
Es riecht würzig, moosig, kalt und nach Sternen. Ich liege auf einem dichten Laubhaufen unter einem engen Dach aus morschen Ästen, es ist Januar, fast null Grad, Mitternacht und ich bin allein im Wald. In einem Shelter – einer selbstgebauten Schutzhütte aus Laub. Jetzt kann man sich fragen: Was soll der Quatsch? Bin ich irgendwo verlorengegangen? Ja und nein. Ich bin seit Oktober 2025 in meiner Ausbildung zur Wildnispädagogin. Du denkst, da tanzt man bloß seinen Namen und lernt ein paar Bäume auswendig? Ja, von wegen! Wildnispädagogik ist vor allem eins: wild. Nicht nur draußen in der Natur, sondern vor allem in einem drin. Es geht um das Verlassen von Komfortzonen, Ängste, Überwindung, Erfahrung und Selbstwirksamkeit – also die Fähigkeit, bei großen Herausforderungen das feste Vertrauen in sich selbst zu besitzen, die Situation aus eigener Kraft erfolgreich zu meistern. Und der Weg dorthin führt nicht über einen Pfad aus Rosenblättern, sondern dorthin, wo es unheimlich, kalt, unbequem und unbekannt ist. Deshalb haben wir schon nach dem ersten Modul die Hausaufgabe bekommen, unser eigenes Notfall-Shelter zu bauen – aus Ästen und Laub, im Wald – und eine Nacht darin zu schlafen.
Gut, hätte ich jetzt im Frühling oder Sommer machen können. Oder an einem Ort, an dem ich nicht bereits vor anderthalb Jahren allein in einem Zelt vor Angst gestorben bin. Aber nachdem ich vor Weihnachten „spaßeshalber“ dieses Shelter gebaut hatte, um zu sehen, ob ich sowas kann, hat es mich auf einmal gepackt. Kurz nach Neujahr, als es so richtig kalt ist. „Ich mache das jetzt!“, habe ich laut zu mir gesagt und dann gelacht. Absurd. Warum sollte ich das tun?
Weil ich weiß, welche unglaubliche Kraft das Überwinden von Ängsten hat. Welchen unschätzbaren Wert Erfahrungen haben. Welche Freiheit ich gewinne, wenn ich die Grenzen verschiebe von „Das kann ich nicht“ zu „Das hab ich gemacht“. Hier kommt eine Geschichte von Naturverbindung, Mut, Learnings, Frost und einem Eichhörnchen.
Ja, einem Eichhörnchen.

Wenn du an einem Ort Mist erlebt hast, dann kehre zurück und ändere die Bedeutung. Einer meiner Lieblingssätze. Vor anderthalb Jahren hatte ich die Idee, hier in meinem kleinen Wald auf dem Land das erste Mal allein in einem Zelt zu übernachten. Gezeltet hatte ich schon öfter, in eigentlich viel wilderen Gegenden der Welt, wo es Bären und Wölfe gab, aber eben nie allein. Die Nacht wurde der Horror. Die ganze Zeit hörte ich Schritte um mein Zelt herum (es war eine Amsel, die im Laub gewühlt hat) oder machte mir Sorgen, dass zur Sommerzeit noch spätabends angeheiterte Menschen zu Fuß oder auf Mopeds in mein Lager brettern würden. Vielleicht auch ein Axtmörder. Ich habe damals nur zwei Stunden geschlafen und war am nächsten Tag total fertig.
Jetzt bin ich wieder hier. Dieses Mal im Winter. Ohne Zelt. Ohne Schlafsack und Isomatte. Das sind die Parameter aus der Wildnisschule. Ein Notfall-Shelter muss im Zweifel allein in der Kleidung, die man gerade trägt, funktionieren und einen warm genug halten, dass man überlebt. Über zehn Stunden habe ich in den vergangenen Wochen daran gebaut. Und als es gerade fertig gewesen war, war der Schnee gekommen und hatte die dicke, isolierende Laubschicht auf dem Ast-Gerüst komplett abrutschen lassen. Schöne Scheiße. Nochmal will ich die ganze Arbeit nicht umsonst machen. „Jetzt wird da drin geschlafen. Januar, Frost, scheißegal“, sage ich, als ich mich an einen Baum in der Nähe lehne und in den Sonnenuntergang schaue. Es ist 17:30 Uhr und noch sieben Grad. In der Nacht soll es auf null runtergehen. Weil das mein erstes Shelter überhaupt ist und ich nicht weiß, wie gut meine Bau- und Isolierkünste sind, habe ich in der Nähe als Backup meinen Rucksack mit Hängematte und Schlafsack stehen, denn Unterkühlung als Gefahr sollte man immer ernst nehmen. Ich möchte eine Erfahrung machen, aber nicht dumm sein oder den Helden spielen und dann Rettung benötigen.

Meine größte Frage ist: Werde ich wieder Angst haben? Ich sitze im völlig dunklen Wald unter einem blauen Sternenhimmel mit einer Tasse Tee aus der Thermoskanne in der Hand vor meinem Shelter und bin ganz ruhig. Im Sommer damals hatte mich vor allem die Anwesenheit anderer Menschen verrückt gemacht. Jetzt war es arschkalt und stockfinster. Wirklich niemand war hier draußen, den letzten Spaziergänger hatte ich vor über einer Stunde gesehen – und er mich nicht. Auf eine fröhliche Art fühle ich mich versteckt und behütet vom dunklen Winterwald. Meine Angst vor wilden Tieren habe ich in Kanada und den USA schon an Grizzlybären, Bisons und Wölfen abgearbeitet. Die meisten Wildtiere haben überhaupt kein Interesse an einer Konfrontation mit Menschen – es sei denn, man lässt sein Essen achtlos herumliegen. Ich bemerke, wie sich mein Verhältnis zur Natur in den letzten Jahren radikal geändert hat. Weshalb? Weil ich so viel Zeit in ihr verbringen darf. Wenn man etwas kennt, wirklich kennt und versteht, dann wächst die Rationalität und schrumpft die Angst.
Gegen 18 Uhr krieche ich in mein Shelter. Die Laubschicht auf dem Boden ist perfekt – dicht, weich und wärmend. Sind da nicht auch Insekten und Spinnen drin? Vermutlich ja. Würde ich das ganze Thema in Ländern mit lebensbedrohlichen Giftspinnen, Skorpionen und Schlangen anders sehen? Eindeutig ja. Aber ich bin hier, in meinem kleinen German Wald. Die Suche nach Zecken wird nach dem Abenteuer auf jeden Fall stattfinden. Routine. Ansonsten kann dort leben, was will. Vor einiger Zeit habe ich mich mit der Gleichwertigkeit von Menschen und all den anderen Lebewesen auf der Welt befasst. Der Mensch als Krone der Schöpfung? Ich lache – dafür machen wir viel zu viel Scheiße auf diesem Planeten. Wir sind nichts Besseres, wir sind das Schlimmste. Anderes Thema. Für mich sind alle Wesen gleich. Ich und die Ameise – kein Unterschied. Ein Gedanke, der mir viel Ekel und Angst genommen sowie Demut und Bewusstsein gegeben hat. Ich schaue in die Dunkelheit. „Mist, die Decke der Hütte ich ganz schön hoch geworden…“, denke ich. Dann schlafe und döse ich bis etwa 23 Uhr.

Die Sache mit der hohen Decke ist, dass so eine Hütte möglichst klein und dicht am Körper sein sollte, denn die einzige Wärmequelle ist man selbst – und wenn das Shelter diese Wärme nicht halten kann, dann ist man gelinde gesagt am Arsch und würde im Zweifel erfrieren. Von 23 Uhr bis halb 1 nachts bekomme ich das in-your-face zu spüren. Es ist affenarschkalt. Ich wälze mich herum, rolle mich zu einer Kugel, fange an zu zittern und spüre, wie meine Finger und Zehen taub werden. Bis zum Sonnenaufgang wollte ich durchhalten. Haha. Als mir klar wird, dass ich so nicht nur keinen Schlaf bekomme, sondern die Situation auch echt gefährlich werden könnte, vor allem für mich als unwissendem Beginner, stehe ich auf und hole meinen Schlafsack aus dem Rucksack. Dann krieche ich damit zurück ins Shelter. Nach wenigen Minuten spüre ich die Wärme. Mein Learning: das Shelter, insbesondere den geräumigen Eingang, nächstes Mal deutlich verkleinern. Moment mal, habe ich gerade „nächstes Mal“ gesagt?
Als ich gerade meine Augen schließe, höre ich ein tiefes „Whoo! Whohohohoooo!“ Ich halte den Atem an. Eine Eule! Ganz sicher. In kindlicher Aufregung fasse ich nach meinem Handy mit der Vogelstimmen-App. Eine Eule – in meinem Wald! Das gibt’s doch nicht! Seit meiner Kindheit kenne ich diesen Wald und hatte keine Ahnung, dass hier Eulen leben. Waldkauz sagt die App. „Waldkauz“, flüstere ich andächtig. Am liebsten würde ich vor Freude mit einem Fernglas in den finsteren Tannenwald links von mir stürzen. Doch dann lausche ich nur, als würde mir jemand die Offenbarung vorlesen. Mal kommt das Geräusch von weiter weg, dann ist es wieder näher. Mit diesem wunderbaren Sound schlafe ich schließlich ein.

Als ich wieder aufwache, ist es immer noch dunkel. Toll, wahrscheinlich ist es erst halb 3 oder so. Ich seufze und schaue auf meine Uhr. Holy sieben Uhr shit! Boah waaaas? Ich habe wie ein Igel geschlafen, als wäre ich in meinem Bett gewesen. Zuerst will ich aufstehen, doch dann hält mich irgendwas zurück. Ich drehe mich auf den Bauch und schaue hinaus in den langsam heller werdenden Morgenhimmel. Es sind die versprochenen null Grad. Die Kälte im Gesicht fühlt sich erfrischend an, ich fühle mich ausgeruht und wach. So wach, wie ich sonst zu Hause nie bin. Innerlich wach, als wären meine Sinne aus geschliffenem Diamant. Dann ein Wintergoldhähnchen. Ganz leiste fiept es im Tannenwald neben mir. Als Nächstes eine Amsel. Langsam wacht die Vogelwelt auf und ich liege gut versteckt in meinem Laub-Shelter. Wie nah alles ist. Ich habe es getan. Eine Nacht allein in einer selbstgebauten Laubhütte im Wald. Ich habe Bau-Fehler gefunden und weiß, was ich verbessern kann. Aber vor allem bin ich an einen Ort der Angst zurückgekehrt und habe ihn in etwas Magisches verwandelt. Einen Ort des Staunens und des Friedens. Einen Ort, der mir gezeigt hat, dass ich nicht mehr dieselbe Person von vor anderthalb Jahren bin. Auf einmal denke ich, wie schade es ist, dass ich in diesem Wald noch nie ein Eichhörnchen gesehen habe. In all den Jahren. Ich liebe Eichhörnchen.
Während sich ein Rotkehlchen zum Vogelorchester gesellt, raschelt es auf einmal unglaublich nah, als würden Menschenschritte näherkommen. Ich starre auf den Boden und sehe im Halbdunkel etwas springen. Etwas, das in etwa so groß ist wie meine Wasserflasche und einen langen, buschigen Schweif hat. Eine Sekunde später springt es an einen Baumstamm nur wenige Meter von mir entfernt und rast ihn hinauf. „Ein Eich…“, flüstere ich. Dann steigen mir ein paar Tränen in die Augen. Das Eichhörnchen – mein Spirit Animal, mein kleiner Schutzengel und mein Zeichen in bedeutsamen Situationen. Es ist hier. In dem Wald, in dem ich noch nie eines gesehen habe. Jetzt, in diesem Moment. Nach dieser Nacht im Shelter. Du hast es gemacht, yay!, sagt das Eichhörnchen.
Kein Zufall.
Ganz bestimmt.
Hab Mut. Da draußen liegt so viel und die Tür ist immer halboffen. Drück die Klinke.
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SquirrelSarah (Sonntag, 08 März 2026 21:32)
Hi Karen!
Vielen lieben Dank. Die Nylonvilla! :D Den Ausdruck merke ich mir! Die Geräuschkulisse ist manchmal echt der Wahnsinn. Von beruhigendem Bachgeplätscher und Vögelchen bis hin zu unheimlichem Geraschel oder Gewitter... puh. Die Nacht im Shelter war auf jeden Fall ein Erlebnis und hat auch im Nachgang noch einiges (Positives!) mit mir gemacht. Ich würde jetzt im Sommer auch gern mal einfach nur unter den Sternen liegen... mal schauen, ob ich es mache.
Ganz liebe Grüße und viele Abenteuer!
Sarah
Karen (Sonntag, 08 März 2026 08:55)
Was für eine wundervolle Story wieder, liebe Sarah. Ohne Zelt im Wald hatte ich noch nicht drauf, aber viele Wald-Nächte in meiner kleinen Nylonvilla gehen auf mein Konto. Die Geräusche sorgen immer noch für Nervenkitzel. Ich freue mich auf deine nächste Geschichte.
Viele Grüße von Karen