Wandern in Wales: Unterkühlung – die unterschätzte Gefahr des Wetters.

16. Januar 2026

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Wandern in Wales - das Wetter hat keine Lust

Wir sitzen im Auto auf dem Wanderparkplatz und ich muss erstmal kurz durchatmen. Dabei sind wir noch gar nicht losgelaufen. Straßen in Wales sind ein Abenteuer in sich. Abgesehen von ein paar breiteren Highways gibt es fast nur einspurige Winz-Straßen, auf denen oft mehrere hundert Meter lang an beiden Seiten meterhohe Hecken oder Erdwälle stehen. Gegenverkehr? Jederzeit möglich, manchmal auch in Form von Treckern. Ausweichen? Keine Ahnung. Delfintherapie? Aber hallo.

 

Auf dem Weg zum Startpunkt unserer Wanderung im Brecon Beacons National Park lenke ich unseren Mietwagen sieben Kilometer lang über teils absurd steile, mit nassem Laubmatsch verklebte, einspurige Winz-Straßen. Ob man jetzt hier rechts oder links fährt, ist auch egal, denn erstens gibt es sowieso nur eine Spur und zweitens ist es das Hauptziel, dass man nicht mit der Karre in irgendeinen Busch semmelt oder beim Ausweichen seitlich einen Berg runterkugelt.

 

Es ist November und wir wollen wandern in Wales. Weil es an der Küste heute den ganzen Tag regnet, fahren wir in die Berge, um zu zwei Seen zu wandern, die in Mulden liegen, die während der letzten Eiszeit entstanden sind. Der Llyn y Fan Fawr und der Llyn y Fan Fach. Auch hier soll es einmal kurz gegen zwölf Uhr mittags leicht regnen, aber das kriegen wir wohl hin. 

Denke ich. 

So harmlos die Tour auch zwischen grünen Hügeln neben einem Flüsschen anfängt, so sehr läuft sie kurz darauf aus dem Ruder. Und das alles nur, weil ich für einen kurzen Moment zu faul bin. Weil ich die Situation unterschätze, trotz allem, was wir schon erlebt haben. Eine Geschichte über Naturgewalten, Überheblichkeit, Eiswinde, Kontrollverlust, Panik und wie ich ganz allein am Arsch gewesen wäre.

Wandern in Wales – immer in Schichten

Der erste See - spektakuläre Berge mit mystischen Wolken
Der erste See mit wunderschönen Bergen und mystischen Wolken

Als wir losgehen, ist es bewölkt und ungefähr zehn Grad kalt. Schafe grasen in den steilen Hängen der Hügel neben dem Fluss. Schafe in Wales sind tougher than nails, wie mein Mann sagen würde. Aber sie haben auch Wolle. Genau wie ich. Mehrere Schichten aus Basis-Shirt, Hoodie und Windjacke. Da es direkt mal bergauf geht, ist mir schnell warm. Weil es Mist ist, wenn man seine Klamotten nass schwitzt (weil so selbst Wollshirts irgendwann unbequem und kühl werden können), ziehe ich nach kurzer Zeit meinen Hoodie aus und stopfe ihn in meinen Rucksack. Mein Rucksack ist eigentlich ganz cool, aber ich hasse es, den umständlich Regenschutz von ihm abzuziehen, nur um etwas rein- oder rauszuholen. Außerdem geht der Hüftgurt des Rucksacks genau über die Seitentaschen meiner Windjacke, in denen ich Handy und Kamera aufbewahre, was immer ein totales Gefitze ist, bis alles wieder so sitzt, dass ich trotz Gurt noch an meine Geräte komme. Als ich nach mehreren Minuten Gedöns alles verstaut und wieder aufgesetzt habe, geht’s weiter. Die baumlose Landschaft ist menschenleer und wunderschön. Bald kommen wir am ersten der beiden Seen an. Die Gipfel der Berge im Hintergrund stecken in einer Schicht aus dichten Wolken, das Wasser des Sees sieht graublau und kalt aus. Doch alles wirkt wie gezeichnet und erinnert mich in seiner kargen Schönheit an Island.

Schnell unterschätzt – Wandern bei miesem Wetter in Wales

Ein Talkessel aus grünen Wiesen und kleinen Wasserfällen
Ein Talkessel aus grünen Wiesen und kleinen Wasserfällen

„Lass uns auf jeden Fall noch zum zweiten See“, sage ich und mein Mann stimmt zu. Wir stiefeln an einem kleinen Kanal längs und weiter bergauf durch Grashügel und Windböen. Als wir durch eine Nebelwand laufen, sprüht uns kurz eisiger Dunst entgegen, doch nach ein paar Minuten ist es wieder trocken und vor uns tut sich ein riesiger, runder Talkessel auf, um den herum sich der Wanderweg wie ein winziges Schuhband windet. Ganz klein fühle ich mich – so ein tolles Feeling in so einer grandiosen Natur. Von den unsichtbaren Gipfeln in den Wolken über uns laufen kleine Bäche und Wasserfälle ins Tal. Moospolster liegen flauschig am Wegesrand. Weil der Pfad hier abflacht, verbrauchen wir nicht mehr so viel Energie wie am Hang und mir wird ein wenig kühl. Aber jetzt den Hoodie aus dem Rucksack zerren, wieder minutenlang mit dem Regenschutz und dem Hüftgurt hantieren? Och nö. Bestimmt geht’s gleich eh wieder bergauf und dann ist mir wieder heiß. 

Wir stiefeln weiter. Aus einem Tal vor uns zieht eine graue Wolke heraus, die wie ein Frachter am Himmel aussieht. Beeindruckend!

 

Dann biegen wir in das Tal ein und auf einmal peitscht uns scharfer Regen ins Gesicht. Puh. Wie kleine Eisnadeln prickelt es auf der Haut. Der Wind steigert sich von Böen zu einem dröhnenden Sturm. Weil der Boden immer matschiger und sumpfiger wird, konzentriere ich mich sehr darauf, nicht zu stolpern oder auszurutschen. Dabei bemerke ich kaum, dass mir immer kälter wird. Erst als wir eine weitere Anhöhe mit noch mehr Eiswind und prasselndem Regen erreichen, wird mir klar, dass ich am Zittern bin. Außerdem spüre ich die Hand an meinem Wanderstock kaum noch. „Wie weit ist es noch bis zum See?“, frage ich. Vielleicht hört es dort ja auf zu regnen und wir können picknicken, denn Hunger hätte ich so langsam auch.

Kein Gefühl mehr – und auch kein See

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Grenzwertig, wir essen im Stehen, während der Sturm tost

360 Meter sagen mein Mann und die Karte „Ach, das ist ja nichts, das machen wir noch eben, wo wir uns jetzt schon die ganze Strecke durchgekämpft haben“, erwidere ich, fast schon zähneklappernd. Da drüben ist ein Hügel und wenn wir dort hinaufgehen, dann wird mir bestimmt wärmer. Hätte ich mal den scheiß Hoodie aus dem Rucksack geholt, als wir noch nicht mitten in eisigem Starkregen standen. Vor 45 Minuten, als mir zum ersten Mal ein bisschen kühl gewesen war und ich zu faul dazu gewesen war. Aber ihn jetzt noch rauszuholen, die Wind- und Regenjacke auszuziehen und ihn darunterzuprömmeln, würde bloß sämtliche Klamotten pitschnass machen. Hier gibt es keinen Schutz, keinen Baum, keine Felsen. Wir sind die einzigen Wellenbrecher des Wetters. Ich fühle mich wie ein Fenster, an das Regen prasselt.

 

Am zweiten See hört der Spuk natürlich nicht auf. Das Beste: Wir sehen den scheiß See nicht mal, weil es so neblig ist. Wir werfen nur einen kurzen Blick auf die Mulde, in der er sich angeblich befinden soll, und kehren sofort wieder um. 

„Ich hab so Hunger“, flüstere ich. Das Rest-Adrenalin, das mich irgendwie noch zum zweiten See getragen hat, ist weg. Mir ist eiskalt. Ich brauche Energie. Irgendwas. Mein Mann holt zwei Protein-Riegel raus und wir stellen uns mit dem Rücken in den Regen und essen im Stehen. Als ich das Papier des Riegels in meine Jackentasche stecken will, merke ich, dass meine Finger nicht mehr funktionieren. Jegliche Feinmotorik ist weg. Ich bekomme weder den Reißverschluss auf noch das Papier geknüllt. Etwas verzweifelt reiche ich es meinem Mann: „Hier, nimm du mal.“

Unterkühlung – so einfach, so schnell, so dramatisch

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Die Wolken hängen niedrig und alles ist eiskalt (Symbolbild von einem anderen Moment der Wanderung)

Nach weiteren zweihundert Metern ist mir so kalt, dass ich nicht mehr klarkomme. Der Regen hat ein wenig nachgelassen. „Ich muss diesen Hoodie anziehen. Jetzt“, sage ich und versuche, meinen Rucksack von den Schultern zu nehmen. Es geht nicht. Ich spüre nicht mal mehr den Stoff des Rucksacks an meinen Handflächen. Es ist, als wären meine Hände zwei nutzlose Stumpen. Ich lasse den Rucksack auf den Boden fallen, hauche meine Hände an, hüpfe herum.

 

„Ist alles in Ordnung?“, ruft mein Mann aus einem Stück Entfernung. Nein, nichts ist in Ordnung, will ich schreien. Don’t panic, Sarah, ruft meine innere Stimme. Ich schiebe den Regenschutz des Rucksacks mühsam mit meinen Handgelenken runter und ziehe mit viel Willenskraft meinen Hoodie irgendwie aus dem Rucksack. Dann friemel ich Reißverschluss und Knöpfe der Regenjacke auf und stehe einen Moment lang nur in meinem Basis-Shirt im beißenden Wind. Mir ist, als würde ich Feuer einatmen, aber in Form von scharfem Eis. Einen Ärmel vom Hoodie bekomme ich selbst an, doch es dauert ewig. Ich habe überhaupt kein Gefühl mehr in irgendeiner Hand und der Rest meines Körpers kühlt jetzt auch rapide aus. „Hilfe!“, rufe ich schließlich zu meinem Mann hinüber, der sofort erkennt, dass ich keinen Witz mache. Ich will heulen. Ich stehe hilflos in einem dünnen Wollshirt im Sturm und bekomme den einzigen Schutz, der mich jetzt nicht vollkommen auskühlen lassen soll, einfach nicht an.

Wandern in Wales – eine Lehrstunde der Natur

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Die weite Landschaft des Brecon Beacons National Parks (weiteres Symbolbild von einem früheren Moment der Wanderung)

Sowas Irres habe ich noch nie erlebt, nicht mal in Alaska. Funktioniert doch einfach!, schreie ich meine Hände lautlos an. Doch sie gehorchen nicht. Mein Körper schaltet seine Funktionen ab. Hypothermie. Unterkühlung. So oft über ihre Gefahren gelesen – und jetzt war sie hier. Einfach so. Nicht am Nordpol, nicht nach einer stundenlangen Wanderung durch Schnee, nicht bei dreißig Grad unter Null. Nein, hier in Wales, an einem Tag, an dem es überwiegend bewölkt und zehn Grad sein sollte. Ich versuche, den Reißverschluss des Hoodies zu greifen, doch bekomme ihn nicht zu fassen, spüre ihn nicht einmal.

Mein Mann greift ihn, streift mir den anderen Ärmel über, dann die Windjacke und zieht alle Reißverschlüsse zu. 

 

Die nächsten Meter hüpfe ich, lasse meine Arme kreisen – und wir laufen querfeldein auf dem schnellsten Weg zurück zum Auto. Nach einigen Minuten kommt das Gefühl zurück. Schmerzhaft und heiß. Alles, woran ich denken kann, ist die Heizung im Auto und eine Kanne Tee.

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Der Rückweg zum Auto querfeldein

Als wir am Parkplatz ankommen, kann ich den Autoschlüssel in meiner Tasche wieder fühlen. Was, wenn ich allein gewesen wäre und meine wärmenden Jacken nicht mehr an- und zubekommen hätte. Wenn ich vielleicht nicht mal mehr die SOS-Taste an meinem Satellitentelefon hätte bedienen können.

 

Auf der Rückfahrt sind es nicht die einspurigen Winz-Straßen, die mir durch den Kopf gehen, sondern der Gedanke: Ich wäre fast am Arsch gewesen. Wegen einer kleinen Faulheit. Wegen eines Fehlers, den die Natur nicht bereit war, zu verzeihen.

Seid vorsichtig da draußen. Immer.

 

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