
Tokio – ich raste aus. Da sind bestimmt riesige Menschenmassen, alles blinkt und Animes und Cosplay-Gedöns schreien mich an.
Moment mal. Stimmt gar nicht.
Als ich nach 14 Stunden Flug und einer Nordpolüberquerung in Japan ankomme, bin ich fertig wie ein Brötchen, denn die gesamte Nacht hat ein Kleinkind in der Reihe hinter mir gebrüllt. Alle 15 Minuten. Der gesamte Flieger war total amused. Nicht. So viel zum Thema „anschreien“. Dagegen ist die Hauptstraße neben der U-Bahn in Downtown Tokio nichts, denn hier fahren richtig viele, leise Elektroautos, verschiedene Fassaden sind vertikal begrünt, und niemand pöbelt, hupt oder spuckt. Mein erster Abend nach dem langen Flug wird dementsprechend entspannt. Ich schlendere durch eine stille Seitengasse und hole mir ein Stück Pizza to go, das ich noch warm in Papier einschlagen lasse, weshalb später der gesamte Belag fest am Papier klebt und ich unfreiwillig „Margherita“ esse. Naja. Gibt Schlimmeres. Zum Beispiel die Nacht im Flugzeug. Es ist Mitte April, die Kirschblüte ist vorbei und ich bin anderthalb Wochen allein in Japan, bevor mein Mann aus den USA zu mir stößt. Er hat noch fix eine Metallplatten-OP an seinem gebrochenen Bein und kommt dann nach. Canceln ist nicht. So ist er.
In diesen anderthalb Wochen finde ich tatsächlich die kreischbunte Plastikwelt, vor der ich Angst hatte – allerdings morgens früh, als die Party vorbei ist. Ich laufe durch einen Raum voller Wasser und eine Halle voller schwebender Orchideen, finde einen Waldtempel im Herzen der Stadt, aus Versehen Azaleen, und schottere mit einem Mietfahrrad am Fuße des Fujis ab. Kommt mit zu einem Tokio das überraschend anders ist als das, was man sich vorstellt.

Natürlich hat Tokio diese Ecken, an denen alles blinkt und leuchtet und an denen tausende Menschen zugleich über die berühmten Zebrastreifen der Shibuya Crossing laufen (geht in Japan übrigens höflicher und geordneter über die Bühne als ’ne Bestellung an der Brottheke bei Rewe am Montagmorgen). Natürlich gibt’s in Tokio Nachtleben, Bars und Partys. Wer mich kennt, weiß, dass ich darauf ungefähr so viel Lust habe wie auf Hautausschlag. Trotzdem nehme ich die U-Bahn und fahre ins Golden Gai nach Shinjuku, wo nach Sonnenuntergang so richtig die Lutzie geht. Nur, dass es sieben Uhr morgens ist. Die Stille nach dem Feiern. Immer etwas ganz Besonderes – insbesondere fotografisch. Das Golden Gai ist ein winziges Viertel mit noch winzigeren Gassen, in denen sich superwinzige Restaurants knubbeln, die manchmal nur fünf bis zehn Plätze haben und wo vor den Gästen offen gegrillt und gekocht wird. Die würzigen Gerüche, die Hitze und alkoholisierten Gespräche kann man sich vorstellen. Als ich ankomme, ist es taghell, ruhig und die meisten Bars sind geschlossen oder kehren gerade aus. Über mir baumelt ein Kronleuchter aus unechten Strasssteinen, daneben ein Graffiti, im Fenster darunter eine wirre Sammlung von Statuen. Blumenkästen, Weingläser, schief hängende Laternen und Kunstblumen vollenden dieses besondere und alternative Viertel. Ein Ort zum Schlendern und Hinschauen. Ich hab Spaß.
Etwas später bin ich noch an der Hauptstraße Shinjukus mit seinen riesigen, digitalen Werbetafeln, auf denen Popbands laut dröhnend singen und Comicfiguren richtig nervigen Scheiß verkaufen. Ich blende den Blödsinn geistig aus und begebe mich auf die Suche nach der Shinjuku-Katze – eine dreidimensional wirkende Projektion einer… na, Katze halt. Die finde ich dann auch und bin tatsächlich begeistert, wie echt sie von der Ecke des Gebäudes zu hüpfen scheint. Nach dieser Explosion an Bunt und Plastik bin ich reif für was Grünes. Und erstaunlicherweise liegt es gar nicht weit entfernt.

Dieses grüne Rechteck mitten im zugebauten New York kennt ihr, oder? Central Park. Sowas gibt es auch in Tokio. Nur spiritueller und mit richtig viel Wald. Der Meiji Schrein führt einen mit einem mächtigen Torii aus purem Holz in einen Garten, der einen komplett vergessen lässt, dass man in einer der größten Metropolen der Welt ist. Breite Wege führen an knorrigen Bäumen mit breiten Kronen vorbei. Man fühlt sich gleich wie einer der Sieben Zwerge. Stille umfängt mich, Blätter rascheln und es ist, als hätte ich einen geheimen Hinterhof betreten, der Hochhäuser, Straßen und Autos komplett ausblendet. 70 Hektar groß ist das Gelände im Stadtteil Shibuya und wurde zwischen den Jahren 1915 und 1920 angelegt. 100.000 Freiwillige haben damals über 120.000 Bäume gepflanzt, davon 365 verschiedene, heimische Arten. Ziel der Aktion war es, einen artenreichen, langfristig stabilen und zukunftsfähigen Wald aufzubauen, ohne an Profit und Holzwirtschaft zu denken. In der Mitte der Anlage: der wunderschöne Meiji-Schrein mit großem Innenhof und zwei imposanten, sich nahestehenden Bäume, die als „Mann und Frau“ bekannt sind. 2013 hat eine Studie gezeigt, dass sich über die Jahrzehnte 3.000 Lebewesen, darunter seltene Vögel und Insekten, in dem Wald angesiedelt haben. Ist es nicht schön, wenn Visionen einfach mal klappen und kein Vollhonk mit einem Panzer und Hass kommt, um alles egomanisch zu zerstören, nur weil er es kann?
Ich streife den ganzen Nachmittag über die Pfade des Waldes, bleibe am Schrein sitzen, genieße die Sonne, die kunstvolle Architektur und atme durch. Nur Eichhörnchen sehe ich keine. Apropos: Wusstet ihr, dass es in Japan das Japanische Gleithörnchen (Niedlichkeitsfaktor tausend) und das Japanische Riesengleithörnchen (sieht aus wie ein fliegender Waschbär) gibt?

Ein bisschen Ruhe wollte ich eigentlich ein paar Tage später auch am Nezu Schrein finden. Doch dann voll halligalli. Food-Trucks, Luftballons, Menschenschlangen. Ich will gerade die Flucht ergreifen, als mich ein netter, älterer japanischer Herr in Uniform herüberwinkt und in die Schlange dirigiert. Ich bin auch nett und zu nett um „Hilfe, ich will hier weg!“ zu rufen.
Kurz darauf bin ich froh, dass ich nicht weg bin. Denn ich bin aus Versehen auf das große Azaleen-Festival geraten und an den Hängen des Schreins stapeln sich knallpinke, weiße, rote und violette Kugelbüsche, als hätte jemand bunte Murmeln ausgekippt. Obwohl es recht voll ist, sind die Menschen so leise und höflich, dass es überhaupt nicht unangenehm ist. Das kenne ich auch aus Restaurants in Skandinavien. Es ist nicht immer die Anzahl an Mitmenschen, sondern wie sie sich benehmen und miteinander umgehen. In Deutschland leider oft dauermeckernd und wie Sau. Schade eigentlich. Können wir das auch besser?
Die Blüten leuchten und sehen aus der Ferne aus wie ein wogendes Meer. Mittendrin erhebt sich ein Gang aus kleinen, roten Torii. Aus der Nähe sehe ich die vielen Details der unterschiedlichen Blüten. Manche dünn und klein, andere gefüllt und buschig. Japan ist ein absoluter Hotspot, was Blumenfestivals angeht. Auch wenn ich Wildblumen viel lieber mag als Arrangements, berührt mich dieser Ort. Dankeschön an den netten, älteren japanischen Herrn in Uniform!

Wie ihr vielleicht wisst – ich bin eher so der Wildtyp. Virtuelle Welten sind nicht so meins. Doch mein bester Freund, mit dem ich 2017 zum ersten Mal in Japan war, hatte mir neulich unglaublich künstlerische, surreale Bilder aus dem TeamLab Tokyo geschickt – einer immersiven Ausstellung, in der man durch Fantasiewelten läuft. Einen Raum mit Wasser, ein Spiegelkabinett und eine Halle mit echten, hängenden Orchideen. Das musste ich einfach ausspitzen. Da das Museum beliebt ist, sollte man mindestens zwei bis vier Wochen vorher Tickets bestellen. Hatte ich auch getan. Ach, da biste in zwei Stündchen durch, denke ich mir.
Nach fünf Stunden komme ich voller Staunen, richtig müde aber total verzaubert aus der Ausstellung. Ich bin durch einen Raum voller riesiger Bälle getollt, habe unter einer Kuppel voller Blütenblätter gesessen, ausgestorbene Tiere eingefangen und wieder freigelassen, saß unter einer Decke aus Orchideen, die sich langsam auf mich hinabgesenkt hat, bin bis zum Knie durch lauwarmes Wasser mit Koi-Projektionen gelaufen, habe ein Flugzeug gemalt und anschließend auf einer Leinwand in 3D mit dem Handy gesteuert und bin über neonleuchtende, schwebende Stäbe geklettert. Heiliger Kuhmist – wenn das mal nicht die Realisierung all meiner verrückten Kindheitsträume von „Wunderland“ und „Paradies“ waren! Als hätte jemand in mein fünfjähriges Gehirn geschaut und all die tollen Dinge nachgebaut, von denen ich wusste, sie existieren nur in meiner Fantasie. Große Herzensempfehlung: die TeamLab Museen gibt es mehrfach auf der Welt und ab 2026 auch in Hamburg.

Was ist noch naheliegend bei Tokio? Yes, der Fuji. Einer der markantesten Berge der Erde. Allerdings hat er absurd oft keine Lust, gesehen zu werden. Mein bester Freund hat schon zwei Anläufe in zwei verschiedenen Jahren genommen und einmal war Asche, ein anderes Mal Dunst. Eine Instagram-Freundin war nur wenige Tage nach mir da – Regen. Kein Fitzelbisschen vom Fuji zu sehen. Nur eine weiße Wand. Als ich mit dem Langstreckenbus zwei Stunden lang von Tokio zum Fuße des Fujis bimsel, ist Kaiserwetter. Fast rechne ich damit, dass trotzdem irgendwas schiefgeht, aber auf einmal ist er da. Riesig, mächtig, wie ein blaues Warndreieck mit weißem Zuckerguss. Ich will am liebsten während der Fahrt aufspringen und ans Fenster rennen. Aber in Japan reißt man sich zusammen. Kaum angekommen, starte ich „Mission Fahrrad“. Ein Mietwagen war mir zu unpraktisch, weil es nicht immer überall dort Parkmöglichkeiten gibt, wo ich mir etwas ansehen möchte. Zu Fuß wäre ich nicht weit gekommen und der öffentliche Bus ist unflexibel. Online hatte ich dann den Vorschlag gefunden, einfach ein Rad zu mieten. Einfach.

Zum Glück gibt es echt viele Mietrad-Läden rund um den Fuji. Mit Händen und Füßen und etwas Jenglisch mache ich ein klappriges Damenrad mit Helm klar und schiebe es verschämt um die Ecke, bis mich der Vermieter nicht mehr sehen kann, denn ich saß ewig nicht auf einem Rad, hier ist Linksverkehr und ich kann die meisten Schilder nicht lesen. Wahrscheinlich kacke ich direkt ab. Dann sause ich einen Hang zu einem See runter, fahre querfeldein über eine Kreuzung, habe etwas Herzrasen und gelange schließlich zu wahnsinnig schönen Aussichtspunkten. Als ich gegen Nachmittag noch Zeit habe, radel ich am Seeufer längs und will einfach nur entspannen. Ich fahre auf einen Park zu, der auf Google Maps zu sehen ist. Wahrscheinlich ein paar Parkbänke und Bäume, denke ich. Ja Pustekuchen! Da sind schon wieder Blumen. Richtig viele Blumen. Ich habe das nächste Flower-Festival gecrashed. Tulpen, Hainblumen, Stiefmütterchen,… aus der Bodenperspektive sehen die Beete aus, als würden sie sich über Kilometer erstrecken. Ich mache zehn Millionen Fotos. Eine Fähigkeit, die mich fast aussehen lässt, als wäre ich ein Local, denn es ist unfassbar, wie viele Fotos Japaner pro Sekunde verschießen. Überall, nicht nur bei Blumen. Dann bleibe ich noch ein bisschen stehen und schaue auf den Fuji, der als einer der heiligsten Orte im Land gilt. Im Shintoismus ist er der Sitz der Götter. Eine Bedeutung, die nicht passender sein könnte für so einen einmaligen, majestätischen Berg.
Tokio – so viel mehr als Menschenmassen, Animes und Cosplay-Gedöns.
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Karen (Mittwoch, 03 Juni 2026 18:58)
Hallo Sarah, habe jetzt noch eure Japan-Bilder auf Instagram gesehen - Wahnsinn. Ja, wir haben eine Einladung nach Kyoto, zu den Eltern des Radlers, der unser Sohn sein könnte. Er nannte uns "my second German parents", denn er war das erste Mal in Europa und wir holten ihn nachts vom Hamburger Flughafen ab.
SquirrelSarah (Dienstag, 02 Juni 2026 18:47)
Hi Karen,
danke für den wieder einmal schönen Kommentar. :) Ich freue mich total, zu hören, dass jemand all das hier liest. Die Idee mit dem Reiserad ist super! Kann für die Regionen auf jeden Fall die eher kühleren Monate empfehlen, sonst geht man kaputt. Und wie toll, dass du da dann schon Connections hast. Cool, wenn man so über die Welt hinweg verbunden bleibt. :)
Liebe Grüße
Sarah
Karen (Montag, 01 Juni 2026 21:37)
Hallo Sarah,
wieder ein so wahnsinnig interessanter Artikel, man kann nicht aufhören, man muss bis zum Ende lesen. Lesezwang sozusagen. Am liebsten würde ich sofort einen Flug buchen, aber natürlich mein eigenes Reiserad mitnehmen und Tokio + Fuji + Nagasaki + Kyoto (wo ein Radler wohnt den wir in der Cadillac Range bei Amarillo trafen und der uns in Deutschland besucht hat) +++ erkunden. Dieses Jahr ist ausgebucht, nächstes Frühjahr bietet sich an....
Viele Grüße von der Ostsee,
Karen