einen im Bewusstsein zur Größe einer Ameise schrumpfen lassen. Zweieinhalb Wochen draußen ohne feste Wände, mit Strom aus Sonnenenergie, Wasser aus einem Container und Essen vom Gaskocher. Von Over-Tourism über Kometen bis zu brennenden Bäumen und Zelten im Schnee. Auf geht’s!
28. Juli 2024
Die Sonne scheint, als wir am Wanderparkplatz des Lone Star Geysirs im Yellowstone Nationalpark unsere „Schränke“ aus dem Auto laden. Die „Schränke“ sind unsere zwölf Kilo schweren Rucksäcke, in denen unser Survival-Gedöns für die nächsten drei Tage steckt.
Wir wandern und campen in der Wildnis – Backcountry. Wir gehen dorthin, wo man nur zu Fuß hinkommt, wo man das Trinkwasser aus dem Fluss filtern muss und für den Toilettengang mit einer Schaufel ein Loch in den Boden gräbt.
Heute ist es angenehm und heiter bis wolkig – läuft. Gut, später soll ein vereinzeltes Gewitter durchziehen, aber selbst der Ranger winkt ab: „Das ist bloß ein kurzes Yellowstone-Gewitter. Das ist in ein paar Minuten auch wieder vorbei.“
Wer diesen Blog kennt, ahnt, dass hier etwas im Busch ist. Wir zum Beispiel, als wir vier Stunden später in siffigen Regenjacken unter einer Kiefer hocken und auf einen nicht ausbrechenden Geysir starren, während eine Gewitterwalze mit waagerechtem Starkregen und dreiarmigem Blitzschlag über uns hinwegrollt. Und dann ist da noch die Sache mit der Flut, den Bären, dem Schneefeld und einem phänomenalen Abend in goldenem Licht. Packt den Blitzableiter ein – es geht los!
29. Juni 2024
Ich will schreien. So laut, dass die versteckte Kamera aus dem Busch fällt. Aber lieber nicht. An diesem Wochenende würde sie mir garantiert auf den Kopf donnern, Genickbruch, tot.
An diesem Wochenende wollten wir eigentlich gemütlich auf einem grünen Campground in einem schönen State Park in Wyoming am Ufer eines Baches zelten.
Stattdessen stehe ich mit einer Packung roher Karotten vor einem platten Reifen im Staub und schaue zwischen der brennenden Sonne über dem Niemandsland und den letzten drei Tropfen in unserem Trinkwassertank hin und her. Wie um alles in der Welt konnte all das schiefgehen. In weniger als 48 Stunden. Das ist die Geschichte von einem Epic-Fail-Camping-Trip, den man nicht so schnell wieder vergisst. Macht euch einen Eimer Popcorn klar.
23. März 2024
Wie jeder weiß, ist der Himalaya ist kälter als Frozen Yogurt und achttausend Meter hoch. Da tritt man quasi schon versehentlich beim Aufstehen in die Fußstapfen von Edmund Hillary und Tenzing Norgay – ha!
Weil wir nicht genug Zeit für einen zwei- oder dreiwöchigen Trek zu Everest Basecamps und Annapurna Circuits haben, entscheiden wir uns, eine Light-Variante zu machen. Vier Tage Poon Hill. Ein Trek zu einem der sehenswertesten Aussichtspunkte in Nepal.
Ganz ehrlich: So unfassbar falsch habe ich selten gelegen. Vielleicht hätte ich mich vorher lieber mit den harten Fakten statt mit Pulverschnee-Illusionen beschäftigen sollen: Der Poon Hill Trek sind 4000 Höhenmeter, 6000 Steinstufen, 40 Kilometer und heißer Dschungel mit Luftfeuchtigkeit to die for. Und dann kam noch Magen-Darm.
Dies ist eine Geschichte darüber, was es bedeutet, unter einem Himmel voller Sterne um 4 Uhr nachts schreien zu wollen. Vor Erschöpfung und vor Glück – im Angesicht der höchsten Berge der Welt.
5. August 2023
„Na toll“, rufe ich Richtung Meer. Es ist 0:30 Uhr und wir stehen auf dem Gipfel des Ryten Mountain auf den Lofoten in Norwegen, etwa hundert Kilometer nördlich vom Polarkreis. Der perfekte Campspot, um von dort aus nachts die Mitternachtssonne zu sehen.
Oben Bergketten mit scharfen Spitzen und schroffen Steilwänden, unten eine Bucht mit weißem Sand und türkisem Wasser, gegenüber der weite Horizont. Was wir davon sehen: nichts. Alles ist weiß. Der Wetterbericht hat gelogen. Statt „teils bewölkt“, ist der Nebel des Grauens am Start. Da latscht man mit seinem Backpack, Stativ, Kamera und Zelt auf diesen scheiß Berg, um diese bekackte Sonne zu sehen, steht mitten in der Nacht auf, und dann das!
Ich ziehe den Reißverschluss vom Zelt zu. Der Himmel kann mich mal. Klappe zu.
Wie karibisch-arktisch schön es auf dem Ryten Mountain am nächsten Morgen war, wo wir die olle Mitternachtssonne schließlich doch noch gesehen haben und was das für ein Gefühl war, erfahrt ihr hier.
22. Juli 2023
Kühle Bergluft strömt in meine Lungen. Ich atme tief ein und dann für eine lange Weile gar nicht. Gänsehaut stellt sich auf meinen Armen auf, während ich mich langsam mit dem Bauch flach auf den Stein lege und mein Gesicht über die Abbruchkante des Felsens hebe. Da ist nichts. 700 Meter lang in die Tiefe nichts. Ganz unten dann ein aquamarinblauer Fjord.
Ich liege auf Norwegens Trolltunga – der Trollzunge. Zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück muss man wandern, um dort hinzukommen. Wir haben unsere Trekkingrucksäcke mitgenommen und übernachten hier in unserem Zelt.
Wir sind auf einem Roadtrip durch den Süden Norwegens. Dem Land der Fjorde und Klippen, der surrealen Bergformationen und Trolle.
Wir stehen um 3:45 Uhr auf, um auf einen Predigtstuhl zu klettern, campen in der Wildnis und steigen mit Eis-Axt auf einen Gletscher. Kommt mit uns auf eine Reise, bei der man immer wieder vergisst, zu atmen.
25. März 2023
Ich mache die Tür von dem Holzverschlag auf und blicke auf das Plumpsklo. Eiswürfel am Klodeckel, Eiszapfen rund um den Sitz. Mir egal, ich muss jetzt pinkeln. Selbst schuld, ich wollte im Winter nach Nordalaska. Wir sind auf dem Weg von Fairbanks nach Coldfoot, einer kleinen Wildnis-Community entlang des Dalton Highways nördlich vom Polarkreis. 350 Kilometer entfernt vom nächsten Supermarkt in jede Himmelsrichtung. Keine Polizeistation, keine Feuerwehr, kein Krankenhaus, kein W-LAN und nicht mal 'ne Kirche.
Und wenn euch da was passiert?
Dann haben wir wenigstens noch geile Nordlichter gesehen, eine Hundeschlittenfahrt gemacht, auf dem Yukon River getanzt, den Polarkreis überquert und einen komplett gefrorenen Märchenwald gesehen. Ist doch besser, als am Lebensende in Oer-Erkenschwick die Kellertreppe runterzufallen. Also kommt mit zu unserem Alaska-Abenteuer – into the wild – auf einer der nördlichsten und gefährlichsten Straßen der Welt.
26. Februar 2023
Schon immer habe ich mich gefragt, was passiert, wenn es auf einer Wanderung in der Wildnis mal keine Schilder gibt, der Handyakku stirbt, das GPS-Gerät in den Fluss fällt und die Faltkarte dorthin weht, wo Bob Dylans Antworten hinwehen: in den scheiß Wind.
Bisher war das relativ klar: Ich kacke ab.
Doch nach dem Vortrag einer Outdoor-Professorin bin ich voller Elan. Sonnenstand, Wind,
Geräusche, Gerüche und Landmarken können sich im Kopf zu einem vollständigen Plan über das Gelände zusammenfügen. Ganz ohne Google Maps, ohne „Sie sind hier“-Pfeil, Schilder oder
Karten.
Ein paar Tage später setzt mich mein Freund an einem kleinen Staubtrail in einem Tal aus und gibt mir die Aufgabe, ihn und das Auto nach einer Wanderrunde an derselben Stelle wiederzufinden. Wer hätte wissen können, dass ich ein paar Meilen später planlos durch einen Fluss stolpere, auf riesige Katzenspuren starre und ein besonders wegweisender Geruch mein eigener Angstschweiß ist.
30. Oktober 2022
Lautlos gleitet das Kajak durch das bräunliche, undurchsichtige Wasser. Obwohl wir mitten im Amazons-Regenwald und zwei Bootsstunden von jeder Straße und Stadt entfernt sind, ist es laut. Zikaden sirren wie Mini-Kreissägen, Papageien streiten sich hoch über unseren Köpfen im Blätterdach, Affen brüllen in der Ferne, Frösche quaken in den Lagunen und ein kleiner Vogel imitiert fallende Wassertropfen. Es ist ein Konzert. Ohne Strom. Ohne Internet und Telefon.
Wir sind während unseres dreiwöchigen Trips durch Ecuador für fünf Tage im Amazonas-Becken. Ein Erlebnis so intensiv wie der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee. Feurige Sonnenuntergänge, Schwimmen in einer Lagune mit Kaimanen, Nachtwanderungen durch den Dschungel, Brotbacken mit Ureinwohnern. Keine E-Mails, keine Voicemails, keine Benachrichtigungen. Einfach sein. Hier und jetzt.
31. August 2022
Das Morgenlicht hängt wie ein halbtransparenter Vorhang vom Himmel, zwischen den Gipfeln der Alpen und der Ski-Sprungschanze in Oberstdorf. Wir wollen vom Tal aufs Nebelhorn wandern. Zehn Kilometer, 5 Stunden und 1.400 Höhenmeter sagt die Karten-App. Gut, das ist jetzt kein Abendspaziergang an der Strandpromenade von Sylt, aber auch kein Grund, in Panik zu verfallen.
Dachten wir.
Drei Stunden später sitzen wir in sengender Hitze auf einem Berggrat, der an manchen Stellen nur so breit ist wie ein Fuß. Genau ein Fuß. Ich frage mich, wie wir jemals auf diesen Pfad geraten sind, der auf der Karte so machbar ausgesehen hatte.
Und dann ist sie da: die Panik.
3. Oktober 2021
Vor uns steht der Grand Teton, der mit 4.199 Metern höchste Berg im Grand Teton National Park,
wie eine Wand. 18 Kilometer zu drei Seen wollen wir wandern. Mit 1.000 Metern Höhendifferenz. Auf einem Pfad, auf dem ich letztes Mal dreiundzwanzigeinhalb Blasen an den Füßen und Magenkrämpfe
zum Abgöbeln hatte – und das nur mit einem leichten Tagesrucksack. Also setze ich mich als Erstes mal auf einen Baumstamm und klebe meine Füße prophylaktisch ab.
Dann geht’s los. Zu einem kreisrunden Paradies aus Wasser und Steinen, zu Bären-Boxen, zu einem türkisen Gletschersee, zu Schweiß, Flüchen und gigantischen Felsbrocken – und zur schönsten und vollkommensten Spiegelung der Welt.
19. September 2021
Ich wollte ja immer mal so richtig campen gehen. In den Bergen in der Wildnis. Mit einem fetten Rucksack, der mich aussehen lässt wie Reinhold Messner. Mit einem Gaskocher unter Sternen, während im Wald der Uhu unheimlich ruft. Also haben mein Freund und ich beschlossen, dass es diesen Herbst Zeit wird, sich mit professioneller Campingausrüstung einzudecken und in die Wildnis von Wyoming auszurücken.
Backpacking im wilden Norden der Rocky Mountains ist allerdings kein Picknickausflug ins Sauerland. Das wird mir in dem Moment bewusst, als wir die ersten Meter mit den über zwölf Kilo schweren Rucksäcken gehen und ein Eichhörnchen mit kehligem Rasseln hinter einem toten Baumstamm hervorspringt. Vor uns liegen zehn Kilometer und eine kalte Nacht an einem See. Mit Elchen, Essen im Baum und Blitzen im Berg.
10. April 2021
Meine Vorstellung vom kleinen Land Luxemburg war jetzt etwa so: Drei Kilometer lang, drei Kilometer breit, ’ne Kirche, ein Schloss und
vier Bäume. Doch als wir in der beliebten Wanderregion Mullerthal ankommen, ist nix mit vier Bäumen. Also ja, vier Bäume haben die
da auch. Aber neben Wald gibt es Kalkquellen mit türkisem Wasser, Felsschluchten, in die man auf eisernen Leitern hinabsteigen kann, Farn, der wie Lianen von Abhängen baumelt und Brücken, die
durch magische Flusstäler in Labyrinthe aus Stein führen.
Ich nehme euch mit zu einem weinenden Felsen, einem dreiarmigen Wasserfall und in
die finstere Räuberhöhle in der Nähe der Hölle.
