Europa


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7. Februar 2026

Wanderung zu Worm’s Head in Wales: Wettlauf gegen die Gezeiten.

Ich stehe wackelig auf unebenem, scharfkantigen Gestein von Meeresboden, vor mir glitschige Algen, neben mir ein Pfuhl aus Wasser und Muscheln, im Hintergrund donnert und brandet grau das Meer mit weißen Schaumkronen. Das Meer, das gleich zurückkommen wird, während wir hier wie Ernst und Erna zu Fuß auf dem Weg zum Worm’s Head in Wales sind – einer Insel, die nur kurzzeitig während der Ebbe mit dem Land verbunden und danach wieder davon abgeschnitten ist. 

„Lass mal dahinlaufen“, hab ich gesagt. Der Weg ist nur etwa drei Kilometer lang, das Zeitfenster zum Wandern fünf Stunden weit – zweieinhalb Stunden vor dem Tiefstand der Ebbe plus zweieinhalb Stunden danach. Klingt nach viel Zeit – aber dann fällt uns auf: Nur weil’s Wanderung heißt, gibt es noch lange keinen Wanderweg. Nachdem wir erst oben über die Klippen gelaufen und der Beschilderung zum Ufer gefolgt sind, stehen wir etwas ratlos vor einer Steinwüste mit Krustentierchen, die genauso gut der Mond sein könnte – okay, mit Wasser und Atmosphäre – und Krustentierchen.

Gehen wir da jetzt einfach rüber? Irgendwo?“, frage ich meinen Mann ernamäßig. 

Drei Leute mit Eimern stapfen an uns vorbei in die Mondwüste. 

„Ich glaube schon“, sagt er.

Ich schaue auf die Uhr. Von den fünf Stunden bleiben uns etwas weniger als drei. Aber wer weiß, wann wir hier nochmal hinkommen. Vielleicht gar nicht. Also ganz oder gar nicht. Dann gehen wir. Ganz.

16. Januar 2026

Unterkühlung in Wales: Das unterschätzte Wetter.

Auf dem Weg zum Startpunkt unserer Wanderung im Brecon Beacons National Park habe ich unseren Mietwagen sieben Kilometer lang über teils absurd steile, mit nassem Laubmatsch verklebte, einspurige Winz-Straßen gelenkt. Ob man jetzt hier rechts oder links fährt, ist auch egal, denn erstens gibt es sowieso nur eine Spur und zweitens ist es das Hauptziel, dass man nicht mit der Karre in irgendeinen Busch semmelt oder beim Ausweichen seitlich einen Berg runterkugelt. Es ist November und wir wollen wandern in Wales. Weil es an der Küste heute den ganzen Tag regnet, sind wir in die Berge gefahren, um zu zwei Seen zu wandern, die in Mulden liegen, die während der letzten Eiszeit entstanden sind. Der Llyn y Fan Fawr und der Llyn y Fan Fach. Auch hier soll es einmal kurz gegen zwölf Uhr mittags leicht regnen, aber das kriegen wir wohl hin. Denke ich. 

So harmlos die Tour auch zwischen grünen Hügeln neben einem Flüsschen anfängt, so sehr läuft sie kurz darauf aus dem Ruder. Und das alles nur, weil ich für einen kurzen Moment zu faul bin. Weil ich die Situation unterschätze, trotz allem, was wir schon erlebt haben. Eine Geschichte über Naturgewalten, Überheblichkeit, Eiswinde, Kontrollverlust, Panik und wie ich ganz allein am Arsch gewesen wäre. 

20. Dezember 2025

Schiefer und schöner - Wandern auf dem Lee Trail in Luxemburg:

Kopenhagen, Meerjungfrau, Reiseblogger, lonelyroadlover

Kann man so eine Fernwanderung eigentlich auch erstmal antesten so wie man den Teig von Schokokeksen testet, um sicherzugehen, dass er nicht spontan schlecht geworden ist? Kein großes Risiko, kein langer Urlaub, aber trotzdem mal von einem Schiefergrat in den Abgrund blicken und auf kleinen Waldpfaden durchatmen, während einen eine Kuh am Weidezaun scheel anguckt? 

Das geht auf dem Lee Trail in Luxemburg. 52 Kilometer, drei Tage und kein Zelt nötig (aber möglich). Also fix drei Gästehäuser gebucht, Rucksäcke ins Auto geprömmelt und losgefahren. Ach ja, irgendwo zwischen all dem habe ich ganz nonchalant den Schwierigkeitsgrad des Wanderwegs in die Felsspalten der Unaufmerksamkeit fallen lassen: difficult. Hust. 

Kurz darauf sind wir unterwegs auf Schieferkämmen, über Flussschleifen, vorbei an Morgentau, Feldern und riesigen Pilzen, über Brücken und durch fast geisterhafte Dörfer. „Geht es eigentlich auch irgendwann mal nicht bergauf oder bergab?“, fragt mein Mann belustigt, während er mal wieder wie Daniel Düsentrieb die Hügel hochstapft. Nee, ich glaube nicht. Nichts hier ist eben oder gerade. Dafür ist es Schiefer und schöner: kommt mit auf unsere kleine Fernwanderung über den Lee Trail in Luxemburg!


28. Juni 2025

Der Zauber von Meer und Mehr - John Muir Way, Schottland.

Und dann ist der Weg sechs Stunden lang weg.  

Wie, weg?  

Ja, weg, einfach so. Vom Meer verschluckt. Aber später ist er wieder da. Hm! 

Einhundert Kilometer zu Fuß auf dem John Muir Way in Schottland liegen hinter uns, als wir das Meer erreichen. Als wir das Örtchen Prestonpans entern, deuten die offiziellen Wegweiser alle Richtung Innenstadt. Doch durch eine Stadt zu laufen, ist meistens laut, grau und boring as fuck. „Schau mal, da ist ein parallel verlaufender Steinweg unterhalb der Stadtmauer, gleich am Meer“, schlage ich vor. Als wir den Weg betreten, ist er merkwürdig nass, glitschig und voller Algen. Dabei hat es seit zwei Wochen nicht mehr geregnet. Kurz darauf wird uns klar, dass der Pfad nur bei Ebbe existiert und bei Flut komplett überspült wird. Es ist Ebbe! Ich bin begeistert und tanze über eine Pfütze hinweg. Mein Mann schaut erstmal auf die Uhr. Ob wir es vor der Flut geschafft haben, wie ein Zauberwald unsere Moral gerettet hat, wie ich in Wellen der Angst gerannt bin und was die Erfüllung auf dem Hügel macht, erfahrt ihr hier im zweiten Teil unseres Fernwanderberichts.

30. Mai 2025

Ein Loch, ein Moor und ein Kanal: John Muir Way, Schottland.

Einmal quer durch Schottland. Ja, jetzt hier nicht mit dem Mietwagen, sondern mit Füßen. 215 Kilometer und 15 Tage lang sind wir auf dem John Muir Way von Küste zu Küste unterwegs; jeden Tag bei… eh, „Wind und Wetter“…? Surprise – nein! 15 Tage lang bei Sonnenschein und beißendem Wind.

Wir stehen am Startpunkt in Helensburgh. Ein kleines Dorf an der Westküste des Landes. Da der John Muir Way wesentlich unbekannter ist als der große West Highland Way, ist auch das Startschild relativ mickrig: eine Plakette an der Wand eines Häuschens, das den Charme einer öffentlichen Toilette hat. Egal, wir machen trotzdem ein Foto.

Dann laufen wir aus der Stadt hinaus wie ein schottischer Botschafter im 16. Jahrhundert. Dick bepackt, mit einer Mission, nicht wissend, ob wir je am anderen Ende ankommen werden. Na gut, vielleicht ein bisschen übertrieben. Trotzdem wohnt jeder Fernwanderung ein Zauber inne. Der Moment, in dem man sich entschließt, in einer hoch technologisierten Zeit eine absurde Strecke einfach zu Fuß zu gehen. Der Moment, in dem man alles, was man braucht, auf seinem Rücken trägt. Der Moment, in dem man etwas loslässt, um herauszufinden, was man schaffen kann und in dem man weiß, man wird am Ziel nie dieselbe Person sein, die losgegangen ist.


21. September 2024

Durch Flüsse, zum Mars, zum Ziel: auf dem Laugavegur Trail in Island II.

Morgen: Ab 12 Uhr Starkregen mit Sturm, steht auf einem handgeschriebenen Schild im Fenster der Wanderhütte.

Fernwandern im Starkregen stinkt und kann nur übertroffen werden durch Zeltaufbau im Starkregen. Wir sind unterwegs auf Islands Laugavegur, 55 Kilometer und vier Tage lang durch unbeschreiblich schöne Highland-Landschaften mit grünen Vulkanen, Schneefeldern und reißenden Flüssen. Mit Rucksack und Zelt, mit Selbstverpflegung und allen Wettern.

Starkregen und Sturm. Ausgerechnet auf der Etappe, auf dem wir zu Fuß einen großen Fluss durchqueren müssen, vor dem uns eh schon die Muffen sausen.

„Dann sind wir nass von allen Seiten“, frotzel ich, während mir die Warnung vor schwellenden Flüssen bei Regen einfällt.

Zum Glück fällt uns dann auch noch ein, dass es in Island im Juli ja nachts kaum dunkel wird.

„Warum stehen wir nicht früh auf und versuchen, die Etappe noch vor dem Regen um zwölf abzureißen und das Zelt im Trockenen aufzubauen?“, schlage ich vor.

Um 4:30 Uhr geht der Wecker.

Ein Fluss, eine Mondlandschaft – und das Ziel vor Augen.

15. September 2024

Regenbogenberge und Eisschluchten: auf dem Laugavegur Trail in Island I.

Die Zeltplane flattert leise hinter dem Steinkreis. Vor uns ein weites, schroffes Tal aus braunem Vulkanstein mit weißen Schneefeldern. Die Luft ist glasklar, der Himmel wie ein seidig blaues Tischtuch, auf dem ein Glas Aprikosensaft umgekippt ist. Es ist nach 22 Uhr und die Dämmerung schleicht unsicher um die Bergspitzen, obwohl sie weiß, es ist Island im Juli und die Nacht hat keine echte Chance.

Wir sind unterwegs auf dem Laugavegur – einem der schönsten, kurzen Fernwanderwege der Welt. Vier Tage und 55 Kilometer durch Islands Highlands. Vorbei an Regenbogenbergen und dampfenden Quellen, hoch hinaus auf Berggrate, durch hüfthohe, eiskalte Flüsse und zu grünen Vulkanen, die so surreal aussehen, als hätte sie ein verwitterter Landschaftsmaler aus den 17. Jahrhundert erfunden.

Vier Tage durch harsches Land, das zu schön, zu wild und zu unglaublich ist, um es in Bilder oder Worte zu sperren. Ich versuche es trotzdem. Ein Zauber auf jedem Meter – dies ist kein Trail-Guide, dies ist ein Gedicht. Teil eins.


1. Oktober 2023

Sümpfe, Regen, lila Heide & Meer – Coast to Coast Trail, England.

Mein Gesicht fühlt sich an wie ein Aal, der über Nacht im Gefrierschrank war, meine Füße sind Schwämme und eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, in welche Richtung wir überhaupt laufen. Nebel, überall ist Nebel. Und Moor. Wir sind unterwegs auf Englands Coast to Coast Trail – drei Wochen Fernwanderung, 330 Kilometer zu Fuß von der Irischen See zur Nordsee. Jedenfalls hoffe ich das, denn der Regen fegt uns horizontal in die Augen, der Boden ist voller knie- und hüfthoher Sümpfe und die Sicht ist Null. Gehen wir vielleicht schon im Kreis?

Wie wir da wieder rausgekommen sind, fünf Tage Kornfelder und Dauerregen überwunden haben und am Ende mit lila Heideteppichen und Glamping am Meer überrascht wurden – jetzt hier.

15. September 3023

Streiks, Platzwunden & Gebirge – Coast to Coast Trail, England.

„Haha, Tag eins und es regnet mega – how very british!“, rufe ich fröhlich, während ich mir in der Pension in St. Bees direkt an der Küste der Irischen See meine Regenhose anziehe. Wir wollen in drei Wochen über 300 Kilometer auf dem Coast to Coast Trail quer durch England wandern. War die Idee von meinem Freund. Wollte er immer schon mal machen – ʽne Fernwanderung. Find ich an sich ja auch cool, aber nach meinem Dünken hätten wir das auch wo machen können, wo es nicht arschkalt ist und dauernd pisst. Naja.

Wenigstens wird das chillig. Soʽn paar englische Wiesen und Hügel, das schaffen wir mit links. Das wird sicher wie ein Spaziergang, vor allem, nachdem wir neulich noch in den Bergen Norwegens waren.

Als wir nach den ersten fünf Kilometern mit einer blutenden Kopfwunde am Strand sitzen und ich mich vor Panik am liebsten ins Meer stürzen würde, bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Und da haben wir noch nichts von dem Gebirge und den Bakterien geahnt.


19. August 2023

Lofoten II: Auf der Suche nach Papageitauchern.

„PUFFINS!“, rufe ich aufgekratzt und schüttel meinen Freund mit beiden Händen, als hätte ich gerade einen Award gewonnen. Wahrscheinlich den Award für die Passagierin mit dem größten Vogel. Aber genau darum geht’s heute. Um den Vogel. Den Vogel, den ich schon so lange in freier Wildbahn sehen will: einen Puffin, einen Papageitaucher. Diese puffeligen schwarz-weißen Vögel mit dem großen, orangenen Schnabel, die aussehen, wie flauschige, fliegende Pinguine! Wir sind auf der Fähre nach Røst, rund drei Stunden Seeweg von den Hauptinseln der norwegischen Lofoten entfernt.

Nervös schaue ich zum dreihundertsten Mal, ob ich auch alle Ersatzakkus für die Kamera dabeihabe. Was, wenn Möwen kommen und sie mir klauen?

Gegen 13 Uhr sind wir schließlich da. Røst. Ein paar rote, norwegische Holzhäuser, ein kleiner Hafen. Dort erwarten uns ein kleines Nussschalenboot und ein Guide. Jetzt geht es vier Stunden lang zu winzigen Felsen, Klippen und Buchten. Ausschau halten. Warten. Hoffen.

5. August 2023

Lofoten I: Auf der Suche nach der Mitternachtssonne.

„Na toll“, rufe ich Richtung Meer. Es ist 0:30 Uhr und wir stehen auf dem Gipfel des Ryten Mountain auf den Lofoten in Norwegen, etwa hundert Kilometer nördlich vom Polarkreis. Der perfekte Campspot, um von dort aus nachts die Mitternachtssonne zu sehen.

Oben Bergketten mit scharfen Spitzen und schroffen Steilwänden, unten eine Bucht mit weißem Sand und türkisem Wasser, gegenüber der weite Horizont. Was wir davon sehen: nichts. Alles ist weiß. Der Wetterbericht hat gelogen. Statt „teils bewölkt“, ist der Nebel des Grauens am Start. Da latscht man mit seinem Backpack, Stativ, Kamera und Zelt auf diesen scheiß Berg, um diese bekackte Sonne zu sehen, steht mitten in der Nacht auf, und dann das!

Ich ziehe den Reißverschluss vom Zelt zu. Der Himmel kann mich mal. Klappe zu.

Wie karibisch-arktisch schön es auf dem Ryten Mountain am nächsten Morgen war, wo wir die olle Mitternachtssonne schließlich doch noch gesehen haben und was das für ein Gefühl war, erfahrt ihr hier.


22. Juli 2023

Süd-Norwegen: Fjorde, Gletscher und Trollzungen.

Kühle Bergluft strömt in meine Lungen. Ich atme tief ein und dann für eine lange Weile gar nicht. Gänsehaut stellt sich auf meinen Armen auf, während ich mich langsam mit dem Bauch flach auf den Stein lege und mein Gesicht über die Abbruchkante des Felsens hebe. Da ist nichts. 700 Meter lang in die Tiefe nichts. Ganz unten dann ein aquamarinblauer Fjord. 

Ich liege auf Norwegens Trolltunga – der Trollzunge. Zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück muss man wandern, um dort hinzukommen. Wir haben unsere Trekkingrucksäcke mitgenommen und übernachten hier in unserem Zelt. 

Wir sind auf einem Roadtrip durch den Süden Norwegens. Dem Land der Fjorde und Klippen, der surrealen Bergformationen und Trolle.

Wir stehen um 3:45 Uhr auf, um auf einen Predigtstuhl zu klettern, campen in der Wildnis und steigen mit Eis-Axt auf einen Gletscher. Kommt mit uns auf eine Reise, bei der man immer wieder vergisst, zu atmen.

31. August 2022

Gratwanderung am Nebelhorn: Mit einem Fuß im Abgrund.

Das Morgenlicht hängt wie ein halbtransparenter Vorhang vom Himmel, zwischen den Gipfeln der Alpen und der Ski-Sprungschanze in Oberstdorf. Wir wollen vom Tal aufs Nebelhorn wandern. Zehn Kilometer, 5 Stunden und 1.400 Höhenmeter sagt die Karten-App. Gut, das ist jetzt kein Abendspaziergang an der Strandpromenade von Sylt, aber auch kein Grund, in Panik zu verfallen.

Dachten wir.

Drei Stunden später sitzen wir in sengender Hitze auf einem Berggrat, der an manchen Stellen nur so breit ist wie ein Fuß. Genau ein Fuß. Ich frage mich, wie wir jemals auf diesen Pfad geraten sind, der auf der Karte so machbar ausgesehen hatte.

Und dann ist sie da: die Panik.


20. August 2022

Paragliding: In den Himmel und zurück – mit Flugangst.

Ich stehe an einem schroffen Berghang. „Und wenn ich gleich anzähle, rennst du los und hörst nicht auf zu rennen, bis wir in der Luft sind!“, beschwört mich mein Flugkapitän. Rennen? Auf dieser fast senkrechten Piste? Wenn ich nur einen Schritt mache, kippe ich vorne über und dann war’s das. Panne ey.

Was mache ich hier eigentlich schon wieder? Mit einem Fallschirm von einem Berg springen, obwohl ich nach fast hundert Flugzeugflügen immer noch mit fahlen Händen nach den Armlehnen neben meinem Sitz greife, wenn ein winziges Luftloch kommt.

Egal, wir springen da jetzt runter. Jetzt!

5. Juni 2022

Trollfelsen, Polar-Camper und Wale im Meer: Islands Norden.

Als wir den Wanderweg vom Parkplatz aus beginnen wollen, finden wir ihn erst einmal nicht. „Aber er sollte genau hier sein“, sage ich und deute hoheitsvoll auf die Offline-Karte. In der Reallife-Landschaft ist der Weg zum Dettifoss Wasserfall in Island jedoch unter einem riesigen Schnee- und Eispanzer begraben. Gemeinsam mit ein paar anderen Irren machen wir uns trotzdem auf den Weg. Nach einigen Metern merken wir, dass die anderen Irren immerhin Steigeisen unter den Schuhen haben. Wir nicht. Wenn ins Verderben, dann like a noob.

Der dritte und letzte Teil meines Reiseberichts über unseren Roadtrip durch Island nimmt euch mit über die Ring Road durch den Norden des Landes. Erfahrt, wie wir trotz Spazier-Latschen einen Eis-Hang hinuntergekommen sind, wo alte Männer mit Glatzen im Arktischen Meer schwimmen, wie wir in einem Polarcamper auf einer Schaf-Farm übernachtet haben und wo uns ein Buckelwal im Meer zugewunken hat.


1. Mai 2022

Gletscherhöhlen und Schleicher-Wellen: Islands Süden.

Wie nass wird man, wenn man etwa drei Meter entfernt vom unteren Ende des dröhnenden, 60 Meter hohen Skógafoss Wasserfalls steht? Meine Jacke, meine Hose, meine Schuhe, meine Hände, mein Lächeln – alles trieft. Doch es ist unwichtig, ob ich später meine Unterhose am Kamin zum Trocknen aufhängen muss.  Es ist das Tosen, die unbändige Kraft der Natur, die eisigen Tropfen, dieser monumentale Augenblick, der zählt. Nach den ersten Tagen in Reykjavik und am Golden Circle, reisen wir nun durch den Süden der Insel. „Süden der Insel“ klingt nach Party unter Kokosnuss-Palmen, doch bedeutet in Island kristallblaue Gletscherhöhlen, Eis-Diamant-Strände und die Konfrontation mit einem wiederkehrenden Albtraum von mir: plötzlich auftauchende, lebensbedrohliche Monsterwellen.

16. März 2022

Und alles war aus Gold: Reykjavik und der Golden Circle.

Ich halte die Kamera hoch. Seit drei Minuten in derselben Position. Mein Arm fällt gleich ab. Gleichzeitig starre ich in den blubbernden Tümpel vor uns, aus dem Bläschen aufsteigen und in dem Wellen auf- und abwogen. Um uns herum wabert Dampf und der Himmel ist mit kleinen, grauen Schäfchenwolken übersät. Warten auf den Strokkur Geysir.

Unser Island-Abenteuer beginnt auf dem Golden Circle, nahe der Hauptstadt Reykjavik. Ein Abenteuer, das eine zweijährige Vorlaufzeit mit Pandemie, Grenzschließungen und Drama hatte. Endlich Island, könnte man also sagen. Zumindest beinahe. Denn natürlich geht auch dieses Mal erstmal alles schief.


27. Februar 2022

Moderne Kunst und das Feuer am Guggenheim – Railtrip Spanien II.

„Wir rudern da jetzt“, sagt mein Freund. Ich glotze auf das türkisfarbene Wasserbecken vor dem futuristisch-weißen, scheinbar halb versunkenen Gebäude L’Hemisfèric in Valencia. Die Ciutat de les Arts i les Ciències, die Stadt der Künste und der Wissenschaften in Valencia, ist ein surreal anmutendes Areal.

Noch abgefahrener ist bloß das Guggenheim Museum in Bilbao, das wir am Ende unserer Reise erreichen. Dort wabert uns eine Nebel-Skulptur entgegen, aus der sich eine überdimensionale Spinne erhebt. Und nachts werfen sie hier mit Flammen.

Kommt mit zum zweiten Teil unserer Zugreise durch Spanien. Raus aus der klassischen Romantik südeuropäischer Altstadtgassen und rein in faszinierende, moderne Kunst, die viel mehr sein kann, als eine sinnlos beschmierte Leinwand, die jemand für 90 Millionen bei Sotheby’s ersteigert hat.

3. Februar 2022

Barcelona und der Architekt der Träume – Railtrip Spanien I.

Wie eine bedrohliche Putzlappen-Kolonie hängen die seltsam geformten Steine über dem Eingang der Sagrada Família in Barcelona über meinem Kopf. Seit 140 Jahren ist dieses bizarr-exzentrische und monumentale Jahrhundert-Gebäude von Visionär und Künstler Antoni Gaudí jetzt im Bau.

Als mein Freund und ich von diesem Bauwerk gehört haben – übrigens nicht auf Tripadvisor oder in einem Reiseführer, sondern in Dan Browns Bestseller „Origin“ – wussten wir: Da müssen wir hin! Ab nach Spanien. Und wenn man schon mal da ist, kann man sich ja auch gleich dort in den Zug werfen (in, nicht vor!) und zwei Wochen lang auf der Jagd nach Kunst und Wahnsinn durch Nordspanien fahren. Genau das haben wir gemacht. Aber lass uns mit Gaudís Barcelona anfangen. Mit der Kirche aller Kirchen, Mosaik-Parks, Labyrinthen und gotischen Gassen.


5. Juni 2021

Eisfeuer am Matterhorn und Traumreise Glacier Express.

„Da ist das Matterhorn!“, rufe ich enthusiastisch während der Fahrt. Wir hatten einen langen Fahrtag von Graubünden nach Zermatt und die Sonne versucht bereits, sich rot sinkend zwischen den verschneiten Berggipfeln am Horizont zu verstecken. Ich fuchtele wild mit meiner Kamera und fotografiere herum. Aber dann ist es leider gar nicht das Matterhorn.

Wie wir es schließlich doch gefunden haben, wie wir aus Versehen auf einem vertikalen Trainingstrail für Bergsteiger waren und wie wir am Ende an einen paradiesischen Gletschersee rausgekommen sind, erfahrt ihr im zweiten Teil meines Reiseberichts über unseren zweiwöchigen Roadtrip durch die Schweiz. Außerdem waren wir auf der ersten Fahrt der Saison mit dem weltberühmten Glacier Express, haben uns einen 300 Meter hohen Wasserfall mit einer Kuh beguckt und standen Auge in Auge mit Eiger, Mönch und Jungfrau.

22. Mai 2021

In der Schweiz: Gletscher-Augen und das Haus am See.

„Hi, wir brauchen den Aufkleber“, sage ich. „Ähm… die Vignette meine ich.“ Kurz bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht aus Versehen Viennetta gesagt habe. Also wie das Eis von Lagnese jetzt. Ist aber egal, denn der Typ an der Kasse spricht irgendeinen süddeutschen Schwitzerdialekt, ich verstehe nur Bahnhof und mein Freund spricht nur Englisch. Keiner schnallt irgendwas aber am Ende ist der Sticker irgendwie auf der Windschutzscheibe. Es kann losgehen!

Zwei Wochen Roadtrip durch die Schweiz. Kommt mit zum ersten Teil meiner Reise von einem surrealen Brunnen in Bern über mittelalterliche Street Art in Luzern bis zu einer Schlucht mit einem Auge.


10. April 2021

Fallera! Schluchten und Wasserfälle in Luxemburg.

Meine Vorstellung vom kleinen Land Luxemburg war jetzt etwa so: Drei Kilometer lang, drei Kilometer breit, ’ne Kirche, ein Schloss und vier Bäume. Doch als wir in der beliebten Wanderregion Mullerthal ankommen, ist nix mit vier Bäumen. Also ja, vier Bäume haben die da auch. Aber neben Wald gibt es Kalkquellen mit türkisem Wasser, Felsschluchten, in die man auf eisernen Leitern hinabsteigen kann, Farn, der wie Lianen von Abhängen baumelt und Brücken, die durch magische Flusstäler in Labyrinthe aus Stein führen.
Ich nehme euch mit zu einem weinenden Felsen, einem dreiarmigen Wasserfall und in die finstere Räuberhöhle in der Nähe der Hölle.

28. März 2021

Luxemburg: Hauptstadt im Märklin-Format.

Massive Klippen kesseln die Stadt ein, in der sich weit unten ein grünlicher Fluss entlang der goldschimmernden Fassaden schlängelt. Über eine Brücke mit riesigen Bögen zieht ein bunter Zug dahin, der so winzig wirkt, wie eine Modelleisenbahn.

Wir sind in Luxemburg. Genauer gesagt in Luxemburg-Stadt, denn die Hauptstadt des Landes hat sinnigerweise genau den gleichen Namen wie das Land selbst. Ist denen wohl die Kreativität in die Schlucht gefallen. Weshalb wir beinahe gar nicht in die Stadt reingekommen sind und warum ihr echt was verpasst, wenn ihr denkt, dass Luxemburg klein und lame ist, verrate ich euch hier.


12. September 2020

7 Wasserfälle und ein Mauthäuschen: Kroatien-Trip.

Seit knapp zwei Wochen sind wir auf einem Roadtrip durch Kroatien und seit knapp zwei Wochen sorge ich an jeder Mautstation für Unterhaltung. Denn irgendwie schaffe ich es immer, ungefähr drei Meter von dem Schlitz entfernt anzuhalten, aus dem man die Karte für die Mautberechnung ziehen muss. Während ich also das Fenster herunterlasse und mein Arm mal wieder leer in der Luft rumfuchtelt, prustet mein Freund unauffällig zur Seite, irgendjemand hupt genervt und ich fühle mich wie eine Katze, die ihren Kopf durch einen zu engen Gartenzaun gesteckt hat. Irgendwie schaffen wir es aber trotz meiner fatalen Unzulänglichkeit, die grandiosen Wasserfälle im Krka Nationalpark, einen Sonnenuntergang am Strand und die heimelige Altstadt von Split zu sehen.

28. August 2020

Roadtrip Kroatien: Mit dem Bleifuß zu den Plitvicer Seen.

Mein Fuß liegt bleiern auf dem Gaspedal. Auf dem Schild, das das Tempolimit anzeigt, stand eine 60. Glaube ich. Ist so schwer zu erkennen, wenn man mit 90 daran vorbeizwiebelt, während man von fünfzig Kroaten angehupt und mit 120 überholt wird. In Podum angekommen beziehen wir ein Cottage als Basecamp für unsere Ausflüge zum Nationalpark Plitvicer Seen und zum Nationalpark Nördlicher Velebit. Es sind Tage, in denen wir zwischen türkisgrünen Kaskaden das Paradies entdecken, uns eine Sekunde vor einem krachenden Gewitter in einen Bus retten, mit Wein und Pizza einen Stuhl schrotten und mit dem Mietwagen über eine neblige Schotterpiste donnern. Tage, in denen ich wieder mal erkenne, dass mein Freund und ich gleich bekloppt sind und unser Leben ein Abenteuer ist.


21. August 2020

Kroatien, Corona, Fernbeziehung: Wiedersehen im Drittland.

Das gibt einen seltsamen Eintrag in meiner Todesakte: Sie starb an einem Herzinfarkt durch Corona. Seit diese verschissene Pandemie beschlossen hat, sich auf diesem Planeten wie James Bond aufzuführen, ist für viele Schluss mit lustig. Unter anderem auch für internationale, unverheiratete Paare. Die Grenzen sind dicht, die Regierungen finden, dass eine Beziehung ohne Trauschein „nicht essenziell“ ist und ich habe vier Monate lang Würfel gekotzt. Bis ich ein Schlupfloch finde: Kroatien. Eines der wenigen Länder, die zur EU aber nicht zum Schengenraum gehören, und die neben EU-Bürgern auch Amerikaner ins Land lassen.

Und dann bricht natürlich kurz vor der Abreise noch einmal so richtig die Hölle los. Hier kommt – mal wieder – eine meiner irren Lovestorys. Mit allem, was Hollywood aufbieten kann.

24. Juli 2020

Rügen: Spontan ans Meer und Übernachten am Strand.

Innerhalb von fünf Minuten habe ich online eine bezahlbare Ferienwohnung auf Rügen an der Ostsee gefunden. Ich schmeiße meine Prötteln ins Auto. Rügen statt Ruhrgebiet! Steht das nicht aktuell auf jedem zweiten, ätzenden Werbeplakat, das uns ernsthaft weismachen will, dass wegen Corona „Lummelsbach statt Los Angeles“ jetzt total affengeil ist? Ist es nicht. Vergesst es. Nicht mal mit billigem Fusel. Ich donnere auf die Autobahn Richtung Norden. Als ich die Brücke zur Insel Rügen überquere, singe ich laut und schräg zu „Perfekte Welle“ von Juli. Dann fühle ich mich kurz steinalt, weil ich noch weiß, wie das Lied 2004 in den Charts war und es mir vorkommt wie gestern. Egal – ich bin am Meer! Einfach so.


10. Juli 2020

Elbsandsteine, Filmnächte und Familientreffen nach 30 Jahren.

Elbsandsteingebirge, Dresden, Ostdeutschland

Die Autobahn ist so leer, dass ich mitten auf der Straße anhalten und Tschaikowskis vierte Sinfonie aufführen könnte. Ich fahre von Bayern nach Sachsen. Ganz offensichtlich keine heiße Touristenroute. Mir fällt der melancholische Song „Frankfurt Oder“ von Bosse ein. Doch ich habe große Missionen im Osten: Ich möchte endlich die Basteibrücke im Elbsandsteingebirge von meiner Bucket List streichen, ich möchte meinen Brieffreund in Dresden besuchen, den ich in zehn Jahren erst einmal gesehen habe, und ich möchte einen Teil meiner Familie im Erzgebirge kennenlernen, den ich – außer als Baby – noch nie getroffen habe.

28. Juni 2020

Märchenwälder, Eishöhlen und ein Haus im See – Berchtesgaden.

Ich bin auf dem Weg zur Schellenberger Eishöhle am Untersberg. Dreieinhalb Stunden hoch zum Eingang, eine Stunde in der Höhle, dreieinhalb Stunden wieder zurück. Es sei denn, man stürzt aus Verzweiflung einfach senkrecht ins Tal. Dann nur 3,5 Minuten.

Während die Exkursion in die Eiswelt des Todes zur ultimativen Herausforderung wird, verstecken sich in einem fantastischen Wald haushohe Brocken, auf denen Bäume wachsen. Durch eine Klamm mit Stegen in Steilwänden schießt schäumende Gischt und mitten in einem türkisgrünen See steht ein winziges Holzhaus, dessen Plankenweg sich im Wasser verliert. Auf dem zweiten Teil meines Roadtrips nehme ich euch mit nach Berchtesgaden. Zu magischen Orten, die ich weder in Deutschland, noch irgendwo sonst vermutet hätte.



All photos © SquirrelSarah (unelss mentioned otherwise)

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