
Warm ist es, als ich auf eine kleine Seitenstraße an den bewaldeten Berghängen Kyotos abbiege. Augenblicklich wird es ruhiger. Kein Schild weist auf das hin, was ich suche, aber ich weiß, dass es da ist, weil ich vor neun Jahren schon einmal hier war: ein Moos-Tempel. Und wenn ich „Moos-Tempel“ sage, dann meine ich nicht nur so ein kleines Büschel auf dem Boden oder ein bisschen Dachbegrünung. Dann meine ich MOOS. Überall. Das gesamte Tempel-Areal, umgeben von Bäumen und hohem Bambus ist voller dicker, saftiger Moos-Teppiche in allen Farben von Türkisgrün bis Ockergrün. Über dreißig Moos-Arten wachsen hier in einer Atmosphäre, die sich anfühlt, als wäre man in einer Schneekugel getreten, in der ein immerwährender Frühling herrscht. Ein Frühling der Stille.
Einen Monat lang bin ich in Japan. Zuerst anderthalb Wochen allein, dann kommt mein Mann aus den USA dazu. Von immersiven Museen und Blumenfestivals in Tokio hat es mich mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen nach Kyoto getrieben. Hier ticken die Uhren langsamer, hier weht der Geist des alten Japans durch Windspiele, verwinkelte Tempelanlagen und die Kronen subtropischer Laubbäume. Nicht im modernen Stadtzentrum, das so grau und austauschbar ist wie jede Großstadt, sondern in den Außenbezirken an der Grenze zur üppigen Natur, die die Metropole im Tal wie ein Wall umgibt. Ich gehe auf die Suche nach Moosgärten und einem Meer aus Steinen, nach Spirit Animals und zehntausend roten Toren. Zeit, die Zeit mal Zeit sein zu lassen und einen Moment der Stille zu finden in einer Stadt, in der Zen keine Mode, sondern ein Lebensweg ist.

Ich geb’s zu, ich bin der absolute Moos-Nerd. Wenn ich auf unseren Wanderungen in Deutschland aus Versehen Lockiges Gabelzahnperlmoos oder Tamarisken-Thujamoos sehe, muss ich erstmal stehenbleiben, meine Lupe rausholen und ausflippen. Deshalb ist der kleine Moos-Tempel in Kyoto natürlich das Paradies für mich. Langsam schlendere ich den Pfad hinauf, während alles immer grüner wird und der würzige Duft von immer-feuchtem Holz zunimmt. Schon auf dem Eingangshäuschen wächst Moos. Dann tut sich ein Areal auf, das aussieht, als hätte jemand flauschig-grüne Sitzsäcke auf der Erde verteilt. Der gesamte Boden – mit Ausnahme der Spazierwege – ist mit dichten Moos-Teppichen besetzt. Jetzt, im Frühjahr, sind die Farben ganz anders als vor neun Jahren, als ich im Oktober hier war. Das Grün ist frischer und zugleich heller. Samenkapseln sprießen hervor und benetzen den Flausch mit orangenen Pünktchen. Vor mir auf dem Pfad huscht eine kleine Eidechse davon. Außer ihr ist nichts in Eile hier. Ein Angestellter des Tempels kehrt den Boden mit einem alten Rechen. Langsam und bedächtig. Ich höre einen Japanbrillenvogel. Dann lädt ein Schild ein, seine Schuhe auszuziehen und sich in das niedrige Tempelgebäude zu setzen. Auf dem Fußboden Tatami-Matten aus gepresstem Reis- und Binsenstroh, an der Wand Buddha-Statuen, draußen plätschert Wasser aus einem Bambusrohr in ein Metallfass, was einen beruhigenden, hohlen und warmen Sound erzeugt. Ein Ort zum Bleiben.

Geblieben sind auch über 8000 Grabsteine in einem kleinen Rechteck auf der Tempel-Anlage Adashino Nenbutsu-ji am Stadtrand Kyotos. Grau und uneben wie eine raue See liegen sie vor mir. Wer dort genau über die Jahrhunderte hinweg beigesetzt wurde, weiß niemand mehr. Zwischen den Jahren 800 und 1200 unserer Zeitrechnung hat man hier die sterblichen Überreste von Menschen, die keine Angehörigen hatten oder arm waren, den Elementen überlassen. Sonne und Wind haben die Körper zersetzt. Im 19. Jahrhundert wurden hunderte, verwitterter Grabsteine von den umliegenden Hügeln zusammengesammelt und teilweise sogar ausgebuddelt, weil die Zeit sie so tief verschluckt hatte. Um den Verstorbenen endlich eine würdige Stätte zu geben, stellte man sie in einem heiligen Rechteck auf, umgeben von einer niedrigen Steinmauer. Ein Ort, von dem man denken könnte, er sei schauerlich – ist er aber nicht. Friedlich stehen die namenlosen Steine dich beieinander, als wollten sie sich gegenseitig Trost spenden, in der Mitte eine hohe, schmale Steinpagode. Jedes Jahr im August findet hier die Sento Kuyo Zeremonie statt, bei der in der Dunkelheit innerhalb des Rechtecks hunderte Kerzen zum Gedenken angezündet werden. Etwas, das ich sehr gern mal erleben würde. Etwas, das Japan gut kann: Respekt und Würde.
Wie ist die Vorstellung, dass uns irgendwann niemand mehr kennt? Dass unsere Grabsteine verwittern und unsere Namen verschwinden? Haben wir unsere Großeltern und Urgroßeltern noch kennengelernt? Was wissen wir wirklich über sie? Was werden unsere Enkel über sie wissen? Wie wichtig ist es, dass wir in Erinnerung bleiben, oder zählt am Ende doch nur das, was wir gerade in diesem Moment sind und tun?

EICHHÖRNCHEN! Nee, das hab ich jetzt nicht gesagt, um die Stimmung zu heben, sondern weil es in Kyoto tatsächlich einen Eichhörnchen-Schrein gibt! Und nicht nur das: in der Stadt sind zahllose Tempel und Schreine verschiedenen „Boten-Tieren“ gewidmet, die zwischen den Menschen und den Göttern kommunizieren. Das Coolste: an vielen heiligen Stätten gibt es die kleinen Tiere als Omikuji-Figuren aus Keramik und Holz zum Mitnehmen. Als mein Mann auf der Hälfte meiner Zeit in Kyoto zu mir stößt (er hatte in den USA noch eine OP an seinem gebrochenen Bein, fand das aber kein großes Hindernis, um 8000 Kilometer nach Japan zu fliegen), habe ich bereits eine kleine Figuren-Sammlung angelegt.
Omikuji sind traditionelle, japanische Glückslose, die in Boxen, Schubladen oder eben auch in kleinen, hohlen Tierfiguren stecken können. Sie sagen die Zukunft in verschiedenen Lebensbereichen voraus und sind nicht immer nur rosig. Wenn man aus Versehen Unglück gezogen hat, kann man den Zettel aber vor Ort an einer Schnur anbinden und dort zurücklassen. Zum Glück sind die Übersetzungen der Glückslose mit Google Lens meist so kryptisch, dass ich noch nicht mal eine Ahnung hab, ob ich jetzt Glück oder Pech gezogen hab. Hauptsache, ich hab das Tier am Start.

Mein Mann und ich glauben beide an Spirit Animals – Krafttiere oder tierische Schutzengel, die in schwierigen Lebenslagen auftauchen und Inspiration oder Orientierung geben. Bei mir ist es das Eichhörnchen und bei ihm der Rabe. Erstaunlicherweise gibt es in Kyoto tatsächlich zu beiden Tieren einen eigenen Schrein. Da müssen wir natürlich hin! Ein paar Tage später finde ich noch eine Gebetsstätte, die sich dem Wildschwein widmet, wobei sich das Wildschwein nach einer Legende besonders um Menschen mit Fuß-, Bein- und Rückenproblemen kümmert. Da ich mir, eine Woche nachdem mein Mann sich sein Bein gebrochen hat, meine Bänder am Fuß durchgerissen habe (Leute, wir waren nicht mal wandern, wir sind einfach mal beide jeweils zu Hause die Treppe runtergefallen, denkste dir nicht aus!), scheint es nur logisch, dass wir das magische Wildschwein aufsuchen. Die Keramikfigur dazu ist auch reichlich schnuffelig und wir werfen mal eine Münze in den Opferkasten und setzen eine Fürbitte ab. Kann ja nicht schaden. Das Omikuji in meiner Figur sagt leider, dass körperliche Leiden aktuell eine lange Heilungszeit haben. Lass ich den Zettel jetzt am Schrein zurück oder nicht?

Ob das Wildschwein und hilft oder nicht – nichts kann meinen Mann davon abbringen, bei Fushimi Inari voll durchzuziehen. Fushimi Inari ist ein ausladendes Schrein-Gelände in Kyoto, das für seine komplett irre Anzahl von 10.000 roten Torii bekannt ist, die in Reihe als Rundwanderweg über einen Berg verlaufen – den Mount Inari. Hinauf und hinunter führen insgesamt 12.000 Steinstufen. Als wir etwa ein Drittel davon hinter uns haben (der Arzt hat meinem Mann erlaubt, das Bein „bis zur Schmerz-Toleranzgrenze“ wieder zu belasten, aber das Wort „Grenze“ hat bei meinem Mann immer eine etwas wahnwitzige Definition), bin ich ganz schön platt. Wir stehen an einem Aussichtspunkt mit Weitblick über das moderne, gar nicht mal so schöne Kyoto. Also von mir aus könnten wir auch einfach eine Weile hier sitzen und dann wieder runtergehen. „Willst du noch bis auf den Berg?“, frage ich dödeligerweise.
„Klar!“, sagt mein Mann.
Also gehen wir auf diesen Berg. Der Trail ist insgesamt vier Kilometer lang und fast ununterbrochen von roten Torii gesäumt. Normalweise schafft man den Weg in rund zwei Stunden. Wir sind fast fünf unterwegs. Humpelnd. Aber mit dem absoluten Willen, jetzt auf diesen Berg zu stiefeln. Unterwegs sehen wir immer und immer wieder kleine Schreine und Gebetsecken. Über 10.000 davon soll es entlang der Strecke geben. Geht hier irgendwas unter 10.000?
Am Ende sind wir ganz schön fertig, aber es war auch wahnsinnig schön. Die ersten 200 Meter im Tal sind übrigens die totale Touristen-Hölle mit mindestens 10.000 Selfiesticks – aber auch hier wird, wir so oft, derjenige mit Stille belohnt, der einen Schritt weitergeht. Oder 12.000.
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