Edinburgh · Helensburgh · 215 km zu Fuß über den John Muir Way · Dunbar · Edinburgh
28. Juni 2025
Und dann ist der Weg sechs Stunden lang weg.
Wie, weg?
Ja, weg, einfach so. Vom Meer verschluckt. Aber später ist er wieder da. Hm!
Einhundert Kilometer zu Fuß auf dem John Muir Way in Schottland liegen hinter uns, als wir das Meer erreichen. Als wir das Örtchen Prestonpans entern, deuten die offiziellen Wegweiser alle Richtung Innenstadt. Doch durch eine Stadt zu laufen, ist meistens laut, grau und boring as fuck. „Schau mal, da ist ein parallel verlaufender Steinweg unterhalb der Stadtmauer, gleich am Meer“, schlage ich vor. Als wir den Weg betreten, ist er merkwürdig nass, glitschig und voller Algen. Dabei hat es seit zwei Wochen nicht mehr geregnet. Kurz darauf wird uns klar, dass der Pfad nur bei Ebbe existiert und bei Flut komplett überspült wird. Es ist Ebbe! Ich bin begeistert und tanze über eine Pfütze hinweg. Mein Mann schaut erstmal auf die Uhr. Ob wir es vor der Flut geschafft haben, wie ein Zauberwald unsere Moral gerettet hat, wie ich in Wellen der Angst gerannt bin und was die Erfüllung auf dem Hügel macht, erfahrt ihr hier im zweiten Teil unseres Fernwanderberichts.
30. Mai 2025
Einmal quer durch Schottland. Ja, jetzt hier nicht mit dem Mietwagen, sondern mit Füßen. 215 Kilometer und 15 Tage lang sind wir auf dem John Muir Way von Küste zu Küste unterwegs; jeden Tag bei… eh, „Wind und Wetter“…? Surprise – nein! 15 Tage lang bei Sonnenschein und beißendem Wind.
Wir stehen am Startpunkt in Helensburgh. Ein kleines Dorf an der Westküste des Landes. Da der John Muir Way wesentlich unbekannter ist als der große West Highland Way, ist auch das Startschild relativ mickrig: eine Plakette an der Wand eines Häuschens, das den Charme einer öffentlichen Toilette hat. Egal, wir machen trotzdem ein Foto.
Dann laufen wir aus der Stadt hinaus wie ein schottischer Botschafter im 16. Jahrhundert. Dick bepackt, mit einer Mission, nicht wissend, ob wir je am anderen Ende ankommen werden. Na gut, vielleicht ein bisschen übertrieben. Trotzdem wohnt jeder Fernwanderung ein Zauber inne. Der Moment, in dem man sich entschließt, in einer hoch technologisierten Zeit eine absurde Strecke einfach zu Fuß zu gehen. Der Moment, in dem man alles, was man braucht, auf seinem Rücken trägt. Der Moment, in dem man etwas loslässt, um herauszufinden, was man schaffen kann und in dem man weiß, man wird am Ziel nie dieselbe Person sein, die losgegangen ist.
