Wandern in Wales: Worm’s Head – Wettlauf gegen die Gezeiten zur Insel im Meer.

7. Februar 2026

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Wandern in Wales - besonders aufregend ist die Tour zum Worm's Head

Ich stehe wackelig auf unebenem, scharfkantigen Gestein von Meeresboden, vor mir glitschige Algen, neben mir ein Pfuhl aus Wasser und Muscheln, im Hintergrund donnert und brandet grau das Meer mit weißen Schaumkronen. Das Meer, das gleich zurückkommen wird, während wir hier wie Ernst und Erna zu Fuß auf dem Weg zum Worm’s Head in Wales sind – einer Insel, die nur kurzzeitig während der Ebbe mit dem Land verbunden und danach wieder davon abgeschnitten ist. 

 

„Lass mal dahinlaufen“, hab ich gesagt. Der Weg ist nur etwa drei Kilometer lang, das Zeitfenster zum Wandern fünf Stunden weit – zweieinhalb Stunden vor dem Tiefstand der Ebbe plus zweieinhalb Stunden danach. Klingt nach viel Zeit – aber dann fällt uns auf: Nur weil’s Wanderung heißt, gibt es noch lange keinen Wanderweg. Nachdem wir erst oben über die Klippen gelaufen und der Beschilderung zum Ufer gefolgt sind, stehen wir etwas ratlos vor einer Steinwüste mit Krustentierchen, die genauso gut der Mond sein könnte – okay, mit Wasser und Atmosphäre – und Krustentierchen. Das diese Landschaft vor uns der Meeresboden ist, scheint surreal. Die Parameter sind gesetzt: Oben an der Klippe stand ein letztes Mal ein Warnschild mit dem heutigen Gezeiten-Kalender und der Uhrzeit, zu der man allerspätestens zurück sein sollte – und die Richtungsanweisung ab hier lautet: Ja mach mal, findest du bestimmt auch so, ne?“

 

Gehen wir da jetzt einfach rüber? Irgendwo?“, frage ich meinen Mann ernamäßig. 

Drei Leute mit Eimern stapfen an uns vorbei in die Mondwüste. 

„Ich glaube schon“, sagt er.

Ich schaue auf die Uhr. Von den fünf Stunden bleiben uns etwas weniger als drei. Aber wer weiß, wann wir hier nochmal hinkommen. Vielleicht gar nicht. Also ganz oder gar nicht. Dann gehen wir. Ganz.

Wellenangst und Nichtschwimmer – Wandern in Wales

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Worm's Head: Der Start der Wanderung verläuft auf den Klippen des Festlandes

Der Anmarsch zur Küste ist bereits ein absoluter Kracher. Wandern in Wales im November – grau und usselig? Von wegen! Alles leuchtet. Das Meer blau, der riesige Strand unten golden, die nahegelegenen Berghänge rot-orange vom Herbst-Farn und die Klippen grün vom saftigen Gras. Flauschige Schafe weiden neben felligen Pferden, deren Mähnen im Wind wehen. Mein Mann musste noch Geld für den Parkautomaten wechseln, dann waren wir noch fix am Wanderparkplatz auf dem Klo gewesen und jetzt war höchste Eisenbahn. Ich habe schon seit Jahren Schiss vor übergroßen Wellen, seit mich in Spanien am Strand mal eine Welle überraschend umgehauen und face first in den harten Sand geschlagen hat, und mein Mann kann nicht schwimmen. Echt jetzt. Wir sind also übelst qualifiziert für den Job.

 

Der Worm’s Head ragt schwarz-grün aus dem Meer empor wie ein Knubbel. Wenn man es von dort nicht rechtzeitig wegschafft, kann man auf ein Handysignal hoffen (fraglich) oder eine kleine Metallglocke läuten und warten, dass jemand kommt und einen rettet. In der Zwischenzeit können dann auch wechselseitig Hagel, Regen, Gewitter, Sonne, Sturm, Nebel und Regenbögen aufziehen – auf Wanderungen in Wales wechselt das Wetter manchmal alle Viertelstunde von einem Extrem ins andere. Der Dichter Dylan Thomas ist wohl mal auf der Gezeiteninsel über Nacht gestrandet. Irgendwie beruhigt mich das. Bescheuert. Als ob es das jetzt besser macht, dass irgendeine bekannte Persönlichkeit dort mal lost war.

Da, wo Dylan Thomas lost war

Worm's Head in Wales - Wanderung über Gestein und Meeresboden bei Ebbe, Sarah und Rand
Herumstochern und stolpern in der Mondlandschaft Richtung Worm's Head

Als wir am Ufer ankommen, ist dort eine merkwürdige Abbruchkante, wo normalerweise die Wellen gegenschlagen und sich das Meer Jahr für Jahr, Tag für Tag, das Land zurückholt. Vor uns ein weites Feld. Irgendwie hatte ich mir einen festen Wanderweg vorgestellt, den jemand in den Meeresboden gehauen hat. Aber da ist nichts. Also stolpern wir los. Außer uns sind noch ein paar andere Armleuchter unterwegs, was mich mindestens so beruhigt wie Dylan Thomas. Wir kommen viel langsamer voran als gedacht, denn der Boden ist komplett uneben, voller scharfkantiger Steine, harter Muschelschalen, glitschiger Algen und kleiner Pfuhle mit Wasser. Wir klettern und schwanken, halten Ausschau und kalkulieren immer neue Routen. Ich schaue auf das Meer, das hinter dem Worm’s Head tost. Man hört die Brandung. Ich möchte auf die Uhr schauen, aber dann traue ich mich nicht. Ach was, so spät wird es wohl nicht sein. Ein paar Meter weiter schaue ich doch. Erst eine halbe Stunde ist vergangen. Ich atme durch. Dann falle ich fast in einen Pfuhl. 

 

Langsam kommt der Worm’s Head näher. Wie ein schlafender Dinosaurier sieht er von hier aus. Ich schaue zurück ans Festland. Der Gedanke, dass der Ort, an dem ich jetzt stehe, in wenigen Stunden unter dem Meer liegen wird, macht mich immer wieder kirre. Mein Mann ist schon mehrere Meter voraus – wie immer. Der rasende Ernst und die kriechende Erna. Aber ich muss unbedingt ein paar Fotos machen. Wenn wir hier abkacken, dann kann ich sagen, guck mal, wie Dylan Thomas, nur ohne Dylan Thomas!

Wandern in Wales – und jetzt kommt das Meer zurück!

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Drüben! Wir sind auf dem Worm's Head angekommen!

Schließlich erreichen wir die Insel und als Erstes sehe ich die kleine Notfallglocke. Die wir hoffentlich nicht brauchen.

„Jetzt schnell nach oben!“, rufe ich, obwohl eine kleine Sandwich-Pause auch nicht verkehrt wäre.

Aber das können wir auch noch essen, wenn wir hier gestrandet sind. Was könnte man auch sonst essen. Irgendwelche Kräuter? Ich schaue mich um. Und rundherum nur Salzwasser zu trinken. Prima. 

 

Wir erklimmen den Worm’s Head – und wow, von oben gibt es einen 360-Grad-Ausblick oberdeluxe über die Klippen am Festland, den „Wanderweg“, das Meer und den restlichen Teil der Insel, an dessen Ende sich noch ein Felstor befindet, das Devil’s Bridge heißt. Der Wind fegt, dann ist kurz Sonne, dann knattert Regen.

„We did it!“, schreie ich. Es ist wundervoll.

 „Wie müssen aber noch zurück, Sarah“, mahnt mein Mann an. Einer von uns hat wohl immer Torschlusspanik.

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Die Aussicht von der Spitze des Worm's Head auf den "Weg" und das Festland

Die Ebbe hat jetzt ihren Tiefststand erreicht. Ein seltsames Gefühl. Ab jetzt kommt das Meer zurück. Ich schaue schnell über meine Schulter. Ob es schon da ist? Jetzt?! 

Quatsch!

  

Wir laufen auf dem Bergkamm entlang, während der Himmel wieder aufklart. Auf einmal entdecken wir ganz unten am Strand Seehunde. Chillig und unförmig liegen sie auf dem Sand, als hätte jemand niedliche Gesichter in Wurstpelle gesteckt.

 

Dann beschließen wir, das Tor des Teufels zu skippen und lieber wieder zeitig zurückzugehen. Kurzer Blick auf die Uhr und hinüber zur Notfallglocke – das Sandwich passt noch! Wir setzen uns auf einen Stein und überblicken die grandiose Natur vor uns. Ich stelle mir vor, eine Hütte auf dieser Insel zu besitzen – wo einen die Hälfte des Tages keiner nerven kann. Verrückt, wie einen so ein Ort zugleich faszinieren und beunruhigen kann.

Nervenkitzel und Naturwunder am Worm’s Head in Wales

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Was für Farben - die Küste leuchtet!

Dann arbeiten wir uns zurück über den Meeresgrund Richtung Festland. Ich versuche, das röhrende Meer auszublenden, schaue aber ab und zu auf die Uferkante, um festzustellen, ob das Wasser schon gestiegen ist. Nicht erkennbar. Dann fliegen die Regenwolken im Sturm weg und ein Regenbogen spannt sich zwischen Küste und Meer. Ich balanciere begeistert mit der Kamera auf einem schroffen, schwarzen Stein, während mein Mann auf die Uhr schaut und sich wahrscheinlich fragt, ob ich eher absegele oder wir ertrinken. Eine Stunde vor der Deadline sind wir zurück am Ufer des Festlandes. Ich schaue hinüber zum Worm’s Head. Was für eine nervenkitzelige und wunderschöne Wanderung! Als wir wieder oben auf den Klippen und fast am Parkplatz sind, bricht sich die Sonne vollends Bahn und das wahnsinnig weite und schöne Land strahlt in allen Farben. Ach, Wales. Wenn ich könnte, würde ich sofort nochmal rüberlaufen zum Worm’s Head. 

Aber geht ja nicht. 

Ich winke dem Geist von Dylan Thomas zu. Was für ein Trip.

 

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