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6. Dezember 2025
Wenn ich mal einem Bären begegne, dann mitten im Wald, mit Bear-Spray am Gürtel, und dann bloß nicht rennen, dachte ich immer. Seit acht Jahren verbringe ich mehrere Monate im Jahr in den Rocky Mountains, wandere viele hundert Kilometer, zelte im Hinterland und höre mir dann von Leuten, die nur eine Woche zu Besuch sind, an, dass sie in sieben Tagen mal eben drei Bären vom Autofenster aus gesehen haben. Und ich? Nix. Absolut kein Bär anywhere. Nie. Nicht, dass ich einem begegnen möchte, denn Bär-Begegnungen gehören zu den gefährlichsten und auch tödlichsten Gefahren in den Bergen in den USA und Kanada.
Als der Moment passiert, in dem ich in Kanada final doch auf einen Bären treffe, ist nichts so, wie es sein sollte. Es ist nicht mitten im Wald, sondern auf einer Straße. Ich habe mein Bear-Spray gerade mit meinem Rucksack am Auto abgeladen – und ich bin am Rennen. Und auf einmal steht er vor mir. Groß, schwarz, beinahe surreal plüschig. Eine Begegnung, die das Blut in meinem Kopf kristallisieren lässt. Ein Moment, in dem die Sekunden wie ein chinesischer Gong in meiner Brust hallen – langsam, laut und mit dem Gedanken, dass es das jetzt auch einfach gewesen sein könnte. Mit dem Leben.
29. November 2025
Hohe, dunkle Tannen wurzeln auf weichem Nadelboden, abendliches Sonnenlicht filtert durch die Äste, neben mir fällt ein Tannenzapfen herunter und in wenigen Sekunden ist das erste Eichhörnchen lokalisiert. Unser Vorgarten hat ein Eichhörnchen! Ich bin so begeistert, dass ich ADHS-mäßig fast mit der leeren Wasserflasche zurückgehe, statt sie unten am Waschraum des Campingplatzes aufzufüllen. Drei Wochen lang sind wir mit Zelt und Auto in den Nationalparks in Kanada unterwegs – genauer gesagt, in den kanadischen Rocky Mountains.
Die Berge hier sind anders als die der USA. Hellgrau, wie umgekippte Bücher stehen die Berge hochkant und abstrakt in einer Landschaft, die so weit ist, dass man „Hallooo!“ rufen könnte, und das Echo käme erst in 20.000 Jahren zurück. Wälder so riesig, dass man vergisst, dass es auf dem Planeten auch noch was anderes als Bäume gibt – und dann natürlich Bäm, Banff!
15. April 2020
Plötzlich Corona. Gefolgt von meiner wilden Flucht nach Kanada. Dort dann Quarantäne. Mit meinem Freund. Ein spannendes Experiment für eine Beziehung, die zwischen zwei Kontinenten stattfindet und durch Reisen, Roadtrips und kilometerlange Tagesgewaltmärsche geprägt ist. "Stay home" für eine Beziehung, die gar kein richtiges Home hat, denn Home ist für uns überall. Hier kommt ein Bericht, wie zwei Menschen mit Hummel im Hintern 14 Tage lang auf etwa 20 Quadratmetern in der eisigen Einsamkeit von Kanada aufeinandersaßen. Wie sie sich von neuen Seiten kennenlernten, Interessen entdeckten und herausfanden, was das wirklich größte Problem in ihrem Zusammenleben war.
5. April 2020
Ich sitze neben meinem Papa im Auto. Sonne scheint auf meine Knie und es ist 16 Uhr. Aus Intuition drehe ich das Radio lauter. „Deutschland schließt nun seine Grenzen zu den Nachbarländern Schweiz, Frankreich und Österreich“, sagt die Stimme. In einer Woche wollten mein Freund und ich uns in Island für einen zweiwöchigen Roadtrip treffen. Er ist Amerikaner und ich Deutsche. Dann kam Corona. Immer näher. Jeden Tag.
„Wenn Deutschland dichtmacht, bin ich weg“, sage ich plötzlich ganz ruhig.
„Haha, ja“, sagt mein Papa. Dann läuft ein Song von Clapton.
Eine Stunde später reiße ich zu Hause im Dunkeln meinen Koffer vom Schrank, beantrage in zwanzig Minuten online ein Visum und buche einen Flug nach Vancouver, Kanada.
