11. Juli 2026
Ich kann nicht mehr. 150 Quadratmeter Garten, grüner Dschungel, ich hab überhaupt keine Ahnung, ich kenn nur Gänseblümchen. Und jetzt gehört das alles plötzlich mir.
Vor zwei Jahren habe ich das Haus und den Garten meines fast 100-jährigen Opas geerbt: picobello, kein Unkraut, was sollen die Nachbarn sagen. Ich hab mich rausgehalten und stehe jetzt mittendrin. Planlos, überwältigt. Dann bekomme ich auf einmal Nachrichten von meiner besten Freundin aus Hamburg. Sie würde jetzt einen Naturgarten anlegen. Heimische Pflanzen und so. Wegen Insektensterben, bedrohten Igeln und Klimawandel. Hmm…! Themen, mit denen auch ich mich stark identifiziere. Was also, wenn dieser Garten kein lästiger, grüner Dschungel aus mir unbekannten exotischen Sträuchern ist, sondern eine Chance? Sei die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt, runtergebrochen auf Gänseblümchen. Plötzlich hab ich richtig Bock. Ich fange an. Ganz am Anfang. Naturgarten für Anfänger.
Das ist jetzt ein Jahr her – und ich stehe vor einem bunten, wilden Paradies voller Leben. Wir haben Specht-Babys, Bachstelzen-Nachwuchs, manchmal sind zwanzig Schmetterlinge auf einmal da, Wildbienen, Molche,… eine Transformation – lass dich inspirieren!
8. März 2026
Es riecht würzig, moosig, kalt und nach Sternen. Ich liege auf einem dichten Laubhaufen unter einem engen Dach aus morschen Ästen, es ist Januar, fast null Grad, Mitternacht und ich bin allein im Wald. In einem Shelter – einer selbstgebauten Schutzhütte aus Laub. Jetzt kann man sich fragen: Was soll der Quatsch? Bin ich irgendwo verlorengegangen? Ja und nein. Ich bin seit Oktober 2025 in meiner Ausbildung zur Wildnispädagogin. Du denkst, da tanzt man bloß seinen Namen und lernt ein paar Bäume auswendig? Ja, von wegen! Wildnispädagogik ist vor allem eins: wild. Nicht nur draußen in der Natur, sondern vor allem in einem drin. Es geht um das Verlassen von Komfortzonen, Ängste, Überwindung, Erfahrung und Selbstwirksamkeit – also die Fähigkeit, bei großen Herausforderungen das feste Vertrauen in sich selbst zu besitzen, die Situation aus eigener Kraft erfolgreich zu meistern. Und der Weg dorthin führt nicht über einen Pfad aus Rosenblättern, sondern dorthin, wo es unheimlich, kalt, unbequem und unbekannt ist. Deshalb haben wir schon nach dem ersten Modul die Hausaufgabe bekommen, unser eigenes Notfall-Shelter zu bauen – aus Ästen und Laub, im Wald – und eine Nacht darin zu schlafen.
Ich mach das, weil ich weiß, welchen unschätzbaren Wert Erfahrungen haben und welche Freiheit ich gewinne, wenn ich die Grenzen verschiebe von „Das kann ich nicht“ zu „Das hab ich gemacht“. Hier kommt eine Geschichte von Naturverbindung, Mut, Learnings, Frost und einem Eichhörnchen.
Ja, einem Eichhörnchen.
19. Oktober 2025
Meine Kindheit in a nutshell: „Widersprich nicht, sei still, jetzt kriegst du das, was du verdienst!“
Spoiler: Wenn man einem jungen Menschen den Wert, das Selbstbewusstsein, die Zuversicht und das Standing nehmen will, dann sind das genau die richtigen Worte. Wahrscheinlich gewählt von Erwachsenen, deren Umgang mit Kommunikation und Emotionen auch schon seit Kindertagen gestört ist. Was das mit einem macht? Es macht einen zum Ja-Sager, zum Prügelknaben, zum verschüchterten Mauerblümchen, das tatsächlich am Ende des Tages denkt, es würde es halt nicht besser verdienen. Wer wertlos ist, verdient nichts. Nein sagen, Grenzen aufzeigen, etwas Gutes für sich selbst tun – geht nicht, weil unverdient. Macht ja Sinn.
Kennst du? Dann bist du hier genau richtig. Denn: Wir lassen uns das nicht mehr gefallen! Warum? Weil du etwas wert bist – und zwar richtig, richtig viel. Komm, wir machen die Schatztruhe auf und schauen nach. Du hast keinen Schlüssel? Den hält jemand anderes fest? Dann holen wir ihn uns zurück!
12. Juli 2025
Ich habe da diese wunderbare Freundin, die vor vielen Jahren mit Anfang zwanzig von Deutschland nach Schottland ausgewandert ist.
Diese Freundin begann ein neues Leben in einem anderen Land – trotz mehrerer mentaler Erkrankungen und Struggles, mit einem inzwischen abgeschlossenen Fernstudium an der Angel, suchte sich allein eine Bleibe in Edinburgh, jobbte in Callcentern, modelte nebenbei und brachte sich historisches Handwerk wie Brotbacken und Kräuterwissen selbst bei. Irgendwann hatte sie dann einen flauschigen Hund und inzwischen ist sie ein Outdoor-Hobbit, der im Meer Eisbaden geht und am Strand zeltet. Und genau diese junge Frau schrieb mir vor nicht allzu langer Zeit: „Ach, bei mir passiert nicht viel, mein Leben ist ja eher langweilig.“ Ich dachte, ich flieg vom Hocker. Ich wollte sie schütteln, aufrütteln und gleichzeitig lachen. Ihr Ernst?!
Was uns das Gefühl des Langweiligseins gibt, warum wir sofort damit aufhören müssen, uns zu vergleichen und wie wir von dem Gedanken der Bedeutungslosigkeit unseres Lebens wegkommen.
20. März 2025
Gibt es etwas Deutscheres, als Spazierengehen? Gut, vielleicht Kartoffeln.
Was habe ich Spazierengehen früher gehasst als Kind. Wenn meine Eltern mich rausgezerrt haben, in horrendem Mittelgebirgsregen bei fünf Grad – nur, um um die gleichen zehn Häuserblocks und den gleichen blöden Wald zu laufen wie immer.
Was ich damals nicht wusste: Ich hatte Tomaten auf den Augen und Gurken in den Ohren. Ich habe nichts gesehen, nichts wahrgenommen, bin einfach missmutig mitgetrottet und war froh, als wir wieder zu Hause waren. Ich habe das Spazierengehen nicht verstanden, weil ich nicht wusste, worauf es ankommt.
Es ist das Hinsehen. Die Details. Das Riechen. Die Sinne. Das Da-Sein. Bewusst und im Jetzt. Gluckert da nicht ein Fluss und ist da nicht der Fußabdruck von einem Waschbären im Matsch? Was hängt denn da an der Hauswand und wie schön ist dieser Stromkasten bemalt?
Hier ist „How to Spazierengehen“ – aber richtig.
30. Dezember 2024
„Schon wieder ein Jahr vorbei, die Zeit rast echt!“
Stopp.
Wenn ihr das gerade denkt, dann ist dieser Text für euch! Ist es nicht schade, dass uns die Zeit durch die Hände zu rinnen scheint und dass wir zu Festen wie Silvester oder Geburtstagen manchmal mit Melancholie, Resignation oder sogar Reue auf diese Wahrnehmung schauen?
Das ist halt so – je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit.
Richtig und doch so falsch.
Nein, man kann Zeit nicht anhalten oder zurückdrehen. Aber man kann für sich selbst die Geschwindigkeit der Zeit verändern. Klingt nach dunkler Magie und Eso-Geschwafel? Auf keinen Fall! Hier kommt ein kleiner Gedankenanstoß zum Ende des Jahres mit Tipps, wie man Zeit langsamer, bewusster und erfüllender erleben kann.
3. März 2024
Boah, morgens schon Regen und Stau, die Bahn kommt nicht, der Chef lässt was Unnötiges vom Stapel, Kopfschmerzen, eine blöde WhatsApp in der Familiengruppe, der Kontostand ist auf Halbmast, mal wieder keine Zeit für die wirklich schönen Dinge – Moment!
Durch mein Leben aus dem Koffer, durch Begegnungen mit Menschen aus aller Welt und das hautnahe Erleben von anderen Lebensweisen, Armut und Improvisation, habe ich erfahren, wie wenig es manchmal braucht für ein bisschen Glück. Ich habe keinen Bock mehr, auf hohem Niveau über Regenwolken zu meckern während woanders Krieg ist oder mich in unnötigen Konsum zu flüchten. Hier kommen fünf Ideen, die deinen Alltag schnell und kostenlos schöner machen. Na, bereit?
4. November 2023
Ich bewundere, wie du deine Träume lebst, von unterwegs arbeitest und deiner Intuition folgst! Echt, ich freu mich immer über Komplimente. Besonders, wenn ich anderen Menschen Mut machen oder ihnen Ideen und Inspiration geben konnte. Aber ich glaube, ich muss mal aufräumen. Ich glaube, dass zu viele lustige Reiseberichte, Fotos in Jubelposen vor Berggipfeln, Schwärmereien von Freiheit und Mut dazu führen, dass der Buchstabensuppe der Wahrheit irgendwann wichtige Sätze fehlen.
Zum Beispiel „Ich konnte nicht mehr“, „Ich hab auf dem Sofa gelegen und geheult“, „Ich wusste nicht weiter“, „Ich hatte keinen Plan“, „Ich hatte Angst“.
Zeit, dass der Zimmermann kommt und den Boden der Tatsachen verlegt.
22. Juni 2023
“Ich höre morgens immer die Nachrichten, dann kann ich mich direkt über was aufregen“, sagt meine
Nachbarin. Der Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Alter, was stimmt nicht mit uns Menschen? Warum wollen wir uns dauernd aufregen, Hasskommentare schreiben, oder scheiße finden, wie andere
Menschen leben, denken oder glauben?
Auf all meinen Reisen habe ich vor allem eines gelernt: Dankbarkeit. Dafür, dass ich nicht in
einer Wellblechhütte in einer Favela lebe, keine Bomben auf mein Haus fallen und ich genug zu essen habe.
Ich habe aber auch liebe Menschen sterben sehen, seit fünf Jahren eine unheilbare, chronische Krankheit und im Freundeskreis alles von Fehlgeburt bis Krebsdiagnose erlebt. Ich könnte das Leben also stattdessen auch so richtig krass hassen. Aber ich habe mich entschieden, lieber dankbar zu sein. Hier ist warum.
26. Februar 2023
Schon immer habe ich mich gefragt, was passiert, wenn es keine Schilder gibt, der Handyakku stirbt, das GPS-Gerät in den Fluss fällt und die Faltkarte dorthin weht, wo Bob Dylans Antworten hinwehen: in den scheiß Wind.
Bisher war das relativ klar: Ich kacke ab.
Doch nach dem Wildnis-Vortrag einer Professorin bin ich voller Elan. Sonnenstand, Wind,
Geräusche, Gerüche und Landmarken können sich im Kopf zu einem vollständigen Plan über das Gelände zusammenfügen. Ganz ohne Google Maps, ohne „Sie sind hier“-Pfeil, Schilder oder
Karten.
Ein paar Tage später setzt mich mein Freund an einem kleinen Staubtrail in einem Tal aus und gibt mir die Aufgabe, ihn und das Auto nach einer Wanderrunde an derselben Stelle wiederzufinden. Wer hätte wissen können, dass ich ein paar Meilen später planlos durch einen Fluss stolpere, auf riesige Katzenspuren starre und ein besonders wegweisender Geruch mein eigener Angstschweiß ist.
24. Dezember 2022
Ist euch mal aufgefallen, wie oft wir unsere Lebenszeit mit Überlegungen oder Bereuen verplempern und nur selten wirklich etwas tun?
Wie bekloppt ist es, dass wir erst in Plänen und Visionen schwelgen, um dann wahlweise träge zu werden, Angst zu bekommen oder auf etwas nicht verzichten zu wollen, nur um danach wiederum zu bereuen, dass wir nix umgesetzt haben und es nun zu spät ist. Wir verlieren so viel Lebenszeit in Tagträumen und Reue, statt sie in das zu investieren, was am wichtigsten ist: den Scheiß endlich zu machen!
Und weil der Mensch dazu tendiert, Denkanstöße wie diesen nickend zu lesen und danach gleich
wieder zu vergessen, kommen hier fünf konkrete Vorschläge zu Dingen, die wir jetzt öfter machen sollten!
23. September 2022
Terri und ich sitzen gerade mal fünf Minuten in dem kleinen Café am Panama Hotel in Seattle. Wir kennen uns bisher nur über Instagram und treffen uns zum ersten Mal in echt.
„… und deshalb finde ich es gut, dass das heute geklappt hat. Mein Onkel war erst 62 als er an
Krebs gestorben ist. Zeit ist so wertvoll“, sage ich.
„Oh Gott, Sarah, wir haben uns kaum hingesetzt und schon reden wir über den Tod“, wirft Terri ein wenig erschrocken ein.
Der Tod - wir können ihm nicht entkommen, also warum versuchen wir, gedanklich vor ihm wegzulaufen? Wenn wir uns ihm erst einmal bewusst werden, können wir viel mehr steuern, wie wir ihm begegnen und welche Möglichkeiten wir vorher noch haben.
Also lass uns über den Tod reden!
21. August 2022
Ich stehe an einem schroffen Berghang. „Und wenn ich gleich anzähle, rennst du los und hörst nicht auf zu rennen, bis wir in der Luft sind!“, beschwört mich mein Flugkapitän. Rennen? Auf dieser fast senkrechten Piste? Wenn ich nur einen Schritt mache, kippe ich vorne über und dann war’s das. Panne ey.
Was mache ich hier eigentlich schon wieder? Mit einem Fallschirm von einem Berg springen, obwohl ich nach fast hundert Flugzeugflügen immer noch mit fahlen Händen nach den Armlehnen neben meinem Sitz greife, wenn ein winziges Luftloch kommt.
Egal, wir springen da jetzt runter. Jetzt!
19. Februar 2022
„Ich war noch niemals in New York“. Den Song von Udo Jürgens kennt fast jeder. Über den Typen, der darüber nachdenkt, Zigaretten zu holen, nicht wiederzukommen und dann sogar noch praktischerweise seinen Reisepass dabeihat (also ich nehm den nicht mit, wenn ich im Rewe Artischocken im Glas kaufe). Bah, was für eine Ausgangssituation! Aber was dann?
Richtig, nichts. Er geht wieder nach Hause. Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei. Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.
„Ja, dann mach doch!“, brülle ich auf einmal laut durch die Musik im Auto. Mein Fenster ist offen. Auf der Nebenspur glotzt jemand. Na und, lass sie doch glotzen. Geh doch endlich Zigaretten holen. Wie? Erfährst du hier.
24. Oktober 2021
Manche Themen sind plötzlich Trend. Allerdings kriege ich davon nie was mit. Meistens sitze ich nämlich irgendwo in irgendeiner Wildnis und fotografiere Elche. So habe ich irgendwann erfahren, dass „Über sein Leben ausrasten und überflüssige Dinge loswerden“ inzwischen „Minimalismus“ heißt.
Aber was genau bedeutet das? Weiße Wände? Muss ich alles wegwerfen, auf alles verzichten und plastikfrei auf einem Drahtesel mit einer milden Gabe ins Schaufenster des nächsten Second-Hand-Ladens donnern? Ich denke nicht. Ich denke, Minimalismus bedeutet zuerst einmal, seinen Kopf aufzuräumen. Um danach zu entscheiden, was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Denn das wünschen wir uns doch am Ende alle: glücklich sein. Also lass uns das doch mal versuchen!
24. April 2021
Der Wunsch, mit etwas glücklich zu sein. Mit dem Job, der Beziehung, den Kindern, dem Haus, der Freizeit und den Hobbys. Mit dem Leben. Lebensfreude. Es ist einer der wenigen Wünsche, den alle Menschen auf der Welt irgendwie teilen. Und doch geht er oft unter im Alltag. „Ich war heute wieder so gestresst von der Arbeit“, sagen wir. „Mein Partner und ich streiten in letzter Zeit oft“, „Ich wollte mein ganzes Leben lang einmal nach Peru, aber jetzt bin ich so krank“. Wo ist also die Lebensfreude und wie wird man verdammt noch mal glücklich? Ich habe vor ein paar Jahren nach einer langen Reise mein komplettes Leben ausgehebelt und noch mal ganz neu angefangen. Seitdem klappt das mit dem Glück ziemlich gut. Und deshalb gibt es jetzt hier meinen Versuch einer Anleitung zum Glücklichsein.
21. Februar 2021
Es gibt ja diese Blagen, die ziehen von zu Hause aus und können einfach gar nix. Keinen Hammer halten, keinen Nagel einschlagen. Nicht mal schief. Die rennen beim Baumarkt vor die Glasscheibe vom Eingang. Genauso ein Kind war ich auch. Was war also irgendwann? Richtig – maximaler Kreativitätsstau bei minimaler Fachkenntnis. Ich wollte endlich etwas schaffen. Etwas, das mir gefiel, ohne Kompromisse, und das den leicht schrägen Vorstellungen meines persönlichen Wohlfühl-Habitats entsprach. Lebensgroßes Tipi im Wohnzimmer, Holzhütte im Schlafzimmer, Industrie-Ambiente im Bad. Und genau diesen crazy Shit erfülle ich mir jetzt. Ja, ich rede hier vom selben Loser, der früher nicht mal einen Nagel einschlagen konnte. Wie das sein kann, warum du das auch kannst und wie du das machst – jetzt, hier.
28. November 2020
Ich öffne die Nachricht. Sie ist kurz.
Hi Sarah, Frank ist heute Morgen gestorben.
Ich stehe mitten im Raum und glotze die Wand an. Es ist so still, als würde gleich das Fenster platzen und in tausend Splittern auf die Straße regnen. Auf einmal scheint die Holzvertäfelung zu pulsieren und der Boden unter mir aufzuweichen.
Frank ist ein Freund aus Los Angeles, den ich 2017 auf meiner mehrmonatigen Soloreise durch die USA kennengelernt habe. Ich wusste, dass er Krebs hatte.
Geht und besucht eure Familie, ruft eure Freunde an, verbringt eure Zeit nicht mit Überstunden, sondern mit euren Liebsten. Hier kommen wundersame Erinnerungen an einen tollen Menschen – und tausend Gründe warum du niemals warten solltest!
29. Oktober 2020
Ich bin im Hochrisikogebiet. Dem Land, das an der Spitze des Übels steht und in dem alles
außer Kontrolle zu sein scheint. Weltweite Reisewarnung und so. Ich bin in den USA, in der Wildnis von Wyoming. Und obwohl ich deshalb im Hotspot des Superspreading und mit einem Bein im Grab
stehen müsste, fühle ich mich so gut und so weit weg von der Welt wie lange nicht mehr. Was ich mir selbst verordnet habe: keine Nachrichten, keine Aufregung, kein Drama. Es ist der Moment, in
dem ich weiß: Ich bin raus!
Warum du in diesen Zeiten mal bewusst abschalten musst, weshalb du nicht immer zu allem eine Meinung haben brauchst und wie du Ruhe und Happiness wiederfindest.
6. Juni 2020
Der Typ an der Security im Flughafen guckt etwas spanisch auf die Boxen und Fläschchen in meinem Handgepäck. „Darf ich fragen, was das ist?“ Am liebsten würde ich ganz laut „KOKS!“ rufen, doch dann würde ich den Rest des Tages vermutlich in Isolationshaft verbringen, statt im Flugzeug. Also sage ich ihm lieber die Wahrheit. „Das sind meine Medikamente. Ich bin chronisch krank. Ich habe auch ein Attest dabei.“
Die Laune habe ich mir durch sowas von Anfang an nicht vermiesen lassen. Auch nicht meine ausgiebigen Reisen. Langzeitreise mit chronischer Erkrankung – geht. Irgendwo zwischen Vollkrise und Lachanfall.
24. Mai 2020
Ich bin sechzehn und gehe in meinen Lieblingsbuchladen. Eigentlich möchte ich nur das neue Buch von diesem bekannten, deutschen Thriller-Autor kaufen und gehe in die Krimi-Abteilung. Aber ich habe seinen Namen vergessen. Nach wenigen Sekunden fühle ich mich so, wie eigentlich 24 Stunden am Tag: unsicher und dumm. Zwischen pathetisch und panisch. Ganz viele Jahre in meinem Leben war ich nichts.
Hier werfe ich einen sehr persönlichen Blick auf Themen, die viele etwas angehen, aber über die nur wenige offen reden. Mobbing, Selbstzweifel, unterirdisches Selbstbewusstsein. Wie man aus der Scheiße rauskommt und vor allem endlich begreift: Ich kann das. Und ich bin toll!
5. Juli 2019
Wind zerreißt die dröhnende Stille wie ein samtener Vorhang auf der Bühne in völliger Dunkelheit. Trockenes Gras beugt sich den unsichtbaren Luftströmen, bis es den staubigen Boden berührt. Es sind die einzigen Geräusche an diesem Abend, kurz vor der goldenen Stunde, bevor die Sonne hinter den schwarzen Kanten der Felsen verschwindet. Oder doch nicht?
Meine Augen fixieren die Bergkette – und die Berge scheinen zurückzublicken. Ich spüre etwas wie einen zweiten Herzschlag in mir. Der Ruf der Berge. Von der Intensität eines Stromschlags. Der Versuch einer Erklärung der Faszination des Bergwanderns.
2. Juni 2019
Meine nassen und kalten Finger klammern sich an die schwarzen Wurzeln. Meine Lungen brennen, mein Knöchel schmerzt.
„Du hast Dreck im Gesicht“, ruft mein Freund von oben, während ein paar rostrote Steinchen geräuschvoll zehn Meter in die Tiefe knallen.Ich könnte jetzt auch im Warmen sitzen und eine Serie schauen, in der jemand mit Blut in der Fresse durch einen Wald rennt. Mein Problem war schon immer, dass ich selbst dieser jemand sein wollte.
Es gibt nichts, was ehrlicher und absoluter ist, als mit dem Herzen voran in die Natur zu springen. Um uns selbst wiederzufinden. Das Kind in uns. Und vielleicht sogar unsere wahre Bestimmung.
31. März 2019
Ich gehe in die Eisen. Hinter mir ein Lastwagen. Der offenbar nicht in die Eisen geht. Ich sehe kaum etwas. Aber ich denke viel. Vor allem eines: Bitte lass es nicht vorbei sein! Eine Welle aus Panik erfasst mich. Als ich zu Hause bin, denke ich nach. Darüber, warum ich so viel Angst hatte. Vor dem Ende. Schließlich kriegt es uns alle mal. Aber nicht jetzt. Nicht jetzt.
Heute, zwei Jahre später, schließe ich meine Augen über dem Abgrund des tiefroten Canyons. Was wäre wenn. Ich lächele und ein tiefer Frieden erfüllt mich. Nicht jetzt? Nicht mehr. Wie ich die Angst vor dem Tod verloren habe.
