
Alles ist voller Staub. Alles. Und weil ich schwitze wie ein Iltis, klebt der Staub an mir wie eine Tarnschicht. Mein Rucksack: grau, meine Schuhe: grau, meine Arme: grau, die Bergwand: grau. Oder in anderen Worten: Ich bin fertig wie ein Brötchen – und quasi unsichtbar. Aber ich bin auch oben. An einem der stillen, hochalpinen Seen auf unserer Wanderung im Grand Teton Nationalpark in den USA. Mit Rucksack, Zelt und Männe. Der ist auch staubig. Und zwar nicht, weil er so alt ist. Knapp acht Kilometer und 950 Höhenmeter haben wir in heißen, sonnigen Serpentinen bestritten, um hier anzukommen. An einem grünen Fleck Wasser, der rund ist wie ein Taler, eingebettet in ein Becken aus Gletschersteinen vor den schroffen Bergspitzen der Teton-Gruppe. Oder in anderen Worten: Es ist fantasmagorisch affengeil.
Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es kommt noch besser. Hinter dem See lauert das „Nichts“ aus die „Unendliche Geschichte“ von Michael Ende, am nächsten Morgen ist alles aus Gold – und wir sehen ein ganz seltenes, vom Aussterben bedrohtes Tierchen, das ausschließlich in Höhen zwischen 2.400 und 4.000 Metern lebt. Ein Tierchen, das flauschiger ist als Eichhörnchen (ja, richtig gelesen!), Babykatzen und Entenküken. Es ist der ultimative Inbegriff von Flausch, hat ihn vermutlich erfunden, gestrickt und als UNESCO-Welterbe eintragen lassen. Es sieht aus wie eine Mischung aus Maus, Hase und Hörnchen und ich hätte niemals gedacht, dass ich es in meinem Leben einmal live und direkt vor meinen Füßen zu sehen bekomme – an einem Ort hoch im Berg zur blauen Stunde und mit einem Blumenstrauß im Mund. Komm mit und finde die Magie!

Schon zweimal waren wir auf diesem Trek. Beide Male habe ich ihn verflucht. Er ist steiler als ’ne vertikale Kuhhaut, staubiger als dreißig Jahre kein Frühjahrsputz und sonniger als die Wüste Negev. Aber oben, nach der ganzen Plackerei, liegen eben zwei wunderschöne Bergseen, so klar, so grün, so blau, so wow. Kaum Menschen – weil keiner so beknackt ist, hier hochzuwandern – und so irre umgeben von steinernen Steilwänden, als würde man in einem griechischen Amphitheater sitzen und auf den Aufstieg von Sisyphus warten.
Wie beim letzten Mal haben wir eine Backcountry-Erlaubnis bei National Park Service ergattert, unser Zelt mitgebracht und werfen es erschöpft in den Staub. Wäre das also auch grau.
Nachdem es aufgebaut ist, legen wir uns rein. Erstmal klarkommen. Draußen duftet das Holz der vielen Kiefern von der Sonneneinstrahlung und Wärme, auch wenn die Temperaturen hier oben signifikant kühler sind als im Tal. Auf 2.926 Metern steht unsere Butze. Das ist so, als würde man ein Apartment im 886. Stock haben. Ein leichter Wind lässt die Baumkronen rauschen, am Himmel ziehen weiße Wolkenschiffe vorbei. Ab und zu flitzt ein Erdhörnchen herum. Direkt neben unserem Zelt steht ein dicker Baum mit mehreren Höhleneingängen und Skeletten von geplünderten Tannenzapfen. Ich hole meine Wanderschuhe ins Zeltinnere. Ich liebe Hörnchen, aber Hörnchen lieben Schuhe und Wanderstöcke und knabbern die gern nachts mal an. Ein Wildlife-Autogramm, auf das ich nicht ganz so scharf bin.

Gegen Abend stromern wir runter zum unteren See. Dem, der aussieht wie ein grüner Taler. Meine Fresse ist der klar. Man kann jeden einzelnen Stein auf dem Grund sehen. Außerdem hüpft dort ein Goldmantelziesel herum, das Gräser wie eine Duftprobe zu sich heranzieht und sich seiner Model-Qualitäten eindeutig bewusst ist. Krümel gibt es von mir aber nicht, denn ich folge der Linie „Keep wildlife wild“. Das Füttern von wilden Tieren kann bei ihnen zu Magen-Darm-Problemen mit Todesfolge führen, Krankheiten verbreiten, bedeuten, dass Tiere vergessen, wie sie selbstständig (in touristenarmen Monaten) genug zu Essen finden und sie so sehr an Menschen gewöhnen, dass sie aggressiv werden und von Rangern getötet werden müssen. Nichts davon möchte ich irgendeinem Ziesel auf der Welt antun, nur weil mein menschliches Gehirn von „Ist das süß!“ auf „Ich will das füttern!“ schließt.
Auf unserem Spaziergang um den See entdecken wir auch die Stelle, an der der See ausfließt. Die meisten Seen haben einen Zulauf und einen Ablauf.

Neugierig spitze ich über die Kante und falle fast in Ohnmacht. Aber zum Glück dann nicht, dann sonst wäre ich wohl mehrere hundert Meter in die Tiefe gefallen. Hinter dem See ist absolut nichts. Nur steiles Geröll und ganz, ganz unten das Tal. Wooaaas! Ich halte mich an einem toten Ast fest, um nicht aus Versehen schwindelig oder vom Wind weggepustet zu werden. Irre!
Auf der anderen Seite liegen riesige Steine – grau übrigens – die aussehen, als hätte ein Riese keinen Bock mehr auf Würfelspiele gehabt. Von der Größe von kleinen Hockern bis hin zum Format von SUVs liegen sie auf dem grünen Berghang.
Als wir etwas höher steigen, stoßen wir auf den zweiten See. Der ist nicht rund und grün, sondern langgezogen und blau. Und er liegt fast 360° umgeben von unfassbar hohen Steilwänden. Jeder Schritt macht ein Echo und ich fühle mich augenblicklich wie in einer gotischen Kathedrale. Es ist jetzt kühl, die Sonne hinter den Kathedralmauern verschwunden. Ich fühle mich winzig klein in dieser Umgebung, mein Leben eine Millisekunde in der Erdgeschichte. Und dann höre ich die kleinen, spitzen Schreie.

Erst kann ich das Geräusch nicht zuordnen, aber dann läuft es mir fast über den Fuß: Pikas!! Kleine, mausartige Flauschbälle, die durch den Klimawandel vom Aussterben bedroht sind. Pikas sind extrem temperaturempfindlich und können sogar schon nach kurzen Momenten in nur 25°C sterben. Heute sind es selbst hier oben 22°C – und dieser Tag ist keine Ausnahme mehr. Außerdem fällt im Winter immer weniger Schnee, den sie jedoch in ihren Quartieren als isolierende Schicht gegen Frost benötigen. Weniger Schnee bedeutet zudem weniger Trinkwasser im Sommer. Seit ich weiß, wie bedroht das Tierchen ist und wie extrem hoch sein Lebensraum liegt, hatte ich wenig Hoffnung, es in meinem Leben noch live zu sehen. Doch hier ist es, und ich will weinen vor Freude. Ich halte den Atem an und beobachte es einfach nur. Kaum größer als meine Faust, winzige, runde Ohren, kleine Pfoten. Der engste Verwandte des Pikas ist der Hase.
Während ich noch schaue und versuche, mit aufgeregt zitternden Händen möglichst unauffällig die blöde Kamera zu bedienen, rupft das Pika büschelweise Gräser und Blumen ab. Dann klemmt es sich den Fundus in den Mund und flitzt los. Es sieht aus wie ein Bouquet für eine Hochzeit. Dieses Tier darf nicht aussterben. Es ist der Inbegriff von Flausch. In einer Welt, in der es solche Lebewesen gibt, muss es auch noch Hoffnung geben.
Pikas sammeln die Blumensträuße natürlich nicht zur Deko, sondern legen unterirdische
„Heuhaufen“ an (ja, das ist der offizielle Begriff), mit denen sie versuchen, über den Winter zu kommen, wenn nichts mehr blüht.

Nach einer stillen Nacht unter Sternen fangen mit dem Sonnenaufgang die Spitzen der Berge an, zu glühen. Nichts ist mehr mit staubgrauen Steinen – alles ist on fire. Ich renne den Weg vom Zeltplatz hinunter zum Taler-See. Er ist glatt wie ein Spiegel. Und mit jeder Sekunde übergießt die Morgensonne mehr Landschaft mit Gold. Ein Erlebnis, das wir schon einmal vor vier Jahren hier oben teilen durften. Doch dieses Mal ist es noch intensiver. Es gibt nicht genug Speicherplatz auf meiner Kamera oder in meinem Gehirn, um dieses Moment wirklich zu verarbeiten. Nur Puzzleteile aus „Ah!“ und „Oh!“ bleiben hängen in diesem Kaleidoskop aus Orange, Türkis und Blau.
Unser Frühstück – dehydriertes Omelette, revitalisiert mit gefiltertem Seewasser, erhitzt auf unserem kleinen Gaskocher – nehmen wir am oberen See ein, in der Kathedrale. Für einen Moment wirkt es, als wäre der komplette See über Nacht verschwunden. So perfekt ist die Spiegelung, dass man mehrmals hinsehen muss, um die Grenze zwischen Wasser und Land noch zu erkennen. Im Hintergrund wieder die spitzen Schreie der Pikas, von denen wir noch mehrere sehen. Ich bin im Himmel. Lange sitzen wir an dem See, völlig allein, bevor ein paar Bergsteiger von einem nächtlichen Gipfelsturm am Grand Teton herabsteigen. Jeder Moment, den ich in der Wildnis verbringe, bringt mich näher an die Natur, zum Verständnis von Zusammenhängen, zu innerem Frieden, zu Neugier und dem Willen noch mehr Zeit hier draußen zu verbringen.
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SquirrelSarah (Montag, 15 September 2025 12:34)
Hallo liebe Karen,
genau so ist es. Für mich/uns bedeutet Natur innerer Friede, Begeisterung, Schönheit, Wunder und Herausforderung (Fitness). Am Schönsten ist es, wenn man nur Tiere und Bäume und Berge um sich herum hat und kaum andere Menschen - oder Gleichgesinnte. Nicht immer kann man Krach und Stadtleben entfliehen, jeder muss mal einkaufen, zum Arzt, zur Arbeit,... aber man kann sich schon einiges so gestalten, dass man viel Zeit draußen und im Grünen verbringt. Ich wünsche dir ganz viel Spaß im Nirgendwo. Genieße es!
Liebe Grüße
Sarah
SquirrelSarah (Montag, 15 September 2025 12:31)
Hallo Dani, lieben Dank für deine Worte. :) Schön, dass wir dich mitnehmen konnten. Besonders Flausch ist essenziell. :D
Liebe Grüße
Sarah
Karen (Sonntag, 07 September 2025 18:26)
Hallo Sarah und Rand,
wieder ein Artikel, der so wunderbar beschreibt, wie überwältigend die Natur sein kann. Ich kann so gut verstehen, dass ihr am liebsten bleiben wollt. Nie wieder Stadt, nie wieder Krach, nur Naturgeräusche und -farben. Geht natürlich nicht, doch ihr seid garantiert bald wieder irgenwo im Nirgendwo (ich auch). Ich freue mich auf den nächsten Blogartikel.
Viele Grüße von Karen
Dani (Sonntag, 07 September 2025 08:41)
Was für ein schöner Beitrag, von Flausch, Kathedralen und tiefen Seen. Danke für das Mitnehmen und etwas nachspüren können ❤️