Japan · Nepal · Thailand
27. Juni 2026
Verschwitzt und mit Schnee an den Knöcheln setze ich meinen Fuß auf den Kraterrand und werde beinahe umgerissen. Sturmböen pfeifen seitwärts, vor mir eine schwarz-bunte Wüste aus Lava, und nur ein paar Meter entfernt steigt Dampf aus einer Spalte. „Wooaaaas!“, schreie ich in den tosenden Wind, lachend, mit den Armen rudernd, maximal begeistert und minimal beunruhigt. Ich bin wandern in Japan – auf dem Mount Tarumae auf Hokkaido. Auf einem aktiven Vulkan. Da hab ich mir jetzt nicht so viel bei gedacht. Klar, könnte halt irgendwann mal ausbrechen, doch wahrscheinlich würde ich nur ein paar alte, herumliegende Gesteinsbrocken zu sehen bekommen. Aber das Teil hier dampft – und zwar nicht zu knapp!
Einen Monat lang sind wir in Japan – Tokio und Kyoto liegen bereits hinter uns, und nun kommt der wilde Norden. Hokkaido. Wo sich Schneewände türmen, der Boden brodelt und Polster-Phlox die Hänge mit pinkem Flausch überzieht. Ein Ort der Extreme, zerworfen zwischen Feuer und Frost. Lass mal hinwandern!
13. Juni 2026
Warm ist es, als ich auf eine kleine Seitenstraße an den bewaldeten Berghängen Kyotos abbiege. Augenblicklich wird es ruhiger. Kein Schild weist auf das hin, was ich suche, aber ich weiß, dass es da ist, weil ich vor neun Jahren schon einmal hier war: ein Moos-Tempel. Und wenn ich „Moos-Tempel“ sage, dann meine ich nicht nur so ein kleines Büschel auf dem Boden oder ein bisschen Dachbegrünung. Dann meine ich MOOS. Überall.
Einen Monat lang bin ich in Japan. Zuerst anderthalb Wochen allein, dann kommt mein Mann aus den USA dazu. Von immersiven Museen und Blumenfestivals in Tokio hat es mich mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen nach Kyoto getrieben. Hier ticken die Uhren langsamer, hier weht der Geist des alten Japans durch Windspiele, verwinkelte Tempelanlagen und die Kronen subtropischer Laubbäume. Nicht im modernen Stadtzentrum, das so grau und austauschbar ist wie jede Großstadt, sondern in den Außenbezirken an der Grenze zur üppigen Natur, die die Metropole im Tal wie ein Wall umgibt. Ich gehe auf die Suche nach Moosgärten und einem Meer aus Steinen, nach Spirit Animals und zehntausend roten Toren. Zeit, die Zeit mal Zeit sein zu lassen und einen Moment der Stille zu finden in einer Stadt, in der Zen keine Mode, sondern ein Lebensweg ist.
30. Mai 2026
Tokio – ich raste aus. Da sind bestimmt riesige Menschenmassen, alles blinkt und Animes und Cosplay-Gedöns schreien mich an.Moment mal. Stimmt gar nicht. Als ich nach 14 Stunden Flug und einer Nordpolüberquerung in Japan ankomme, bin ich fertig wie ein Brötchen, denn die gesamte Nacht hat ein Kleinkind in der Reihe hinter mir gebrüllt. Alle 15 Minuten. Der gesamte Flieger war total amused. Nicht. So viel zum Thema „anschreien“. Dagegen ist die Hauptstraße neben der U-Bahn in Downtown Tokio nichts, denn hier fahren richtig viele, leise Elektroautos, verschiedene Fassaden sind vertikal begrünt, und niemand pöbelt, hupt oder spuckt. Es ist Mitte April, die Kirschblüte ist vorbei und ich bin anderthalb Wochen allein in Japan, bevor mein Mann aus den USA zu mir stößt. In diesen anderthalb Wochen finde ich tatsächlich die kreischbunte Plastikwelt, vor der ich Angst hatte – allerdings morgens früh, als die Party vorbei ist. Ich laufe durch einen Raum voller Wasser und eine Halle voller schwebender Orchideen, finde einen Waldtempel im Herzen der Stadt, aus Versehen Azaleen, und schottere mit einem Mietfahrrad am Fuße des Fujis ab. Kommt mit zu einem Tokio das überraschend anders ist als das, was man sich vorstellt.
26. April 2025
33 Grad im Winter, türkises Meer, Sandküsten – was kann man da machen? Genau: wandern. Dort, wo Berge, brütende Luftfeuchtigkeit, Dschungel, monströse Zikaden und gigantische Ausblicke lauern. Hä? Wandern im tropisch-heißen Thailand?
Jedes Mal, wenn wir einem Thai erzählen, dass wir auf der Suche nach einem Wanderweg sind, werden wir verwundert angeschaut. Warum rennen die beiden Bekloppten bei sengender Sonne in Klumpschuhen, mit Rucksäcken und knallroten Gesichtern auf diesen Berg?
Vielleicht, weil dort oben der Blick über eine endlose Reihe an runden, grünen Felsnoppen schweift, die einem das Gefühl geben, „in einem Land vor unserer Zeit“ zu stehen. Vielleicht, weil nach über eintausend Steinstufen ein Tempel auf einem prekären Steinbalkon Aussicht auf einen goldenen Buddha hoch über dem Ozean gibt. Vielleicht auch, weil auf einem Bergplateau eine so unglaubliche Menge an goldenen Gebäuden, Schirmchen und Statuen angehäuft ist, dass Tutenchamun in seinem Grab vor Neid gleich nochmal sterben würde. Kommt mit uns und entspannt euch mit ’nem Soda, während wir losstiefeln…
13. April 2025
Was willste denn in Thailand? Ist das nicht nur Strand, Alkohol und One Night Stands? Klar, kann man so machen. Muss man aber nicht. Abseits der Ballermann-Orte gibt es nämlich verdammt coole Tempel, die alle den Anschein erwecken, als wäre man gerade durch ein Portal in eine andere Welt und Zeit gebeamt. Eine Welt aus überbordendem Gold, feinem Silber-Handwerk, bunten Gebetsflaggen, klingenden Glöckchen, rezitierenden Mönchen, Wald-Tempel, Stein-Tempel, Kriegsruinen und Königspaläste.
Wie kann sich ein Platz voller Menschen total ruhig anfühlen? Wie können all diese Farben, dieser Glanz, die Räucherstäbchen und die hohen Flammen aus den tropfenden Kerzen so viel Stille und Gelassenheit ausstrahlen? Die Abendsonne steht tief über den tropischen Bäumen mit den riesigen Blättern, die Konturen einer überdimensionalen Buddha-Statue zeichnen sich dunkel, aber weich, gegen den Himmel ab.
Thailands Tempel sind eine Welt für sich. Jeder ganz anders, jeder mit seiner eigenen Farbe und Atmosphäre. Komm, wir beamen durchs Portal und gehen hin!
23. März 2024
Wie jeder weiß, ist der Himalaya ist kälter als Frozen Yogurt und achttausend Meter hoch. Da tritt man quasi schon versehentlich beim Aufstehen in die Fußstapfen von Edmund Hillary und Tenzing Norgay – ha!
Weil wir nicht genug Zeit für einen zwei- oder dreiwöchigen Trek zu Everest Basecamps und Annapurna Circuits haben, entscheiden wir uns, eine Light-Variante zu machen. Vier Tage Poon Hill. Ein Trek zu einem der sehenswertesten Aussichtspunkte in Nepal.
Ganz ehrlich: So unfassbar falsch habe ich selten gelegen. Vielleicht hätte ich mich vorher lieber mit den harten Fakten statt mit Pulverschnee-Illusionen beschäftigen sollen: Der Poon Hill Trek sind 4000 Höhenmeter, 6000 Steinstufen, 40 Kilometer und heißer Dschungel mit Luftfeuchtigkeit to die for. Und dann kam noch Magen-Darm.
Dies ist eine Geschichte darüber, was es bedeutet, unter einem Himmel voller Sterne um 4 Uhr nachts schreien zu wollen. Vor Erschöpfung und vor Glück – im Angesicht der höchsten Berge der Welt.
27. Januar 2024
„Und dann können wir in Nepal ja noch ein paar Tage in den Dschungel“, sagt mein Freund.
Hä, Dschungel im Himalaya? Vor meinem geistigen Auge tanzt eine Giraffe in Schneeschuhen auf dem Everest.
Doch Nepal hat tatsächlich nicht nur Achttausender und Himalaya-Trekking, sondern auch eine Klimazone, in der subtropischer Monsun herrscht – mit Temperaturen von bis zu 43 Grad im Sommer. Da würde Reinhold Messner die Eis-Axt aus der Hand glitschen. Genau in dieser Zone liegt der Chitwan Nationalpark. Und was wohnt da? Nashörner, Affen, Krokodile und Tiger. Nix wie hin!
Als mein Freund dann noch eine Übernachtung in einem Holzturm mitten im Dschungel auftut, bin ich endgültig aufgeregt.
Auf geht's zu hungrig-grinsenden Krokodilen, nächtlichen Nashörnern und dem überraschend großen und positiven Einfluss, den wir als Touristen mit kleinsten Entscheidungen haben können.
18. November 2023
„Liegt der Tempel auf der anderen Straßenseite?“, brüllt mein Freund. Dreitausend Mofas und Motorräder donnern an der abgebrochenen Bordsteinkante in beiden Richtungen in wüster, anarchischer Eskalation vorbei. Da es in Kathmandu keine Ampeln oder Verkehrsschilder gibt, hört das auch einfach nicht auf. Also nie. Eine Szene, die das Verkehrschaos im italienischen Neapel aussehen lässt wie ein englischer Landschaftsgarten.
„Ja!“, brülle ich durch den Smog zurück.
„Gut. Dann kommen wir da wohl nicht hin!“
Kathmandu, die Hauptstadt Nepals, ist für Menschen aus westlichen Kulturen wie eine Center-Shock-Kaugummiblase, die alle zwei Sekunden neu platzt und dabei Gold, Konfetti, Einhörner, Staub, Lärm, Götter der Zerstörung und undefinierbare Dämpfe ausspuckt.
Eine Woche lang laufen wir 30 Kilometer durch Kathmandu, querbeet und in jede Gasse, die sich vor unserer Nase auftut. Ist es gefährlich? Haben wir es geschafft, uns die Stadt anzusehen, ohne jemals eine Straße überqueren zu müssen? Und falls nicht: Was passiert mit dem Leben nach dem Tod?
10. Oktober 2017
Während ich mit dem Rücken in den Sitz gedrückt werde, ziehen draußen endlose, hellgrüne Felder und kleine Häuser mit geschwungenen Dächern vorbei. Der
Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen donnert mit Lichtgeschwindigkeit quer durch Japan von Tokio nach Kyoto. Wälder ziehen sich die sanften Hügel hinauf und wir lassen das flirrend bunte und laute
Tokio hinter uns. Die kommende Woche verbringen wir im alten Japan - in Kyoto. Zwischen Moostempeln, Magie und Bandscheibenvorfall oberdeluxe auf einer traditionellen
Schlafgelegenheit.
Als wir in Kyoto ankommen, ist es, als würde sich knarrend eine große Holztür zu einem Paradies aus goldenen Tempeln, Bambus-Alleen und hell klingenden Windspielen öffnen.
Ein kleiner Bericht über eine Stadt, die es auf Anhieb in meine persönliche Liste der schönsten Orte der Welt geschafft hat.
21. Oktober 2017
Ich bin kopfüber in tiefes Rot gefallen. Meine Hände gleiten an den lackierten Holzpfählen entlang. Schwarze Schriftzeichen sind hineingekerbt – jeder Buchstabe ein
geheimnisvolles Kunstwerk für sich. Vor mir liegen mehr als eintausend rote, orangefarbene und rosa Torii, die sich durch den dichten Wald den Berg hinaufwinden. Ein Ausflug zum Tempel Fushimi
Inarii in Kyoto. Ein Ort wie kein anderer. Etwas, das man unbedingt einmal in seinem Leben gesehen haben muss.
5. Oktober 2017
Das Licht von einhundert Werbeschildern flackert über die Netzhaut, während der Duft von Räucherstäbchen, Curry und Holzkohle die volle Aufmerksamkeit der Nase
fordert. Irgendwo durch plärrende Plastikmelodien klingt ein Windspiel, während am Tempel über dem roten Altar mehrere Glocken scheppern. Tokio ist bunt, irre und voll. Kann aber auch still,
klein und gemütlich. Hier sind die besten fünf Dinge, die du in Tokio machen und sehen kannst. Ausgiebig erprobt und für affengeil befunden.
30. September 2017
Seit 31 Stunden wach. 14 davon im Flugzeug. Mit Flugangst. In Schweiß gebadet, während eine Armee kleiner Bergarbeiter in meinem Kopf vor sich hinmeißelt. Auch der
20 Euro teure Kaffee in Moskau am Flughafen reißt es nicht raus. Als wir endlich in Tokio an unserem kleinen Hotel ankommen, möchte ich am liebsten meinen Koffer aus dem vierten Stock werfen und
sterben. Mein bester Freund und ich sind in Japan! Von einer bekloppten Anreise zum großen Railtrip.
