Camping am Limit – mit Reifenpanne und rohen Möhren ohne Wasser in der Steppe.

29. Juni 2024

Sarkasmus und Blödelei taking over - Camping am Limit
Sarkasmus und Blödelei taking over - Camping am Limit

Ich will schreien. So laut, dass die versteckte Kamera aus dem Busch fällt. Aber lieber nicht. An diesem Wochenende würde sie mir garantiert auf den Kopf donnern, Genickbruch, tot.

An diesem Wochenende wollten wir eigentlich gemütlich auf einem grünen Campground in einem schönen State Park in Wyoming am Ufer eines Baches zelten. Mit lecker Spagetti, heißer Schokolade und einer Wanderung in einem pittoresken Canyon.

 

Stattdessen stehe ich mit einer Packung roher Karotten vor einem platten Reifen im Staub und schaue zwischen der brennenden Sonne über dem Niemandsland und den letzten drei Tropfen in unserem Trinkwassertank hin und her. Wie um alles in der Welt konnte all das schiefgehen. In weniger als 48 Stunden. Das muss man erstmal hinkriegen. Wenn es jetzt noch regnet, raste ich aus.

 

Um 1 Uhr nachts fahre ich aus meiner Haut und fast aus dem Zelt – es donnert krachend. Dann Starkregen. Mein Freund und ich schauen uns im Dunkeln an. Ich sehe ihn kaum, aber ich muss ihn auch nicht sehen, um zu wissen, dass wir beide innerlich laut sarkastisch lachen.

Das ist die Geschichte von einem Epic-Fail-Camping-Trip, den man nicht so schnell wieder vergisst. Macht euch einen Eimer Popcorn klar.

Die Sache mit dem Sprit

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Auskundschaften von Wildcampingplätzen - allerdings ohne Sprit

Apropos Eimer. Hätten wir mal nicht so rumgeeimert am Samstagnachmittag. Als wir endlich im Auto sitzen, ist es viel später als geplant. Etwas hektisch machen wir uns auf den Weg zur zwei Stunden entfernten Medicine Lodge – einem idyllischen Campingplatz in einer Schlucht mit Petroglyphen (Felssymbolen aus der Urzeit). Dort angekommen, stellen wir fest, dass die Pärchen-Kombination „Rentner und Selbstständige“ dafür sorgt, dass wir absolut kein Gefühl mehr für Wochentage haben. Stimmt, es ist Samstag. Und Muttertag-Wochenende. Und das Wetter ist nach sieben Tagen Regen endlich mal wieder richtig geil. Der Campingplatz ist komplett ausgebucht. Dödömm.

 

Zum Glück gibt es in den USA ausgewiesene Landflächen, auf denen man wildcampen darf. Gut, da gibt’s dann weder Wasser noch Toiletten noch sonst irgendwas. Halt nur… ’ne Landfläche. Steppe und Kaktus und so. Aber besser, als nach Hause zu fahren!

Wir kundschaften einen Schotterweg aus, der hoch hinaus auf eine Felsklippe führt.

„Sarah, hast du mal die Tanknadel gesehen?“, ruft mein Freund plötzlich.

 

Lieber nicht. Die hängt nämlich nicht auf halb acht, sondern auf kurz vor zwölf. Keine Ahnung, warum das keiner von uns vor der Abfahrt bemerkt hat. In Wyoming nicht zu tanken, ist ungefähr so schlau, wie sich im Wald in Honig zu wälzen und sich dann zu wundern, dass man von einem Bären gefressen wird. Ich versuche, mit einem mehr als schwachen Handysignal herauszufinden, wo die nächste Tankstelle ist. Sie ist in 40 Kilometern – und das ist schon die Abkürzung über eine Staubpiste.

Die Sache mit dem Wasser

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Polarlichter über unserem Zelt - einfach nur unglaublich toll!

Wir rumpeln durch surreal rote und einsame Felslandschaften. Darüber ein bedrohlicher, dunkelblauer Himmel. Nachdem wir in einem kleinen Dorf vollgetankt haben, fahren wir die 40 Kilometer zurück zu unserer Felsklippe, die auf einer Wanderkarte am Wegesrand als erlaubte Landfläche für Wildcamping ausgewiesen ist. Dort oben ist alles und nichts – Staub, Büsche, kein Schatten, kein Wasser und eine fantastische Aussicht über orangene Tafelberge, weiße Felssäulen und goldene Kakteen im Sonnenuntergang. Woooah!

 

Wir bauen unser Zelt auf und machen uns Lauchsuppe auf dem Kocher warm. Wir haben sogar unseren blauen Wassercontainer mitgebracht – aber der ist fast leer, weil wir ja eigentlich an dem nett ausgebauten, grünen Zeltplatz im Tal hatten übernachten wollen, wo man kostenlos und endlos Trinkwasser nachfüllen kann

„Ach, morgen früh fahren wir einfach kurz dort runter“, sagt mein Freund. „Dann ist Sonntag, dann fahren bestimmt auch viele Leute nach Hause und vielleicht bekommen wir sogar einen Platz für unser Zelt für die Nacht auf Montag!“ Klingt gut. Ich schenke nochmal Teewasser nach – wir haben’s ja. Morgen.

 

In der Nacht flackern Polarlichter über unserem Zelt. Es ist dieses Wochenende im Mai 2024, an dem man sie sogar über Deutschland und Mexiko sehen kann – eine echte Ausnahme und ein fantastisches Naturwunder. Zwar mit dem Auge nur monochrom sichtbar, aber mit der Kamera in Langzeitbelichtung violett, rot und grün. Wir blicken in die Sterne. Niemand außer uns ist hier draußen. Es ist magisch.

Die Sache mit dem Reifen

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Reifen platt, nüscht zu trinken und natürlich Sonntag und Wyoming

Der nächste Morgen ist auch wahnsinnig magisch, den irgendjemand hat uns eine fette Schraube in den Autoreifen gezaubert. „Scheiße, ich flipp aus!“, rufe ich und renne rüber zum Zelt, um meinem Freund die frohe Botschaft zu überbringen. „Der Reifen ist platt. Also ganz. Ganz platt.“

 

Zum Glück hat mein Freund eine pragmatische Ruhe. Ruhiger Pragmatismus. Ich raste aus.

„Ich hab eine Versicherung mit Roadside Assistance“, sagt er. Als er in der Versicherungs-App unseren Standort angibt, kommt heraus, dass die nächste vertragliche Service-Stelle flockige 270 Kilometer entfernt liegt. That’s Wyoming. Unendliche Weiten.

 

„Wir können auch einfach selbst ein Reserverad draufziehen, in eine nicht-vertragliche Werkstatt fahren, die näher ist, und den Mist dort reparieren lassen und einfach selbst zahlen“, versuche ich mich an Pragmatismus. Super Idee an einem Sonntag, wo selbst in den USA vieles geschlossen hat. Wieso passiert so eine Scheiße eigentlich immer an einem Sonn- oder Feiertag? Nie fällt einem aus Versehen an einem Dienstagvormittag direkt vor der Notaufnahme das Bein ab.

Als wir dann noch herausfinden, dass unser Auto ab Fabrik keinen Reservereifen, sondern nur ein Klebe-Kit hat, müssen wir fast lachen. Aber nur fast, denn der Trinkwassercontainer im Kofferraum ist immer noch fast leer und die Sonne brennt.

Die Sache mit der Wanderung

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Der Canyon bei Medicine Lodge State Park

„Schau mal, von hier aus sind es zu Fuß nur 2,6 Kilometer bis zu dem Campingplatz im Tal“, sage ich und halte meinem Freund eine Karte unter die Nase. Okay, dazu müssen wir in der prallen Hitze die Klippen runterwandern – aber hey, da unten gibt’s Wasser! Da wir an diesem Tag eigentlich ohnehin hierbleiben und wandern gehen wollten, sacken wir unsere vier Literflaschen ein und stiefeln los. Das Auto können wir auch noch morgen reparieren, wenn die Werkstätten wieder offen sind. Genug zu essen haben wir für zwei Tage mitgebracht. Sogar richtig leckeres Essen – Nudeln mit Oliven, Tomaten und Parmesan. Yum! Das kochen wir uns heute Abend gemütlich auf unserer Felsklippe mit Blick auf den Sonnenuntergang.

 

Im Tal füllen wir unsere Wasserflaschen auf und beschließen, noch ein Stück in einen roten Canyon zu wandern. Wo wir schon mal hier sind! Nachdem wir fünf Kilometer in den Canyon gewandert sind, ist es so sonnig und heiß, dass ich lieber nochmal Sonnencreme nachlegen will. Ich wühle im Rucksack herum. Wo ist der verdammte Mist?

„Ich eh… ich glaube, ich hab die Sonnencreme oben am Zelt liegen lassen“, sage ich nach einer Weile etwas flach. Wir kehren um. Aber wer fünf Kilometer reingewandert ist, muss auch fünf Kilometer wieder rauswandern. Wir füllen unterwegs am Campingplatz nochmal Wasser nach und kriechen dann den Klippenpfad hinauf zu unserem Zelt. Geröstet und erschöpft fallen wir in unsere Faltstühle. Mein Freund hat kleine rote Hitzepocken auf der Stirn. Aber die Aussicht ist geil. Echt jetzt. Guck mal:

Die Sache mit dem Essen

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Egal jetzt - es ist schön hier!

Nach diesem Tag und 15 Kilometern zu Fuß haben wir uns sowas von ein geiles Abendessen verdient! Ich hole Kocher, Besteck, Tomaten, Oliven und Käse raus.

„Hast du die Nudeln?“, frage ich meinen Freund.

Er schaut mich an: „Sind die nicht im Auto?“

Obwohl wir die Wahrheit kennen, schauen wir nochmal nach. Dann lachen wir laut und beknackt. Die Nudeln liegen zu Hause in der Küche.

 

An diesem Abend essen wir Cherrytomaten, Oliven, einen Beutel roher Möhren, den wir im Auto finden, und einen Muffin. Immerhin haben wir jetzt ganz viel Wasser, denn gekocht haben wir offenbar nichts.

 

Der Sonnenuntergang ist wieder fabelhaft. Wolken werden von unten pink angeleuchtet und orangene Strahlen stechen feurig hinter den Bergen in den Himmel wie Scheinwerfer auf einem unvergesslichen Konzertabend.

Allerdings traue ich dem Frieden nicht. Nicht nach allem, was passiert ist.

Trotz meines latenten Alarmzustands schieße ich nachts überrascht in die Höhe, als es plötzlich blitzt und kracht. Dann prasselt Starkregen aufs Zelt. Immer und immer wieder. Bis vier Uhr morgens. Nicht, dass der Wetterbericht ein Sterbenswort davon gesagt hätte. Wir beömmeln uns. Was ist das alles für eine Shit-Show?! Wenn jetzt noch das Auto im Schlamm feststeckt…

Die Sache mit der Werkstatt

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Da ist das Moppet - ganz schön groß!

Am nächsten Morgen wachen wir herrlich erholt auf. Nicht. Ich bin so fertig wie ein Brötchen. Gemeinsam schlagen wir uns durch die Anleitung für das Klebe-Kit, um den Reifen wenigstens kurzfristig wieder halbwegs fahrtüchtig zu machen. Eine Zeichnung im Betriebsheft zeigt einen Reifen, aus dem eine fette Schraube heraussteht. „Das sieht genauso aus wie unser Auto!“, rufe ich euphorisch. Interessant, worüber man sich irgendwann freut.

Nach knapp zwei Stunden Herumbastelei in der nun wieder brüllenden Hitze, sieht es so aus, als ob der Kleber tatsächlich das Schraubenloch soweit verklebt hätte, dass wir zur nächsten, 70 Kilometer entfernten, Werkstatt holpern können. Mit Schrittgeschwindigkeit dümpeln wir über den Standstreifen, während Lastwagen an uns vorbeidonnern.

 

In der Werkstatt dann große Freude: Wir kommen sofort dran und der Reifen kann dauerhaft geflickt werden. Wir zahlen nur 20 Dollar. Jetzt geht’s nach Hause!

Nach 30 Kilometern klingelt das Handy. Am anderen Ende die Werkstatt. „Ehm… sorry… aber wir haben eure Radkappe vergessen. Die liegt noch hier“, sagt der Mechaniker kleinlaut. Ich schreie. Innerlich. Aber nur ein bisschen. Wir fahren nochmal zurück. Giggelnd und mit sarkastischen Kommentaren. Der Mechaniker versteht nicht, was mit uns nicht stimmt, aber wir können es ihm in diesem Moment auch nicht erklären. Es gibt Scheiß, den muss man live erlebt haben.

Und dann sind wir doch endlich zu Hause.

 

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