Wandern in Patagonien: Laguna de Los Tres – unvernünftig und unglaublich.

3. Mai 2026

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Der erste Blick auf den Fitz Roy vom Wanderweg Laguna de Los Tres

„Was mache ich hier eigentlich?“ Ich blicke die vertikal erscheinende Wand aus Felssteinen an, die Sonne brennt mir ins Gesicht, genau wie der eisige Wind. Irgendwo hinter dieser absurden Barriere aus Geröll liegt der Blick auf den Fitz Roy. Argentiniens Matterhorn. Einer der markantesten, schroffsten und schönsten Berge in Patagonien und der Welt. Ich will nicht auf den Gipfel, ich will nur zum Aussichtspunkt am Gletschersee Laguna de Los Tres. Doch der liegt auf einer 23 Kilometer langen Wanderung, wobei der letzte Kilometer über 450 Höhenmeter verpackt. Insane. Ich habe Fieber, mir ist kalt, ich schwitze, meine Nase läuft und meine Augen brennen. „Das war richtig dumm“, sage ich, bevor ich weitergehe. Bergauf.

 

Als wir frühmorgens im Dorf El Chalten aufwachen, ist Kaiserwetter über dem Fitz Roy. An einem einzigen Tag, von all den Tagen, an denen wir im Ort sind. Der Fitz Roy ist bekannt dafür, sich überwiegend in Wolken zu verstecken. Die Temperatur ist angenehm und nachdem wir gerade erst den mehrtägigen W Trek in Chile gemeistert haben, fühle ich mich bereit für die schwerste Tageswanderung Patagoniens – die Laguna de Los Tres. Alles scheint perfekt – bis ich diesen Anflug von Gliederschmerzen und Halskratzen bemerke. Vor einigen Tagen hatten wir in einem Überlandbus hustende und prustende Passagiere in der Reihe schräg hinter uns gehabt. Toll. Danke für nichts. Ich versuche, den Anflug zu ignorieren, aber ich weiß, dass er real ist. Ich werde krank. Ausgerechnet heute. Ich raste aus. Dann packe ich ein paar Ibuprofen ein, erzähle mir selbst, dass frische Luft bestimmt hilft, und wir ziehen los. Eine Geschichte von Unvernunft, Kraft, Verzweiflung, Stille und Schönheit.

Ein Hauch von Eis und Einsamkeit – der Weg zur Laguna de Los Tres

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Das wunderschöne Gletschertal bei El Chalten auf dem Weg zur Laguna de Los Tres

Es ist kalt. Die Sonne steckt noch hinter einer dünnen Wolkenschicht, als wir hoch über dem weiten Gletschertal hinter El Chalten entlangwandern. Leer ist das Tal und ganz ganz weit. Umzingelt von Bergen, durchzogen von Linien, von denen die meisten viel breiter sind als das milchig-blaue Wasser, das aktuell durch die Flussbetten strömt. Als hätte ein gigantischer Elf auf den Gipfeln des Berges seine Haare zurückgeworfen. Fließend, schwingend, lebendig. Dieses Tal, es wirkt wie das Ende der Welt oder das Tor nach Alaska. Hier unterbricht die Straßenverbindung von Nord- nach Südargentinien. Hier liegt das Südliche Patagonische Eisfeld im Weg, das 13.000 km² groß und durchschnittlich 250 bis 300 Meter dick ist. Der Fitz Roy und der Wanderweg zur Laguna de Los Tres liegen an seinem Rand und in der Luft spürt man es. Ein Hauch von Eis und Einsamkeit. 

 

Wir passieren einige Wildblumen. Es ist Sommer auf der Südhalbkugel. Dann laufen wir durch einen knorrigen Wald mit verspielten Stämmen, die eigentlich zu dick und alt sind, um zu spielen. Trotzdem sehen sie aus wie ein Märchenforst und als würde etwas zwischen ihnen glitzern. Verrückt, wie viel Grünes hier wächst, so nah an einem Ort, der von nichts als massivem Eis bedeckt ist. Etwas, das mir in Patagonien schon mehrfach aufgefallen ist. Bald haben wir drei Kilometer geschafft, dann fünf. Ich weiß, eine ganze Zeit lang tut dieser Weg so, als wäre er eine nette Tageswanderung über ein paar Steine und Wurzeln, meist recht flach. Doch ich weiß auch um den Endgegner – und dass ich ihn alleine bewältigen muss, denn mein Mann hat sich auf unserer Trekkingtour auf dem W Trek in Chile vor anderthalb Wochen den Ellbogen angebrochen. Im Tal kann er mitwandern, aber die Steinwand am Ende wäre zu gefährlich. Die Steinwand, die zu einem verrückt-blauen Gletschersee direkt vor dem Fitz Roy führen soll.

Geht nicht so gut – Wandern in Patagonien und nicht ganz fit

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Diese Wand vor dem Bergmassiv ist ja wohl nicht der Aufstieg?

Ich würde gern sagen, dass ich vor Aufregung zittere, aber im Hinterkopf ist mir durchaus klar, dass das nicht der Grund für mein Gefühl von Kälte und Müdigkeit ist. Als wir das erste Mal einen Blick auf das krass große Panorama des Fitz Roy bekommen, ist mir trotz langsam herauskriechender Sonne eisig. Ich ziehe meine Winterjacke an. „Findest du es kalt?“, fragt mein Mann überrascht.

 

„Ja, das ist bestimmt vom Gletscher“, lüge ich uns beide an. Mist-Drecks-beginnende-Erkältung… geh doch einfach weg jetzt! Wir stapfen weiter. Wie eine Front aus Granit liegt der 3.406 Meter hohe Fitz Roy mit benachbarten Gipfeln in der immer näherkommenden Ferne. Abgeschirmt wird der Blick ein wenig von etwas, das wie eine braune Wand aussieht und gefühlt halb so hoch wie der ganze Berg ist. Na, das wird ja wohl nicht der legendäre Aufstieg sein, das wäre ja wohl zu extrem! Da käme kein Mensch hoch, da würde man einfach rücklings wieder runterfallen wie eine Fliege von der Wand. Ich scanne das Terrain nach einem anderen, möglichen Weg nach oben. Vielleicht durch die Schneise weiter links? Bestimmt!

Ich gehe da jetzt hin – Aufstieg zur Laguna de Los Tres

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Eine einzige, steile Steinwüste auf dem Weg hinauf zur Laguna de Los Tres

Irgendwann erreichen wir den Fluss Rio Blanco – und die braune Wand, die ich von Weitem gesehen habe. Sie ist tatsächlich der Aufstieg. Die haben doch einen Vogel! 

Mein Mann und ich machen einen Treffpunkt aus. Neun Kilometer sind wir gemeinsam gewandert. „Bist du dir sicher, dass du da rauf willst?“, fragt er skeptisch.

 Nee, bin ich nicht. Ich sollte da jetzt nicht rauf. Ich sollte überhaupt am besten zu Hause auf der Couch liegen und nicht neun Kilometer zu einer Steinwand latschen. Aber jetzt bin ich hier. Über 24 Stunden sind wir geflogen, um von Deutschland nach Santiago de Chile zu kommen. Dann nochmal drei weitere Flugstunden nach Südpatagonien. Danach sieben Stunden mit dem Bus und drei mit dem Auto zum Fitz Roy. Unter anderem für diese Wanderung zur Laguna de Los Tres. Ich gehe da jetzt hin. Vielleicht bin ich nicht in Topform, aber was, wenn das meine einzige Chance im Leben ist, diese Wanderung überhaupt zu machen? Was, wenn ich nie wieder hier herkomme? Letztes Jahr hatten wir überlegt, nach Jordanien zu reisen und es verworfen. Jetzt ist Krieg in Westasien. Was, wenn es mir in ein paar Jahren gesundheitlich viel schlechter geht als bloß eine Erkältung? 

Kurz darauf kämpfe ich mich den Berg hinauf. Es ist krass. Krasser, als ich es erwartet hätte.

Die Unglaublichkeit – zwei Gletscherseen vor dem Fitz Roy

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Das große Finale am Fitz Roy und der Laguna de Los Tres

Ein Schritt nach dem anderen. Pause. Atmen. Pause. Die nächsten Schritte. Ich fühle mich, als würde ich einen Raumanzug tragen. Alles ist schwer und bleiern, anstrengend, heiß und kalt. „Was mache ich hier eigentlich?“, sage ich laut. Dann gehe ich weiter. Die Wand ist endlos. Das ist der längste Kilometer ever. Und der steilste. Ich denke an den Gletschersee, der oben auf mich wartet. Wie eine Mirage hängt er versteckt hinter der Kante der Felswand. Als ich endlich oben bin, bin ich fix und foxi, habe leichten Schüttelfrost und ein Kopf wie ein Rathaus. Dann bemerke ich, dass ich noch gar nicht oben bin, sondern noch ein weiterer, kleiner Wall vor mir liegt. Ich donnere mir eine Ibuprofen rein, ziehe meine Windjacke über mein verschwitztes T-Shirt und schaue auf die Uhr. Fast anderthalb Stunden bin ich schon unterwegs bergauf. Anderthalb Stunden für 800 Meter – bescheuert! Dann ziehe ich weiter. So weit. So weit habe ich es geschafft. 

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Laguna de Los Tres: zwei Gletscherseen auf einmal - was für ein Traum!

Der letzte Teil ist purer Schotter. Keine Ahnung, wie ich da wieder runterkomme. Wahrscheinlich auf dem Hintern. Genau in diesem Moment rutscht jemand neben mir aus. Nichts passiert. 

Und dann – dann erreiche ich die Krone, den Kamm der Wand. Dahinter liegt ein milchiger, intensiv hellblauer Gletschersee vor der monumentalen Kulisse des Fitz Roy. Ich muss mich setzen. Wow.

 

Aus irgendwelchen, nicht näher bekannten Gründen schleppe ich mich danach noch runter an den See, wo ich eine halbe Stunde einfach nur in der Sonne liege und diesen fantastischen Ort und Moment genieße. Dann steige ich noch auf einen Schutthügel, von dem aus ich überraschend einen zweiten, dunkelblauen Gletschersee (mit Wasserfall) sehe. Ich will weinen. Weil es so eine Landschaft doch in der Realität gar nicht geben kann, weil das doch irgendwie KI sein muss, weil nichts so perfekt ist – und weil ich so alle bin. Mein Kopf dröhnt und meine Körpertemperatur fährt Aufzug zwischen Gefrierpunkt und Hölle. 

Aber ich bin hier. Jetzt. Und auch, wenn es dumm war, ist es doch ganz unglaublich.

Der Rückweg und der nächste Tag – das Fazit

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Einfach mal richtig fertig

Ich bin ehrlich: Der Rückweg war keine Zuckerwatte. Ich war tot. Mit weiteren Ibuprofen und vielen Pausen waren wir nach insgesamt fast zwölf Stunden unterwegs wieder zurück in El Chalten. Am nächsten Tag lag ich komplett flach – mit Fieber, Schnupfen, Husten und Übelkeit (am übernächsten Tag ging es wieder).

 

Dies ist kein Aufruf zu falschem Heldentum. Dies ist etwas, das ihr nicht nachmachen solltet. Ich bin nicht stolz darauf und habe eine Weile überlegt, diese Geschichte überhaupt zu erzählen. Aber auf ihre ganz eigene Weise war diese Wanderung zur Laguna de Los Tres eine Verzauberung, ein Ort, den ich mit Ach und Krach, aber ohne Reue, bestiegen, erlebt und für immer in Erinnerung halten werde.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Karen (Sonntag, 03 Mai 2026 12:07)

    Liebe Sarah, ich verstehe dich nur zu gut. Bei so einer aufwändigen Anreise hätte ich mich auch den Steilhang mit Fieber und Schüttelfrost hoch geschleppt. Um ja nicht eines Tages zu sagen: Hätte ich mal ... An diese Wanderung wirst du genau deshalb viel öfter denken als an andere, wenn sie auch noch so grandios waren. Liebe Grüße von Karen

All photos © SquirrelSarah (unelss mentioned otherwise)

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