Diesen Beitrag gibt's auch zum Hören auf meinem Podcast: Episode 4: Der W Trek in Patagonien: Hals- und Armbruch – eine Story über Willenskraft

Die Rangerin, die nur Spanisch spricht, hält das Teppichmesser an den Arm meines Mannes und deutet mit einer Bewegung an, dass wir den auch abschneiden könnten. Währenddessen biegt ihr Kollege einen stabilen Pappkarton zurecht. Dann lachen wir. Wir sind mitten in den Anden, am Hirsch der Welt, kein Handysignal – und fünf Tage lang mit Zelt und Rucksack trekken, auf dem W Trek im Torres del Paine National Park in Patagonien. Jetzt auch mit gebrochenem Arm. Ja, der gleiche, der vor sechs Monaten in Kanada schon mal gebrochen war. Kaputtmachen können wir. Und wandern.
Der W Trek gehört zu den großen Fernwanderwegen in Patagonien. 70 Kilometer, insgesamt ungefähr 3.000 Höhenmeter, Winde seitwärts in Orkanstärke, Granittürme, türkise Seen, rote Blumen, Gletscherzähne, Eisberge, knorrige Wälder und Verzweiflung immer ganz dicht neben Verzauberung.
Diese Geschichte erzählt, wie wir Stürzen, blauen Augen, Nierensteinen, Stürmen, Hitze, Füchsen und einem monumentalen Anstieg über einen Geröllhang die Stirn geboten haben. Wie wir durch eine der schönsten Landschaften der Welt gewandert sind und einige Tage in ihr leben durften. Wie uns diese Erfahrung an unsere Grenzen und darüber hinausgetragen hat – und wir nicht als dieselben Personen zurückgekommen sind.

Meine Füße tun soo weh – aber wow, was war das für ein Ausblick auf den immer näherkommenden Grey Gletscher mit seiner hellblauen Abbruchkante, die aussieht wie Haifischzähne! Meine Schultern sind soo tot – aber wow, was waren das für wunderschöne rote Blumen direkt an dem Abhang zu diesem milchig-grünen See? Ich bin soo müde, ich kann nicht mehr geradeaus gucken – aber wow, was waren das für knorrige alte Bäume, die vor den schroffen Bergspitzen standen! Der erste Tag auf dem W Trek hat uns vom Paine Grande Camp über elf Kilometer zum Ausläufer des Grey Gletschers geführt.
Och, elf Kilometer – das ist ja gar nicht so viel! Genau das dachten wir auch, als wir den Trek vor vielen Monaten am Reißbrett geplant hatten. Schließlich sind wir ja schon durch England, Island und Schottland gewandert, was soll schon schiefgehen! Nun, vielleicht das geologische Profil, denn das ist hier in Patagonien so schief, dass es dauernd steil und geröllig bergauf und gleich darauf steil und geröllig wieder bergab geht. Und ich meine dauernd. Ich bin fix uns foxi von dem schweren Rucksack, in dem wir unser Camping-Gepäck und Essen für fünf Tage über dieses Hoch und Runter geschleppt haben. Abends sitzen wir auf einem Felsen in der Nähe des Camps und schauen auf schwimmende Eisberge, die von der Zunge des Grey Gletschers abgebrochen sind und in den See treiben.

Apropos foxi. Obwohl ich extra vor dem Schlafengehen nur noch wenig getrunken habe, muss ich um drei Uhr nachts pinkeln. Tatsächlich die einzige Sache, die mich am Zelten noch so richtig nervt. Da wir nicht die einzigen Wanderer auf dem Trail sind, die Zelte recht dicht beieinanderstehen und man alles hört, ist es keine Option, mal schnell in die Büsche nebenan zu gehen. Zum Glück scheint ein fast voller Mond. Dann brauche ich auf dem Weg zum Toilettenhaus wenigstens nicht noch erst meine Stirnlampe suchen. Ich laufe los, nur im dünnen Shirt, weil ich zu faul bin, die Jacke anzuziehen. Der Weg ist vom Mondlicht erleuchtet. Die Toilette nicht. Denn da ist keine einzige Lampe an. Ich taste nach einem Schalter. Innen. Außen. Nichts. Warum ist hier mitten in der Nacht kein Licht an?! Ich fluche, mir ist kalt und ich muss jetzt echt pinkeln. Ich schaue mich um und entdecke eine kleine, diskrete Ecke in einem Waldstück hinter den Mülltonnen. Da gehe ich schnell hin!
Als ich gerade fertig bin, knurrt es. Richtig laut und richtig nah. Ich halte den Atem an. Gab es hier nicht Berglöwen und Luchse? Dann knurrt es nochmal. Tief und gar nicht freundlich. Ich springe auf, reiße die Hose an mich und stolpere los. Bloß weg hier! Über Wurzeln und Lehm rennend, haste ich zum Zelt. Dann drehe ich mich kurz um. Im schwachen Schein des Mondlichts sehe ich die schwarze Silhouette eines Fuchses genau dort, wo ich gerade noch gewesen war. Heilige Scheiße.

Der nächste Tag wird nicht weniger turbulent. Also eigentlich wird der Wanderweg gerade endlich mal kurz flach, als mein Mann über den einzigen, kleinen, dreieckigen Stein auf weiter Flur stolpert und der Länge nach hinfliegt. Der ganzen Länge nach. Mit dem Trekkingrucksack.
„Oh mein Gott, bist du aufs Gesicht gefallen?“, rufe ich panisch.
„Nee“, erwidert er.
Erleichterung.
„Aber auf den Ellbogen.“
Panik. Der Ellbogen war erst vor einigen Monaten gebrochen gewesen. Wegen einer sehr ähnlichen Situation.
Weil es keine echte Alternative gibt, wandern wir die restlichen Kilometer weiter zum nächsten Tagescamp. Türkise Gletscherseen, alpine Blumen, ein kleines bisschen Neuschnee wie Puderzucker auf den spitzen Berggipfeln.

Am Camp sind wir nervös. Mein Mann hat Schmerzen im Ellbogen. Wir beschließen, zum Ranger-Häuschen zu gehen. Die Rangerin, die wir dort treffen, spricht leider nur Spanisch. Mit Händen und Füßen und Google Translate auf ihrem Handy (warum hat sie Empfang und wir nicht?) beschließen wir, auf den Kollegen zu warten, der in Erster Hilfe ausgebildet ist.
Als er kommt, macht er ein paar Tests mit dem Ellbogen. Eventuell angebrochen, wahrscheinlich nicht durchgebrochen. Die nächste Klinik ist vier Stunden mit Katamaran und Bus entfernt in einem kleinen Dorf. Weil schon bei dem Bruch im vergangenen Sommer feststand, dass eine Operation aus verschiedenen Gründen keine Option war, einigen wir uns darauf, dass auch dieses Mal einfach eine Schiene herhalten muss. Leider gibt’s im Verbandskasten vor Ort nur Schienen für Ober- und Unterarme, aber nicht für Ellbogen. „Ich habe einige Jahre in Santiago bei Unfällen geholfen“, erklärt der Ranger, während er ganz unbürokratisch einen stabilen Pappkarton, ein Teppichmesser und Klebeband an den Start bringt. „Ich kenne Street First Aid.“ Kurz darauf hat mein Mann eine erstaunlich stabile Pappschiene am Arm.
„Und was macht ihr Morgen?“, fragt der Ranger.
„Ja, weitergehen“, sagt mein Mann. Alles klar.

Wie weit man mit so einem Arm gehen kann, erfahren wir am nächsten Tag. Doch zuerst einmal peitscht in der Nacht ein enormer Sturm auf uns herunter. Starke Winde sind in Patagoniens Sommermonaten ein konstantes Problem – aufgrund der Westwindzone zwischen dem 40. und 50. Breitengrad. Aber in dieser Nacht werden aus starken Winden tosende Orkanböen. Als ich im Zelt wachliege, höre ich zuerst ein Rauschen, dann ein Zischen wie nasse Reifen auf Asphalt. Dann prügelt eine Windböe auf unsere Hütte ein, sodass ich uns kurz mitsamt zerschnipseltem Zelt in den nahegelegenen Gletschersee fliegen sehe. Dann Stille. Dann rollt die nächste Böe an. Das Ganze ist so laut, als würde alle paar Minuten direkt neben meinem Ohr ein Motorrad starten. Am nächsten Morgen haben wir zwei Stunden geschlafen. Nicht am Stück. Aber der Sonnenaufgang hinter den violetten Sturmwolken und der zweifarbigen Granitwand Los Cuerrnos („die Hörner“) ist endgeil und das Zelt steht auch noch.
An diesem Tag wandern wir erst im French Valley hinauf und wieder hinab und dann zum Camp Frances. Camembert gibt’s leider keinen. Aber dafür ein blaues Auge. Als der Weg bergauf ins French Valley zu felsig und unwegsam für einen angebrochenen Ellbogen mit Pappschiene wird, beschließen wir, dass mein Mann im Tal wartet, während ich allein zu einem der unteren Aussichtspunkte wandere und ihn dann später unten wieder treffe. Unterwegs vernehme ich ein tiefes Grollen. Gewitter? Doch das Wetter sieht nicht danach aus. Seltsam. Als ich mich zum Aussichtspunkt vorgearbeitet habe, sehe ich leibhaftig und direkt vor mir, woher das Geräusch kam. Ein großes Gletscherstück bricht oben aus dem Berg heraus und dröhnt unter pulverisierenden Wolken aus Eis, Schnee und Felspulver ins Tal. Unglaublich! So etwas habe ich noch nie live gesehen! Ehrfürchtig starre ich auf die Stelle, von der noch minutenlang Staub aufsteigt.

Als ich nach einer Weile zurück ins Tal wandere, kommen mir zwei Leute entgegen, die wir gestern schon getroffen haben.
„Dein Partner ist ja allein da unten. Er hat sich verletzt“, erklären sie in gebrochenem Englisch. Wahrscheinlich haben sie die Pappschiene am Arm meines Mannes gesehen.
„Ja, das weiß ich“, beruhige ich sie. „Das ist gestern passiert.“
„Heute!“, sagen sie.
„Nein, gestern!“, versichere ich. „An seinem Ellbogen.“
„An seiner Hand!“, insistieren sie. „Da war viel Blut.“
Moment? Blut? Da war gestern kein Blut gewesen. Mir schwant was…
Nach einem hektischen Lauf zurück ins Tal finde ich meinen Männe miserabel auf einem Stein sitzend, ein Taschentuch auf seine Fingerknöchel drückend und eine Macke im Gesicht.
Er hat tatsächlich versucht, mir doch noch nachzuwandern und ist dabei seitlich über einen Felsen abgerutscht! Ich bin fassungslos, ein bisschen sauer, aber vor allem erleichtert, dass nicht noch Schlimmeres passiert ist. Am nächsten Morgen ist sein rechtes Auge dick, rot, blau und lila.

Mit Pappschiene und Flutsch-Auge arbeitet sich mein Mann am nächsten Tag weiter vor. Die vorletzte, längste und anstrengendste Etappe liegt vor uns. 16 Kilometer bis zum Berg-Camp Chileno bei brennender Sonne mit scharfem Anstieg auf den letzten vier Kilometern. Ich bin beeindruckt, wie er sich durchbeißt. Hoffentlich macht er nicht noch mehr Blödsinn…
Doch heute bin ich dran. Seit ich im Jahr 2019 mit der unheilbaren, chronischen Darmerkrankung Colitis Ulcerosa diagnostiziert wurde, bin ich medikamentös so gut eingestellt, dass ich solche Wanderungen wie den W Trek ohne Bedenken machen kann. Naja, fast ohne Bedenken, denn dieses Medikament produziert als seltene Nebenwirkung Nierensteine. Ich hatte in den vergangenen Jahren so schon knapp dreißig Stück. Nierensteine sind vom Schmerzlevel wohl mit Geburtsschmerzen vergleichbar und am liebsten habe ich sie auf anstrengenden Wanderungen, wo man meist doch zu wenig trinkt und die Steine durch die extreme Betätigung des Körpers ins Wandern geraten. Und heute ist so ein Tag. Ausgerechnet heute. Auf dem längsten und anstrengendsten Stück. Fail.

Zwölf Kilometer lang boxe ich mich durch. Mit der Hand in die Hüfte gekrallt gegen den Schmerz. Mit Messerstichen, die wie Wellen kommen und gehen. Mit Tränen in den Augen und Mantras im Kopf. Kein Schmerzmittel wirkt. Wenigstens ist mir nicht noch übel und schwindelig, wie sonst manchmal. Rechts rote Berge mit grünen Wiesen und Gletschersee, links spektakuläre Granitmassive mit Eispanzern und Wasserfällen. Dann kann ich nicht mehr. Kurz vor dem letzten Anstieg werfe ich meinen Rucksack und mich selbst auf den Boden und denke ganz kurz ans Aufhören. Dann essen wir Cracker und Käse und ruhen uns eine halbe Stunde aus. Das inzwischen violett-gelbe Auge meines Mannes sieht so aus, wie ich mich fühle. Als ich wieder aufstehe, ist der Schmerz plötzlich signifikant geringer. Manchmal passiert das. Wenn der Stein wandert. Ich gehe einmal im Kreis. Das gibt’s doch nicht? Beinahe will ich springen und jubeln. Wir packen auf und machen uns an den Anstieg. Dann sehen wir in der Ferne in der unfassbar schönen, goldenen Prärie ein großes Tier. Ich hole das Fernglas raus. Es ist ein Guanako, ein wildes Lama! Ich flipp aus, wie toll ist das denn? Nach elf Stunden kommen wir an unserem letzten Camp an. Dem letztem Camp vor dem großen Finale am nächsten Morgen.

Am Ende des W Treks liegt für uns – da wir von West nach Ost gewandert sind – das absolute Highlight des Trails. Wobei das absurd ist, denn wirklich alles an Landschaft auf diesem Wanderweg ist mehr als spektakulär. Doch die Torres del Paine, drei gewaltige, rund 2.000 Meter hohe Granitnadeln hinter einem türkisen Gletschersee, sind die Landmarke im chilenischen Teil Patagoniens. Der Preis: Ein Anstieg über die fast vertikale, felsige Endmoräne des Gletschers, der knapp 300 Höhenmeter auf nur 1,5 Kilometern verpackt. Auch wenn wir uns in den vergangenen Tagen durch so vieles gemeinsam durchgeschlagen haben, ist eines schnell klar: Hier mit einem geschienten Arm hochzusteigen, wäre lebensgefährlich, denn für den letzten Part benötigt man beide Füße und Hände. Mein Mann beschließt, im Camp zu bleiben – dieses Mal wirklich! – während ich die letzte und größte Herausforderung des Treks allein angehe. Wenn einer von uns mal nicht mehr kann, dann nimmt der andere es für beide mit, haben wir immer gesagt.
Zuerst laufe ich durch ein Waldstück, steige eine staubige Piste hoch und gelange nach etwa 2,5 Kilometern an ein kleines Plateau. Von dort aus schaue ich mir die fast senkrecht wirkende Wand hinauf zu den Torres del Paine an, die man von hier nicht einmal sehen kann. „Auf geht’s!“, sage ich laut zu mir selbst. In mir ist ein Feuer, das trotz oder vielleicht gerade wegen der ganzen Unfälle, Stürme und Schmerzen in den letzten Tagen nur größer geworden ist.

Ich beginne, zu klettern. Es ist heiß und es geht nur langsam voran. Niemand hastet hier oben mehr, aber jeder atmet schwer. Immer höher und höher über die Baumgrenze hinaus führt der Weg. Ein Fuß nach dem anderen. Mit Bedacht. Nicht abstürzen, nicht verausgaben. Als ich endlich die Spitzen der Granittürme sehen kann, brennt meine Haut, doch meine Beine sind noch fit. Was schon wenige Tage unter diesen Umständen hier draußen mit Körper und Geist machen können, ist fantastisch. Kraft. Muskeln. Zuversicht. Selbstvertrauen.
Und dann erklimme ich den letzten Vorsprung, den letzten Kamm auf dem Weg zum Ziel. Vor mir eröffnet sich ein Tal, in dem ein blau-grüner See wie ein Seidentuch liegt. Knapp dreißig Wasserfälle rinnen über die steinerne Talschüssel von einem Gletscherfeld herab, das genau unterhalb der riesigen, majestätischen und nun so unglaublich nahen Granittürme der Torres del Paine liegt. Ich will weinen und lachen und alles wegwerfen und tanzen! Ich mache Fotos für meinen Mann und für die Festplatte. Aber die echten Bilder, die prägen sich in diesem Moment in meinen Kopf und mein Herz.
Der W Trek. Ein Gang über endlose Berge und Täler, hundert Mal über die eigenen Grenzen und zu Menschen, die wir noch nicht waren, als wir vor fünf Tagen losgegangen sind, aber jetzt für immer sein werden.
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SquirrelSarah (Freitag, 10 April 2026 13:22)
Ich danke dir, Christian. Ist gut geheilt.
Liebe Grüße
Sarah
Christian Frischholz (Sonntag, 29 März 2026 12:58)
Alles Gute ... für den Arm ...