Wyoming, Montana, Alaska, Kalifornien, Oregon, Washington, Utah, Colorado, New Mexico, Arizona, Illinois, New York, Missouri, Oklahoma, South Dakota, Minnesota, Wisconsin, Texas, Ohio, Kansas, Georgia, Massachusetts
1. November 2025
Der blau-grüne See liegt glatt in einer Felsschüssel wie eine magische Tinktur. Kleine weiße Blumen bemühen sich ums Blühen auf der mageren, hochalpinen Wiese, auf der ich sitze. Hinter mir raschelt mein Mann in unserem kleinen Trekkingzelt herum. Irgendein Hering ist noch nicht perfekt. Aber das ist egal. Denn um uns herum ist schon so viel Perfektion, so viel Schönheit, dass ich mich kaum bewegen mag, aus Angst, es könnte alles in Scherben aufgehen. Hier sind wir. In der Wildnis in den Rocky Mountains oberhalb der Baumgrenze, wo es an nur drei Monaten im Jahr halbwegs warm und schneefrei genug ist, um überhaupt herzukommen. Über 3000 Meter hoch, keine Straßen, keine Infrastruktur, kein Lampenlicht, keine Häuser, kein Signal. Das Einzige, was einen hier herbringt, sind die Füße. Hinterlasse keine Spuren außer Fußspuren, nimm nichts mit, außer Fotos, ist der Leitsatz, der auch tatsächlich gut eingehalten hier draußen. Im Paradies. Wo Blumenteppiche blühen, türkise Seen glitzern, ein paar Schneereste lauern und man ganz auf sich allein gestellt ist. Wild.
6. September 2025
Alles ist voller Staub. Alles. Und weil ich schwitze wie ein Iltis, klebt der Staub an mir wie eine Tarnschicht. Mein Rucksack: grau, meine Schuhe: grau, meine Arme: grau, die Bergwand: grau. Oder in anderen Worten: Ich bin fertig wie ein Brötchen – und quasi unsichtbar. Aber ich bin auch oben. An einem der stillen, hochalpinen Seen im Grand Teton Nationalpark in den USA. Mit Rucksack, Zelt und Männe. Der ist auch staubig. Und zwar nicht, weil er so alt ist. Knapp acht Kilometer und 950 Höhenmeter haben wir in heißen, sonnigen Serpentinen bestritten, um hier anzukommen. An einem grünen Fleck Wasser, der rund ist wie ein Taler, eingebettet in ein Becken aus Gletschersteinen vor den schroffen Bergspitzen der Teton-Gruppe. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es kommt noch besser. Hinter dem See lauert das „Nichts“ aus die „Unendliche Geschichte“ von Michael Ende und am nächsten Morgen ist alles aus Gold. Außerdem sehen wir ein ganz seltenes, vom Aussterben bedrohtes Flausch-Tierchen, das ausschließlich in Höhen zwischen 2.400 und 4.000 Metern lebt – zur blauen Stunde und mit einem Blumenstrauß im Mund. Komm mit und finde die Magie!
16. August 2025
Dunkelblau und schwer schieben sich die Nachtwolken wie Schiffe über den Himmel und verdecken das letzte Glühen der Abenddämmerung. Ich liege am Grund des Yellowstone Canyons. Nee, jetzt nicht tot wie ein Fisch, sondern in unserem Zelt. Wir haben eine der beliebten Backcountry-Genehmigungen ergattert, die es uns erlaubt, eine Nacht im Yellowstone Nationalpark am Fluss tief unten im gleichnamigen Canyon zu campen. Sieben Kilometer weit und 620 Meter tief sind wir dafür mit Sack und Pack und Ach und Krach von der Kante des Canyons aus hinunter ins Tal gewandert. Und jetzt blicke ich aus der offenen Seitenklappe unseres ultraleichten Trekking-Zelts in die Dunkelheit. Und irgendetwas ist da draußen. Ein Tier.
Nervös schaue ich in die Finsternis. Eine Finsternis, die keine städtische Lichtverschmutzung kennt. Sie ist schwarz wie der Hintern eines Bären. Warum muss ich ausgerechnet jetzt an Bären denken?
Was da draußen los war, warum die Canyonwände dampfen, wie ein Wasserfilter zu einem tiefen Glücksmoment führte und wie mich auf dem Rückweg ein Nierenstein ans Limit gebracht hat – jetzt hier, im Logbuch der Dunkelheit.
31. Januar 2025
„Was ist das denn für ein blödes Foto?“, beschwere ich mich bei meinem Mann. Wir sind im Sequoia National Park in Kalifornien – dem Epizentrum für tausendjährige, rote Mammutbäume. Um die abnormale Größe der Bäume besser darzustellen, wollte ich, dass mein Männe mich neben einem der Gewächse vom Stamm bis zur Krone fotografiert. Toll, jetzt sieht man da nur mich und ‘ne Wurzel!
„Sarah“, erklärt er mir in seiner unerschütterlichen Ruhe, die oft das Wasser zu meinem Feuer ist. „Ich bin schon im Weitwinkelbereich, mehr als die Wurzel passt nicht drauf. Der Baum ist viel zu groß. Aber ist das nicht genau das, was du zeigen wolltest?“
Wir sind auf einem Camping-Trip mit Auto und Zelt von Wyoming durch Utah bis nach Kalifornien. Vier Nationalparks, Canyons, Wüsten, Urwald und brachiale Landschaften, die einen im Bewusstsein zur Größe einer Ameise schrumpfen lassen. Zweieinhalb Wochen draußen ohne feste Wände, mit Strom aus Sonnenenergie, Wasser aus einem Container und Essen vom Gaskocher. Von Over-Tourism über Kometen bis zu brennenden Bäumen und Zelten im Schnee. Auf geht’s!
28. Juli 2024
Die Sonne scheint, als wir am Wanderparkplatz des Lone Star Geysirs im Yellowstone Nationalpark unsere „Schränke“ aus dem Auto laden. Die „Schränke“ sind unsere zwölf Kilo schweren Rucksäcke, in denen unser Survival-Gedöns für die nächsten drei Tage steckt.
Wir wandern und campen in der Wildnis – Backcountry. Wir gehen dorthin, wo man nur zu Fuß hinkommt, wo man das Trinkwasser aus dem Fluss filtern muss und für den Toilettengang mit einer Schaufel ein Loch in den Boden gräbt.
Heute ist es angenehm und heiter bis wolkig – läuft. Gut, später soll ein vereinzeltes Gewitter durchziehen, aber selbst der Ranger winkt ab: „Das ist bloß ein kurzes Yellowstone-Gewitter. Das ist in ein paar Minuten auch wieder vorbei.“
Wer diesen Blog kennt, ahnt, dass hier etwas im Busch ist. Wir zum Beispiel, als wir vier Stunden später in siffigen Regenjacken unter einer Kiefer hocken und auf einen nicht ausbrechenden Geysir starren, während eine Gewitterwalze mit waagerechtem Starkregen und dreiarmigem Blitzschlag über uns hinwegrollt. Und dann ist da noch die Sache mit der Flut, den Bären, dem Schneefeld und einem phänomenalen Abend in goldenem Licht. Packt den Blitzableiter ein – es geht los!
29. Juni 2024
Ich will schreien. So laut, dass die versteckte Kamera aus dem Busch fällt. Aber lieber nicht. An diesem Wochenende würde sie mir garantiert auf den Kopf donnern, Genickbruch, tot.
An diesem Wochenende wollten wir eigentlich gemütlich auf einem grünen Campground in einem schönen State Park in Wyoming am Ufer eines Baches zelten.
Stattdessen stehe ich mit einer Packung roher Karotten vor einem platten Reifen im Staub und schaue zwischen der brennenden Sonne über dem Niemandsland und den letzten drei Tropfen in unserem Trinkwassertank hin und her. Wie um alles in der Welt konnte all das schiefgehen. In weniger als 48 Stunden. Das ist die Geschichte von einem Epic-Fail-Camping-Trip, den man nicht so schnell wieder vergisst. Macht euch einen Eimer Popcorn klar.
20. Mai 2023
„Ich sitze mit kurzen Klamotten in einem Straßencafé!“, rufe ich aufgeregt, während ich mit
kurzen Klamotten in einem Straßencafé sitze und beinahe meinen Eistee umkippe. Vom Permafrost in Alaska zu den Stränden Savannahs. Vom nördlichen Polarkreis an die südliche Ostküste der
USA. Spanisches Moos, das von uralten Eichen hängt wie Lametta. Loriot wäre ausgerastet.
Dampfer auf einem Fluss, der nicht zugefroren ist. Musik, Blumen, Wellenrauschen.
Unser Trip nach Savannah in Georgia ist wie ein Polaroid vom Frühling mitten im langen Winter der Rocky Mountains. Dazu kommen ein kilometerlanger Baumtunnel, eine Bucket-List-Segeltour und der surreale Totholz-Strand von Jekyll Island. Pack die Badehose ein, jetzt geht’s los!
15. April 2023
Vor einer Stunde hatte ich mich noch gefragt, wie ein paar Hunde einen ganzen Schlitten mit Menschen drauf ziehen können – jetzt weiß ich es: Sie sind mit Fell bewachsene Hulks, die total wild darauf sind, irgendjemanden mit wetzenden Pfoten in den Wald zu zerren.
So brettern wir durch die Arktis. Auf Pfoten – aber auch auf Füßen und Rädern. Von Hunden zu Nordlichtern und von der Taiga in die Tundra, fast 100 Kilometer nördlich vom Polarkreis, wo in Coldfoot unser Basecamp liegt. Coldfoot ist eine Stadt, die keine Stadt ist, sondern nur ein Truckstop. 350 Kilometer von jedem anderen Ort entfernt. Hier leben wir mehrere Tage in Wohncontainern, die mit Dieselgeneratoren beheizt sind, wo unser Fenster zwei Tage lang zugefroren ist und W-LAN viel zu 21st Century ist.
Kommt mit ins wilde Alaska. Vielleicht sehen wir ja einen der berühmten, gigantischen Elche?
25. März 2023
Ich mache die Tür von dem Holzverschlag auf und blicke auf das Plumpsklo. Eiswürfel am Klodeckel, Eiszapfen rund um den Sitz. Mir egal, ich muss jetzt pinkeln. Selbst schuld, ich wollte im Winter nach Nordalaska. Wir sind auf dem Weg von Fairbanks nach Coldfoot, einer kleinen Wildnis-Community entlang des Dalton Highways nördlich vom Polarkreis. 350 Kilometer entfernt vom nächsten Supermarkt in jede Himmelsrichtung. Keine Polizeistation, keine Feuerwehr, kein Krankenhaus, kein W-LAN und nicht mal 'ne Kirche.
Und wenn euch da was passiert?
Dann haben wir wenigstens noch geile Nordlichter gesehen, eine Hundeschlittenfahrt gemacht, auf dem Yukon River getanzt, den Polarkreis überquert und einen komplett gefrorenen Märchenwald gesehen. Ist doch besser, als am Lebensende in Oer-Erkenschwick die Kellertreppe runterzufallen. Also kommt mit zu unserem Alaska-Abenteuer – into the wild – auf einer der nördlichsten und gefährlichsten Straßen der Welt.
26. Februar 2023
Schon immer habe ich mich gefragt, was passiert, wenn es auf einer Wanderung in der Wildnis mal keine Schilder gibt, der Handyakku stirbt, das GPS-Gerät in den Fluss fällt und die Faltkarte dorthin weht, wo Bob Dylans Antworten hinwehen: in den scheiß Wind.
Bisher war das relativ klar: Ich kacke ab.
Doch nach dem Vortrag einer Outdoor-Professorin bin ich voller Elan. Sonnenstand, Wind,
Geräusche, Gerüche und Landmarken können sich im Kopf zu einem vollständigen Plan über das Gelände zusammenfügen. Ganz ohne Google Maps, ohne „Sie sind hier“-Pfeil, Schilder oder
Karten.
Ein paar Tage später setzt mich mein Freund an einem kleinen Staubtrail in einem Tal aus und gibt mir die Aufgabe, ihn und das Auto nach einer Wanderrunde an derselben Stelle wiederzufinden. Wer hätte wissen können, dass ich ein paar Meilen später planlos durch einen Fluss stolpere, auf riesige Katzenspuren starre und ein besonders wegweisender Geruch mein eigener Angstschweiß ist.
17. Juli 2022
Grollend laufen die dunkelblauen Wellen vom offenen Pazifik auf die schwarze Lavaküste zu. Die Sonne steht wie ein leicht verblasster Untersetzer aus Kork knapp über dem Horizont, verschleiert durch dünne Wolken. Dann macht es „Fummp!“ und durch ein drei Meter weites Loch im Boden direkt vor mir quillt schäumende Brandung, schießt über die Klippen, fast bis vor meine Füße und verschwindet dann unter dem Geklapper tausender Muscheln wieder in dem Loch, als hätte es jemand eingesaugt.
Hier kommt der zweite Teil unseres Reiseberichts über unseren 7.000 Kilometer langen Roadtrip durch Washington, Oregon, Kalifornien und Idaho. Springt mit uns ins Auto und kommt mit von Thor’s Well zu einem Buntglas-Strand, zum tiefsten See der USA in einem Vulkankrater und zu pechschwarzen Lavabäumen.
3. Juli 2022
11 Fahrstunden. Uff. Nachdem wir Yellowstone durchquert haben, versuche ich, ein bisschen zu schlafen. Nach weiteren 1600 Jahren erreichen wir die Grenze zu Idaho. „Hurra, in zwanzig Minuten sind wir am Campingplatz!“, jubiliere ich, während mein Hintern so platt ist wie eine Waffel.
„Du weißt schon, dass wir gerade in eine neue Zeitzone gefahren sind?“, fragt mein Freund vorsichtig. „Pacific Time ist eine Stunde hinter uns zurück.“ Das macht dann also offiziell noch eine Fahrstunde mehr. Ich flipp aus.
Als wir endlich zum Sonnenuntergang unser Zelt aufschlagen, beginnt der Trip erst richtig. Auf dem ersten Teil unseres Camping-Abenteuers durch den Nordwesten der USA nehme ich euch mit zu einem spektakulären Wasserfall mit Murmeltier, in eines der surrealsten und buntesten Museen der Welt, auf eine Schneeschuhwanderung mit Lawine und zu dem Ort, an dem 1980 Mount Saint Helens explodiert ist.
13. März 2022
Völlig fertig drehe ich den letzten Hering vom Zelt in den kalten Sand. Anderthalb Kilometer sind wir mit Zehn-Kilo-Rucksäcken über riesige Dünen gewandert. Jetzt ist es dunkel.ch will mich gerade hinsetzen, als ich in den Himmel schaue und augenblicklich mitten in der Bewegung innehalte. Über das samtblaue Firmament ergießen sich Millionen von Sternen wie ein umgekippter Zuckerstreuer. Und genau hinter unserem Zelt ragt die Milchstraße senkrecht empor. Wir sind in den Great Sand Dunes von Colorado und auf dem letzten Teil unseres einmonatigen Camping- und Roadtrips durch den Südwesten der USA. Ich nehme euch mit zu einer Höhle, die so unfassbar riesig ist, dass man darin das ganze Empire State Building versenken könnte, zu einer weißen Gipswüste, zu den größten Sanddünen in Nordamerika und einem ausgewachsenen Schneesturm, der uns zwei Tage lang in einer Holzhütte eingeschlossen hat.
2. Januar 2022
Wir stehen in einer Landschaft voller Krater und zylindrischer, weißer Felstürme. Über dem Horizont steht gold-orange die Abendsonne, die sich von Sekunde zu Sekunde verdunkelt. Mit blauen Wolkenscheiben, die uns wie die überdimensionalen Raumschiffe in „Independence Day“ von allen Seiten langsam, aber mächtig einschließen. Wie auf einer Insel stehen wir neben unserem kleinen rot-weißen Zelt, dessen Plane bereits im aufziehenden Wind zittert wie trockenes Laub. Wir sind mitten in der Bisti/De-Na-Zin Wilderness, einem der abgelegensten Orte von New Mexico. Keine Häuser, kein fließendes Wasser, kein Strom, kein Handyempfang.
Im zweiten Teil meines Reiseberichts über unseren einmonatigen Road- und Campingtrip durch den Südwesten der USA nehme ich euch mit zu wilden Wettergewalten, einem bedeutungsvollen Klo am Grand Canyon und einem der größten Ballon-Festivals der Welt.
7. November 2021
Wir sind auf einem Roadtrip 5.000 Kilometer durch den Südwesten der USA. Einen Monat lang. Von Wyoming durch Utah, Arizona, New Mexico und Colorado. Mit einem Zelt und einer „Off-the-Grid“-Ausrüstung.
Vor uns liegen 12 Nationalparks und Naturparks, Wüsten, Canyons, Sterne, unendliche Straßen, heiße Staubstürme und eiskalte Nächte.
Im ersten Teil unseres Reiseberichts nehme ich euch mit zu dunkelroten Felsriesen im Capitol Reef National Park, tausenden orangefarbenen Hoodoos im Bryce Canyon, tanzendem Staub im surrealen Lower Antelope Canyon und zu einem atemberaubenden Sonnenaufgang mit Sternen im Monument Valley – im offenen Geländewagen mit Bulldozer-Harry.
3. Oktober 2021
Vor uns steht der Grand Teton, der mit 4.199 Metern höchste Berg im Grand Teton National Park,
wie eine Wand. 18 Kilometer zu drei Seen wollen wir wandern. Mit 1.000 Metern Höhendifferenz. Auf einem Pfad, auf dem ich letztes Mal dreiundzwanzigeinhalb Blasen an den Füßen und Magenkrämpfe
zum Abgöbeln hatte – und das nur mit einem leichten Tagesrucksack. Also setze ich mich als Erstes mal auf einen Baumstamm und klebe meine Füße prophylaktisch ab.
Dann geht’s los. Zu einem kreisrunden Paradies aus Wasser und Steinen, zu Bären-Boxen, zu einem türkisen Gletschersee, zu Schweiß, Flüchen und gigantischen Felsbrocken – und zur schönsten und vollkommensten Spiegelung der Welt.
19. September 2021
Ich wollte ja immer mal so richtig campen gehen. In den Bergen in der Wildnis. Mit einem fetten Rucksack, der mich aussehen lässt wie Reinhold Messner. Mit einem Gaskocher unter Sternen, während im Wald der Uhu unheimlich ruft. Also haben mein Freund und ich beschlossen, dass es diesen Herbst Zeit wird, sich mit professioneller Campingausrüstung einzudecken und in die Wildnis von Wyoming auszurücken.
Backpacking im wilden Norden der Rocky Mountains ist allerdings kein Picknickausflug ins Sauerland. Das wird mir in dem Moment bewusst, als wir die ersten Meter mit den über zwölf Kilo schweren Rucksäcken gehen und ein Eichhörnchen mit kehligem Rasseln hinter einem toten Baumstamm hervorspringt. Vor uns liegen zehn Kilometer und eine kalte Nacht an einem See. Mit Elchen, Essen im Baum und Blitzen im Berg.
12. November 2020
„Wie nennt man einen Cowboy ohne Pferd? – Sattelschlepper.“ Ho ho ho. Vermutlich gibt es genauso viele dämliche Klischees und Witze über Cowboys, wie abgedroschene Sprüche über Blondinen. Dadurch, dass mein Freund Amerikaner ist, hat sich der wunderbare Umstand ergeben, dass ich jedes Jahr mehrere Monate in den USA verbringe. Und zwar im Cowboy-Staat Wyoming. Mitten im Wilden Westen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mal ein bisschen Licht in unsere von Karl May, Clint Eastwood und Django Unchained zerschossene Vorstellung dieses Landstrichs bringen. Laufen hier wirklich alle mit Kanone und Lasso rum? Mein Leben im Wilden Westen von Wyoming.
28. November 2020
Ich öffne die Nachricht. Sie ist kurz.
Hi Sarah, Frank ist heute Morgen gestorben.
Ich stehe mitten im Raum und glotze die Wand an. Es ist so still, als würde gleich das Fenster platzen und in tausend Splittern auf die Straße regnen. Auf einmal scheint die Holzvertäfelung zu pulsieren und der Boden unter mir aufzuweichen.
Frank ist ein Freund aus Los Angeles, den ich 2017 auf meiner mehrmonatigen Soloreise durch die USA kennengelernt habe. Ich wusste, dass er Krebs hatte.
Geht und besucht eure Familie, ruft eure Freunde an, verbringt eure Zeit nicht mit Überstunden, sondern mit euren Liebsten. Hier kommen wundersame Erinnerungen an einen tollen Menschen – und tausend Gründe warum du niemals warten solltest!
29. Oktober 2020
Ich bin im Hochrisikogebiet. Dem Land, das an der Spitze des Übels steht und in dem alles außer Kontrolle zu sein scheint. Weltweite Reisewarnung und so. Ich bin in den USA. Und obwohl ich deshalb im Hotspot des Superspreading und mit einem Bein im Grab stehen müsste, fühle ich mich so gut und so weit weg von der Welt wie lange nicht mehr. Was ich mir selbst verordnet habe: keine Nachrichten, keine Aufregung, kein Drama.
Ich bin in der Wildnis. Es ist einsam, schroff und wunderschön. Keiner geht mir auf den Sack und das Getöse der verrückten Welt wird zum Hintergrundrauschen. Es ist der Moment, in dem ich weiß: Ich bin raus. Ein Field Guide zum Gutfühlen.
7. März 2020
Eis und Schnee. Das kenne ich aus Deutschland! Wenn ich mir ein Banana-Split bestelle und später noch das Tiefkühlfach abtaue. Ich schaue auf den Kalender. Wenn ich meinen Freund im Februar nicht in Wyoming besuche, dann sehe ich ihn eine ganze Weile nicht. Wenn ich meinen Freund im Februar in Wyoming besuche, werde ich mit mittleren Erfrierungen und Eispickeln im Gesicht in die Charité eingeflogen. Bis zu minus 20 Grad wird dort gelegentlich zwischen Oktober und April.
Ich packe meine sieben Sachen und ziehe los. Zu klirrenden Eisschollen in 300 Metern Tiefe, einer Schneewanderung, bei der mir fast das Bein abgefallen wäre und einem Ewigkeitsbeweis, der jeden Ehering blass aussehen lässt.
22. Februar 2020
Da machen die den Yellowstone National Park zu. Im Winter. Einfach so. Weil es schneit! Ist der Scheiß aus Zucker oder was?
Da ich jedoch nie warte, bis mir Dinge passieren, sondern ich Dinge passieren lasse, finden mein Freund und ich schon nach drei Tagen heraus, dass man auf einer geführten Schneemobiltour durch den Park zwiebeln kann. Wer hätte wissen können, dass dieser Tag zu den schönsten meines Lebens werden würde. Dass ich beinahe die Hand nach einem Kojoten ausstrecken konnte und majestätische Bisons mit goldenem Fell nur zwei Meter neben mir durch den Schnee stapfen würden.
15. Januar 2020
Einmal zum Sonnenuntergang am Hollywood Sign stehen. Den Wind in den Haaren, die Sonne im Gesicht und etwas Einhornstaub im Herzen. Nicht irgendwo unten, wo das Schild die Größe von Telefonbuchschrift hat. Sondern so nah, wie es geht. Das muss doch zu machen sein!
Grandioser Weise passt mein Plan zur bewegten Geschichte des Schildes: Undurchdacht und vollkommen beschallert. Was ich bei 34 Grad in endlosen Staubwüsten und völliger Dunkelheit ohne Akku in den Hollywood Hills gemacht habe. Und wie zwei Flugbegleiter mich retten mussten.
19. Oktober 2019
Das Neonlicht der Tankstelle gleißt in der totalen Finsternis. Ich beuge mich im warmen Wind über das Auto und kratze ein monströses Insekt von der Scheibe. Ein intergalaktischer Blitz erhellt die Einsamkeit der Wüste für das Blinzeln einer Sekunde. Wir sind in Green River, Utah. Nur einen Katzensprung entfernt vom Arches National Park.
Morgen müssen wir um 5 Uhr aufstehen, um uns einen romantischen Sonnenaufgang anzusehen. Das Leben kann schon hart sein.
Das ist die Geschichte von einem feuerroten Felsentor, Canyons, die wie Gänsehälse aussehen, und einem fantastischen Roadtrip mit meinem wundersamen Doppelgänger.
22. September 2019
Nach vier Monaten im tiefsten Wald von Wyoming kracht das kreischbunte, menschenüberflutete Los Angeles wie die Titanic in den Eisberg. Ich bin der Eisberg. Wie Gretel stehe ich am LAX Airport und versuche eingehüllt in eine Wand aus Smog zwischen dröhnendem Hupen und brüllenden Homo Sapiens ein paar Brotkrumen zu finden, die mir einen Hinweis auf die U-Bahn geben. Noch habe ich keine Ahnung, dass ich in den kommenden drei Stunden damit beschäftigt sein werde, mich in zwei Bahnen und drei Bussen quer durch die Stadt zu meinem Airbnb vorzukämpfen und dabei Bekanntschaften von der Bahn-Security bis zum Drogendealer zu machen. Hello, Los Angeles!
7. September 2019
Ich glubsche bekloppt mit meiner Fliegerpiloten-Sonnenbrille in die Kamera. Der Himmel ist knallblau und die Sonne reflektiert in den Gläsern. Wer hätte wissen können, dass ich nur wenige Stunden später mit peitschendem Wind in der Fresse ohne Halt in einer Steilwand hänge, während meinem Freund das Blut von den Beinen läuft? Wir wollten einfach nur Wandern.
Der entscheidende Moment ist der, in dem du nicht mehr zurück kannst. Der Moment, in dem du dich zum ersten Mal umdrehst und feststellst, dass nichts zwischen dir und dem kleinen grünen Fluss in 400 Metern Tiefe ist.
3. August 2019
Es ist kurz vor Mitternacht, als ich das Reisetagebuch auf den Tisch knalle. Meine Augen brennen und ich habe frenetische Unlust, noch eine einzige Zeile in dieses verdammte Buch zu schreiben.
In den vergangenen Wochen haben wir so unfassbar viele verrückte Dinge getan und gesehen, dass ich kaum dazu gekommen bin, sie irgendwo niederzuschreiben. Deshalb gibt es jetzt ein „Best of“ der schönsten und außergewöhnlichsten fünf Erlebnisse vom Tanz im Schnee über einen nassen Hintern auf der River Rafting Tour bis hin zu gigantischen Kunstwerken im Gebirge und superliebem Besuch aus Deutschland.
5. Juli 2019
Wind zerreißt die dröhnende Stille wie ein samtener Vorhang auf der Bühne in völliger Dunkelheit. Trockenes Gras beugt sich den unsichtbaren Luftströmen, bis es den staubigen Boden berührt. Es sind die einzigen Geräusche an diesem Abend, kurz vor der goldenen Stunde, bevor die Sonne hinter den schwarzen Kanten der Felsen verschwindet. Oder doch nicht?
Meine Augen fixieren die Bergkette – und die Berge scheinen zurückzublicken. Ich spüre etwas wie einen zweiten Herzschlag in mir. Der Ruf der Berge. Von der Intensität eines Stromschlags. Der Versuch einer Erklärung der Faszination des Bergwanderns.
15. Juni
„Holy Shit Moly!“, rufe ich galant und in diskreter Megaphonlautstärke quer über die Hügel. Überall dampft und faucht es. Kleine Blasen
steigen aus dem gelben Tümpel vor mir auf. Als hätte jemand versehentlich brüllend heiße Fanta verschüttet.
Ich bin mitten im Upper Geyser Basin im Yellowstone National Park.
Zwischen den Bergen der Rocky Mountains befindet sich die größte Konzentration von Geysiren auf der Welt. Manche brechen zu einer bestimmbaren Zeit aus, viele sind unvorhersehbar. Doch im Grunde ist es egal, denn allein die schiere Regenbogenpracht ihrer Existenz lässt meine Kameralinse springen und gibt mir das Gefühl, einen LSD-Trip auf dem Mars zu haben.
