7 Mile Hole – über Nacht am Grund des Yellowstone Canyons.

16. August 2025

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Der Yellowstone Canyon - bunt und surreal

Dunkelblau und schwer schieben sich die Nachtwolken wie Schiffe über den Himmel und verdecken das letzte Glühen der Abenddämmerung. Ich liege am Grund des Yellowstone Canyons. Nee, jetzt nicht tot wie ein Fisch, sondern in unserem Zelt. Wir haben eine der beliebten Backcountry-Genehmigungen ergattert, die es uns erlaubt, eine Nacht im Yellowstone Nationalpark am Fluss tief unten im gleichnamigen Canyon zu campen. Sieben Kilometer weit und 620 Meter tief sind wir dafür mit Sack und Pack und Ach und Krach von der Kante des Canyons aus hinunter ins Tal gewandert. Und jetzt blicke ich aus der offenen Seitenklappe unseres ultraleichten Trekking-Zelts in die Dunkelheit, während es in der Ferne leise donnert. Gewitter scheint uns bei diesen Touren hartnäckig an den Fersen zu hängen. Letztes Jahr wären wir am Lone Star Geyser fast weggeflutet worden. Naja. Dieses Mal liegt unser Camp hoch genug. Aber dafür ist jetzt was anderes. Irgendetwas ist da draußen. Ein Tier. 

 

Nervös schaue ich in die Finsternis. Eine Finsternis, die keine städtische Lichtverschmutzung kennt. Sie ist schwarz wie der Hintern eines Bären. Warum muss ich ausgerechnet jetzt an Bären denken? „Mach doch einfach die Zelttür zu“, sagt mein Mann pragmatisch, bevor er in einen ruhigen Tiefschlaf fällt. Toll. Jetzt sind wir allein – ich, das Tier und die Paranoia. 

 

Was da draußen los war, warum die Canyonwände dampfen, wie ein Wasserfilter zu einem tiefen Glücksmoment führte und wie mich auf dem Rückweg ein Nierenstein ans Limit gebracht hat – jetzt hier, im Logbuch der Dunkelheit.

Hinunter ins Tal der sieben Meilen

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Oben am Yellowstone Canyon - wandern wir da jetzt echt runter?!

„Diese Wanderung wird bei jedem Mal länger“, philosophiere ich, während wir am Vortrag an der bewaldeten Kante des Canyons entlangwandern, bevor der Trail von dort aus bodenlos ins Tal hinunter zum Fluss stürzt. Mehrfach sind wir diesen Pfad schon als Tageswanderung gelaufen, aber dieses Mal wollen wir dort unten übernachten. 

Mein Mann stimmt zu. Bei unserer ersten Wanderung war der Trail acht Kilometer lang, danach mindestens zehn und jetzt auf jeden Fall zwanzig. Oder wir werden einfach nur immer älter und melodramatischer. 

De facto ist der Weg fünf Meilen – also acht Kilometer – lang. Sein offizieller Name ist allerdings „Seven Mile Hole“. Die Begründung: Es fühlt sich so an, als würde man fünf Meilen hinab und sieben wieder hinaufgehen. Also sind wir anscheinend nicht die einzigen, die emotionale Meilen dazurechnen. 

 

Als wir bei schweißigen 29 Grad unten ankommen, lasse ich erstmal den fetten Rucksack auf die kleine, flache Erdstelle fallen. Das ist alles. Hier gibt’s kein fließendes Wasser (außer den Fluss), keine Toilette, keinen Imbiss, keinen Strom, keinen Handyempfang. Backcountry halt. Alles, was der National Park Service bereitstellt, ist eine halbwegs ebene Fläche und in mindestens hundert Metern Entfernung eine Vorrichtung, an der man mit einem Seil seinen Beutel mit Essen und Kosmetika hochziehen kann – damit er keine Bären anlockt. Denn auf gar keinen, keinsten, allerkeinsten Fall darf man etwas im Zelt behalten, das streng nach Essen, Kaffee, Zahnpasta und anderen „Bear Attractants“ riecht. Ich schnüffel kurz an meinem T-Shirt. Geht noch.

Canyon-Farben und Glücksmomente

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Heiße Quellen und Sinterterrassen direkt in der Canyonwand

Nachdem wir das Camp aufgebaut haben, schauen wir uns um. Der Yellowstone Canyon ist an dieser Stelle „aktiv“. Zur Erinnerung: Yellowstone ist ein Supervulkan mit über 10.000 heißen Quellen und über 500 Geysiren. Damit besitzt der Nationalpark über die Hälfte aller Geysire weltweit. Unten am Fluss steigt Dampf auf. Auch an den Canyonwänden befinden sich mehrere Hotsprings, Fumarolen und anderes geothermales Wunderzeug. Ein kleiner Bach, der in den großen Fluss am Boden des Canyons mündet, ist lauwarm und plätschert über leuchtend gelbe und pinke Sinterterrassen. Der ganze Canyon ist bunt und surreal. Hier hat Yellowstone übrigens seinen Namen bekommen – gelber Stein. Kein Witz.

 

Wir erkunden einige der Quellen, die zum Teil kochend heiß und nicht ganz ungefährlich sind. Das Flusswasser dagegen ist eiskalt und faucht und tost türkis an uns vorbei. Wenn man es darauf anlegt, kann man sich hier entweder verbrühen oder in Eiswasser ertrinken. Oder man nimmt über Nacht ein Glas duftenden Honig mit ins Zelt. Fifty ways to die in Yellowstone

 

Stattdessen machen wir uns später oben am „Esszimmer“ in der „Küche“ unter der Seil-Vorrichtung ein leckeres Backcountry-Abendessen. Statt teuren, geschmacklosen, gefriergetrockneten Mist aus dem Outdoor-Geschäft zu kaufen, dehydrieren wir unser Essen seit ein paar Jahren zu Hause selbst. Beide Verfahren sorgen dafür, dass den Lebensmitteln das Wasser entzogen wird, was ihr Gewicht drastisch verringert, was ziemlich gut ist, wenn man (mehrere Tage) sieben, zehn oder zwanzig mentale und echte Kilometer mit Camping-Ausrüstung trekken geht.

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Wasser filtern als Meditation

Vor Ort lässt man das Essen mit heißem oder kalten Wasser wieder aufquellen. Heute gibt es Makkaroni mit Tomatensauce, Basilikum, Pilzen, Zwiebeln und Paprika. Omnomnom! Wir sitzen mit einem phänomenalen Blick auf den Canyon auf Baumstümpfen. Jedes Fünf-Sterne-Hotel kackt ab. 

 

Später muss ich nochmal runter zum Fluss. Neues Trinkwasser filtern. Man glaubt gar nicht, wie viel Wasser man allein zum Trinken und Kochen verbraucht. Ich setze mich auf einen Stein im großen, eisigen Fluss und fange an, zu pumpen. Besonders hier in Yellowstone sind natürliche Wasserquellen oft voller Sedimente, die man so herausfiltern kann.

 

Eigentlich hasse ich eintönige Arbeiten. Ich erinnere mich an endlose Stunden an Tastatur und Telefon in meinem alten Bürojob, den ich zum Glück vor acht Jahren gegen eine remote Selbstständigkeit tauschen konnte. Aber das Filtern des Flusswassers in diesem Moment ist wie Meditation. Ich werde innen ganz still, blicke auf das grünliche Wasser, die stehenden Wellen, den Himmel.

 

Es dauert, bis ich volle vier Liter gefiltert habe, aber ich fühle mich unendlich, ruhig und friedlich. Dieser Moment, er könnte für immer dauern, hier und jetzt an diesem Ort. 

Nächtliche Monster im 7 Mile Hole und der harte Weg nach oben

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Dunkelheit senkt sich über den Yellowstone Canyon

Jetzt aber zurück zu diesem eingangs erwähnten Tier. Wir haben also alles weggepackt, bärensicher verstaut, mein Mann pennt schon und ich liege wach in der Dunkelheit. Ausnahmsweise mal nicht besorgt über das herannahende Gewitter, sondern über das kratzende, wuselnde Geräusch da draußen. Nachdem ich kurz davor bin, tatsächlich einfach stoisch den Reißverschluss des Zelts zuzuziehen oder schreiend mit Taschenlampe aus der Butze zu stürzen, erkenne ich im letzten Rest des Abendlichts etwas Faustgroßes mit Pinsel am Hintern. Ein Erdhörnchen! Oh. Mein. Gott. Squirrel-Sarah macht sich in die Hose wegen eines Hörnchens. Ich muss fast lachen. 

 

Am nächsten Tag stehen die „sieben Meilen“ aus dem Canyon heraus zurück zur Oberwelt an. Eigentlich läuft alles ganz gut, bis ich plötzlich Krämpfe in der Magen-Darm-Gegend bekomme, die sich bis in den Rücken ziehen. Ich habe die chronische Darmerkrankung Colitis Ulcerosa und leider ist das einzige Medikament, das mir hilft, ein Medikament, das als Nebenwirkung immer wieder Nierensteine verursacht. Pest oder Cholera. Heute ist Cholera.

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Zwei Murmeltierkinder spielen im hohen Gras

Ich habe zwar keine Kinder, aber es heißt, dass der Abgang eines Nierensteins zu den größtmöglichen Schmerzen gehört und Geburtswehen gleichkommt. Und damit wandere ich nun mit zehn Kilo auf dem Rücken eine Canyonwand hinauf. Auch Schmerzmittel helfen nur mäßig. Congratulations, Körper, perfektes Timing! 

 

Immer wieder muss ich Pause machen und mich hinsetzen. Immer wenn ich das tue, stürzt sich trotz Insektenspray eine Wolke aus Mücken auf mich. Dann regnet es. Ich will schreien. Aus unglaublich vielen Gründen. Doch dann passiert auch etwas Wundersames. Immer wieder tauchen am Wegesrand plötzlich kleine Tiere auf. Eichhörnchen, ein Hase, Murmeltiere und schließlich noch ein Auerhahn! Es scheint fast, als würden sie mich anfeuern wollen. Noch nie habe ich auf dieser Wanderung so viele Tiere gesehen.

 

Nach sechs schrecklich langen Stunden voller Koliken erreichen wir den Wanderparkplatz. Ich pfeffere meinen Rucksack weg. Ich bin platt. Würde ich es wieder tun? In a heartbeat!

 

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