Nordlichter, Hundeschlitten und kalte Füße am Ende der Welt – Alaska im Winter.

15. April 2022

Schlittenhunde Alaska, Schlittenfahrt, Coldfood, Dalton Highway, Alaska im Winter
Bonanza und ich - Schlittenhundefahrt in Alaksa

Bonanza starrt mich mit ihren blauen Augen an, schnüffelt an meiner Hand. Dann lehnt sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen meine Beine und ich falle einfach in den Schnee.

Vor einer Stunde hatte ich mich noch gefragt, wie ein paar Hunde einen ganzen Schlitten mit Menschen drauf ziehen können – jetzt weiß ich es: Sie sind mit Fell bewachsene Hulks, die total wild darauf sind, irgendjemanden mit wetzenden Pfoten in den Wald zu zerren.

Ich schaue Bonanza, den Lead-Dog, an. „Ich mag Katzen lieber“, sage ich. Aber in Nordalaska waren gerade keine Schlittenkatzen zur Hand und mein Freund liebt Hunde. Außerdem wollte er immer mal Hundeschlitten fahren – und wenn nicht jetzt, wann dann!

 

So brettern wir durch die Arktis. Auf Pfoten – aber auch auf Füßen und Rädern. Von Hunden zu Nordlichtern und von der Taiga in die Tundra, fast 100 Kilometer nördlich vom Polarkreis, wo in Coldfoot unser Basecamp liegt. Coldfoot ist eine Stadt, die keine Stadt ist, sondern nur ein Truckstop. 350 Kilometer von jedem anderen Ort entfernt. Hier leben wir mehrere Tage in Wohncontainern, die mit Dieselgeneratoren beheizt sind, wo unser Fenster zwei Tage lang zugefroren ist und W-LAN viel zu 21st Century ist.

Kommt mit ins wilde Alaska. Vielleicht sehen wir ja einen der berühmten, gigantischen Elche?

Hundeschlittenfahrt in Alaska – was für Energie!

Hundeschlitten Alaska, Hundeschlittenfahrt, Schlilttenhunde, Roadtrip Alaska, Nordalaska, Alaska im Winter
Ein bisschen am Schnee schnüffeln bei einer Pause auf der Schlittenfahrt

„Die Hunde sind ganz wild darauf, auf Schlittenfahrt zu gehen“, erklärt unser Hundeschlittenführer Dan. „Die müssen das von selbst wollen. Es bringt nichts, ein Tier zu etwas zu zwingen.“ Finde ich gut. Ich habe gerade noch Zeit, mir bei minus 20 Grad eine Wolldecke über die Beine zu werfen und schon gibt Dan das Kommando zur Abfahrt und die Hunde tosen mit uns und dem Schlitten davon. Ich fühle mich wie in einer Santa-Claus-Werbung, wo Rentiere über Kamine und Hausdächer in den Himmel schießen.

Was für eine Energie, was für kräftige Beine, was für dickes Fell!

 

Ein paar Mal jagen die Hunde über fest zusammengepresste Schneehaufen, der Schlitten hüpft und mein dritter Lendenwirbel fliegt in den Orbit um die Erde, wo er für immer als Weltraumschrott kreisen wird. Tannenzweige und Schneestaub ziehen vorbei, vor uns die Berge, über uns der grau-blaue Himmel.

Ab und zu halten wir an, damit die Hunde Pause machen können. Einige schnüffeln am Schnee, andere essen ihn. Ich stelle mir vor, wie ich im Sommer mit einem Schlitten durch die Innenstadt von Dortmund donnere und ab und zu anhalte, um bei einer Eisdiele an einer Kugel Schokoladeneis zu schnüffeln. Herrlich!

 

Nach etwa 45 Minuten sind wir zurück und der Lead-Dog Bonanza hat immer noch genug Energie, um mich umzuschubsen wie eine Ziege im Gewitter. So eine Fahrt muss ich nochmal machen. In Grönland. Für mehrere Tage.

Mit Schlittenkatzen.

Coldfoot Camp – the simple Life

Coldfoot Camp, Alaska, Dalton Highway, Roadtrip, Alaska im Winter, Unterkünfte Dalton Highway, Alaska, Wohncontainer
Die Wohncontainer in Coldfoot, Alaska

Kurz darauf sind wir zurück in Coldfoot – unserer Hood. Oder in unserem Hood-Container. In Nordalaska gibt es keine wirklichen Städte und außer dem Dalton Highway auch keine wirklichen Straßen. Was es gibt, sind verstreute Holzhütten von Selbstversorgern, ein paar Dörfer von Athabascans (Ureinwohner Alaskas), Truckstops und Container-Camps für Arbeiter an der Öl-Pipeline. In einem dieser Camps wohnen wir für einige Tage.

Die Container haben extrem dünne Pressspahn-Wände, die Zimmer sind simpel, der Gang sieht aus wie der Verhör-Bunker in einem DDR-Film und ist der einzige Teil des Gebäudes, der aktiv durch einen Dieselgenerator beheizt wird. Möchte man Wärme im Zimmer, muss man die Tür auflassen. Möchte man die Raumtemperatur senken, macht man das Fenster auf.

Unser Fenster ist durch einen Kälteeinbruch auf unter minus 30 Grad zwei Tage lang zugefroren. Hätte das Mistding bei den infernalischen Temperaturen eh nicht aufgemacht.

Coldfoot Camp Alaska, Wohncontainer, Wildnis, Abenteuerurlaub, Alaska im Winter, Unterkunft Alaska, Nordalaska, Dalton Highway
Simples Pressspahn - aber alles da!

Ansonsten besteht Coldfoot aus einer Zapfsäule, einem Truckstop-Café, wo es hauptsächlich Burger, Speck, Eier und Softdrinks gibt, sowie einem Flughafen mit einer einzigen Landebahn, die aus plattgepresstem Schnee besteht. Piloten schalten ihre Landebeleuchtung selbst ein und die einzige Security ist ein krächzender Rabe, der mit seinem Arsch auf blankem Eis sitzt. Friert der da nicht fest? Wahrscheinlich sind Raben in Alaska so tough wie Schlittenhunde. Wahrscheinlich ziehen sie sogar Schlitten und trinken nachts heimlich Diesel aus der Zapfsäule.

 

So rustikal wie das alles klingt, so sehr bringt es auf den Punkt, wie wenig wir eigentlich brauchen, um zufrieden zu sein. Die Zimmer sind sauber, wir haben eine Dusche mit heißem Wasser, die Daunendecken auf den Betten sind warm, es gibt Essen, Trinken, einen Aufenthaltsraum mit Brettspielen, keinen Krieg und keinen Terror. Essenzielle Dinge, die wir als selbstverständlich hinnehmen und die Millionen Menschen auf der Welt nicht haben.

Außerdem gibt’s auch keine scheiß nervigen E-Mails, denn W-LAN ist nicht vorhanden und das einzige Handysignal ist schwach.

Nordlichter mit Holzhütte und Holzofen

Nordlichter Wiseman, Alaska, Nordlichterbeobachtung, Aurora Alaska, Selbstversorger, Wildnis, Dalton Highway
Nordlichter über Wiseman

Gegen das Dorf Wiseman ist der Truckstop Coldfoot fast eine Metropole. Beide Orte existieren nur, weil dort mal nach Gold gesucht wurde. In Wiseman leben aktuell 11 Menschen in kleinen Hütten (in Coldfoot je nach Saison knapp 100). Es gibt kein fließendes Wasser, geheizt wird mit Holz aus dem Wald und gegessen wird, was in der Wildnis vorbeiläuft. Einige Einwohner waren seit Jahren nicht mehr im 430 Kilometer entfernten Fairbanks – wo der nächste Supermarkt liegt.

Eine der Hütten steht leer, seit der über 90-jährige Besitzer verstorben ist. Weil es hier keinen Arzt und kein Krankenhaus gibt, zieht man im Alter oder bei Krankheit entweder nach Fairbanks oder man stirbt halt.

 

Die leere Hütte ist zum Outpost für Nordlichter-Beobachtungen geworden und auch wir verbringen zwei Nächte hier draußen. Mit einem romantischen Holzofen vor der Tür, damit einem nicht sämtliche Körperteile abfrieren, während man darauf wartet, dass sich die magischen Lichter am Himmel zeigen.

 

Ich stelle mein Stativ auf und warte. Nichts. Wer glaubt, die Lichter flackern die ganze Nacht lustig wie Deko auf dem Christkindlmarkt, wird lange Zähne bekommen. Und vermutlich trotz Holzofen auch kalte Zähne.

Irgendwann sehen wir zwischen den Wolken aber doch ein türkises Band. Es zieht sich wie eine Rauchfahne im Wind von den Bergspitzen über den Himmel, wo der Große Wagen direkt über unseren Köpfen steht. Völlig lautlos, ganz beiläufig und so magisch-schön!

Alaska-Elche – oder doch Elefanten?

Schnee Dalton Highway im Winter, Roadtrip Alaska, Panamericana, Schneeverwehungen, Arktis, Polarkreis
Schneeverwehungen auf dem Dalton Highway

An einem Tag machen wir eine Tour auf dem Dalton Highway über den Atigun Pass in der Brooks Mountain Range bis zum Galbraith Lake. Rund 230 Kilometer nördlich vom Polarkreis. Die Landschaft wandelt sich von der kargen Taiga zur baumlosen Tundra. Klimazonen, die mich schon im Schulatlas vom Namen her haben frösteln lassen, aber die mich auch enorm neugierig gemacht haben.

Als wir den Pass überquert haben, setzt starker Wind ein, der den Schnee von den rauen Bergspitzen ins Tal peitscht.

 

Innerhalb weniger Minuten wird die Straße durch Verwehungen unsichtbar. Allein Leitpfosten im Boden geben einem eine ungefähre Ahnung, ob man sich noch auf Kurs befindet oder gleich mit der Motorhaube im Nordpol steckt. Als wir kurz anhalten, um ein paar Brote zu essen, überlege ich, auszusteigen. Doch dann habe ich Angst, dass ich in wenigen Sekunden so aussehe, wie Jack Nicholson am Ende von „The Shining“ (zu Eis erstarrt).

Alaska-Elch, Nordalaska, Dalton Highway, wildlife, wilde Tiere Alaska
Ein Alaska-Elch - einfach riesig!

Als wir umkehren, hat der in diesen Breitengraden mehrere Stunden andauernde Sonnenuntergang eingesetzt. Pastellfarbene Linien in Orange, Rosa und Blau ziehen sich über den Himmel.

Als ich mich gerade zurücklehne, schreit auf einmal eine Mitfahrerin „Moose!“. In Sekunden kleben sechs erwachsene Menschen im Van an den Fenstern wie Kinder im Zoo beim Orang-Utan.

Draußen im Schneegestöber zwischen kratzigen Tannen und eisiger Kälte steht ein Elefant. Beine wie Baumstämme und eine Nase wie ein Bulldozer. Ein Alaska-Elch. Sie sind die größten Elche auf der Welt. Wildes Fotografieren setzt ein. Der Elch ist unbeeindruckt und ich frage mich, wie unbeeindruckt er wohl wäre, wenn ich aussteigen würde.

Dann sähe ich wahrscheinlich nicht nur aus wie Jack Nicholson am Ende von „The Shining“, sondern wie Jack Nicholson am Ende von „The Shining“ abgepackt in winzig kleine Gefrierbeutel. Ich beschließe, dass Elch vom Autofenster aus auch okay ist.

 

Am Abend sitzen wir im Truckstop von Coldfoot. Auf dem Teller irgendwas Fettiges und im Glas irgendwas Zuckriges. Wie unglaublich vielfältig das Leben auf unserer Erde ist. Die Art und Weise, zu leben, das Klima, die Landschaft, die Wunder der Natur. Und wenn man reist, sieht man von allem ein bisschen – wie bei einem Puzzle aus hunderttausend Teilen.

 

Mehr über unseren Roadtrip auf dem legendären Dalton Highway mit einem gefrorenem Zauberwald und Überquerung von Yukon River und Polarkreis findet ihr hier: Highway to Hell: Abenteuer-Trip auf dem Dalton Highway in Alaska.

Kommentare: 3
  • #3

    Kasia Oberdorf (Montag, 29 Mai 2023 22:11)

    So oder so ähnlich habe ich mir Alaska vorgestellt. Kalt, kaum bewohnt und wenn, dann von bärtigen, knallharten Holzfällern. Oder Truckern. Oder Elchen. Auch knallhart. Bin ein Bisschen neidisch. Das ist so die Gegend, wo es keinen hinzieht, eigentlich. Und wo es mich hinzieht, und nur wenige Verrückte. Schön, dass ihr beiden solche Dinge zusammen erleben könnt, das verbindet :-)

    Lg Kasia

  • #2

    SquirrelSarah (Dienstag, 23 Mai 2023 22:49)

    Hi Peter,
    danke fürs Lesen und das Kompliment. :) Ich hoffe, dass du die Schlittenfahrt noch nachholen kannst. Du weißt: Zu spät isses erst, wenne tot bist.
    Finnland ist bestimmt auch toll. Wenn alles klappt, sind wir diesen Sommer in Norwegen. Ich freu mich schon drauf und wünsche dir auch super viele Abenteuer!
    Sarah

  • #1

    Don Pedro (Montag, 17 April 2023 15:30)

    Mensch Sarah,
    da hast Du wieder einen geilen Bericht rausgehauen.
    Mich haut es immer wieder um, wie "frisch und humorig" Deine Schreibe ist. Ein Genuss deluxe.
    Das mit dem Hundeschlitten-Fahren will ich auch mal machen; 1994 wäre eine Gelegenheit gewesen. Bei der Hinfahrt zum finnischen Inari-See Nähe Polarmeer an der russischen Grenze gab es viele Rentier- und eine Elch-Sichtung; dieser hatte aber keine Elefantengröße. Aufgrund eines Autounfalles hat sich das mit dem Hundeschlitten-Gedöns dann auch verflüchtigt.
    Noch viel Spaß und Abenteuer in den Verunreinigten Staaten Amerikas und Grüße mir Rand.

Facebook Lonelyroadlover
Pinterest Lonelyroadlover