Wandern in Japan: Wildes Hokkaido – Schneewände, Vulkane und Phlox-Magie.

27. Juni 2026

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Wandernin Japan: Tanz auf dem Vulkan

Verschwitzt und mit Schnee an den Knöcheln setze ich meinen Fuß auf den Kraterrand und werde beinahe umgerissen. Sturmböen pfeifen seitwärts, vor mir eine schwarz-bunte Wüste aus Lava, und nur ein paar Meter entfernt steigt Dampf aus einer Spalte. „Wooaaaas!“, schreie ich in den tosenden Wind, lachend, mit den Armen rudernd, maximal begeistert und minimal beunruhigt. Ich bin wandern in Japan – auf dem Mount Tarumae auf Hokkaido. Auf einem aktiven Vulkan. Da hab ich mir jetzt nicht so viel bei gedacht. Klar, könnte halt irgendwann mal ausbrechen, doch wahrscheinlich würde ich nur ein paar alte, herumliegende Gesteinsbrocken zu sehen bekommen. Aber das Teil hier dampft – und zwar nicht zu knapp! Vor mir der sich neu formende Lava-Dom inmitten des alten Kraters, der durch zwei plinianische Eruptionen 1667 und 1739 entstanden ist. Plinianisch bedeutet „ähnlich dem Ausbruch des Vesuvs beim Untergang von Pompeji“. Ich sag ja, ich bin minimal beunruhigt. Außerdem bin ich komplett alleine hier, es ist April und noch ziemlich verschneit in Hokkaido; ich begegne unterwegs nur zwei anderen Wanderern und die steigen bereits wieder hinab. „Vulkaaaan!“, rufe ich laut und albern. Jetzt, wo ich schon mal oben bin, könnte ich ja auch gleich den ganzen Krater umrunden. 4,5 Kilometer. Der Wind zwiebelt immer noch und der Kegel dampft wie ein schlafender Drache, der langsam ein- und ausatmet. Ich texte meinem Mann, der am Fuße des Berges wartet – er hat sich neulich das Bein gebrochen und ist noch nicht wieder fit für Krater-Karamba – und stapfe los. 

 

Einen Monat lang sind wir in Japan – Tokio und Kyoto liegen bereits hinter uns, und nun kommt der wilde Norden. Hokkaido. Wo sich Schneewände türmen, der Boden brodelt und Polster-Phlox die Hänge mit pinkem Flausch überzieht. Ein Ort der Extreme, zerworfen zwischen Feuer und Frost. Lass mal hinwandern!

Wandern auf Hokkaido: Unwohlsein auf Mount Tarumae

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Mount Tarumae - aktiv und dampfend

Voller Elan laufe ich los. Boah ist das krass, aus allen möglichen Spalten quillt Schwefeldampf. Es riecht herrlich nach Yellowstone – nach faulen Eiern. Das Lavagestein ist schwarz, braun, gelb, rot,… an der Seite des Lava-Doms sieht es fast aus wie eine versteinerte Rutsche aus Feuer. Irgendwie fantastisch, irgendwie auch ein bisschen creepy. Ich gehe etwas schneller.

 

Unten im Tal hatte ein Schild mit einer Warnung vor Bären gestanden. Wilde Bären in Japan sind durchaus ein Problem. In der Saison 2025/2026 gab es eine Rekordzahl an Angriffen auf Menschen mit 283 Verletzten und 13 Todesopfern. Ich sage es immer wieder gern: Wilde Bären sind nicht der Plüschteddy mit den Knopfaugen auf deinem Sofa. Eine der besten Vermeidungsstrategien ist, in Gruppen zu wandern. Tja, jetzt bin ich aber nun mal allein hier.

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Kurzes Nervenflattern beim Wandern auf Hokkaido

Die Ausblicke vom Kraterrand des Mount Tarumae sind gigantisch. Der blaue Shikotsu Kratersee in Sichtweite, eine endlose braune Ebene zu meinen Füßen, auf der einen Seite verschneite Bergketten, auf der anderen das Meer. Episch. Als ich auf der Rückseite des Lava-Doms ankomme, habe ich kein Handysignal mehr. Ich checke mein Satellitentelefon. Nur für den Fall. Aber für welchen Fall? Ich schaue auf die dampfenden Schlote, dann denke ich wieder an die Bären, dann bemerke ich, dass sich der Himmel zuzieht und dass wirklich kein einziger anderer Mensch mehr mit mir auf diesem Kraterrand ist. Mir wird kurz unwohl. Kopf macht Sachen. Ich singe laut „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Dann beruhige ich mich langsam. Auf dem Rückweg warten noch mehrere tiefe Schneefelder auf mich. Als ich schließlich nach drei Stunden mit nassen Füßen (hatte nur halbhohe Trailrunner an) und etwas zerzaust wieder bei meinem Mann im Tal ankomme und er fragt, ob ich was erlebt hätte, muss ich lachen. Na, allerdings.

Das Noboribetsu Hell Valley: Hokkaidos Vorhölle

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Das Noboribetsu Hell Valley - zerklüftet und farblich interessant

Mount Tarumae ist nur einer von 31 aktiven Vulkanen auf Hokkaido. Hmm… wo Vulkangedöns ist, sind doch auch oft bunte, heiße Quellen und Geysire….? Ich denke an Island, Yellowstone und Neuseeland. Schnell mal nachgeschaut – und tatsächlich befindet sich auf Hokkaido das Noboribetsu Hell Valley

 

Ein Tal voller orange-weißer, zerklüfteter und dampfender Steine liegt vor uns. Als hätte hier jemand was gesprengt. Stimmt ja auch. Allerdings war es die Erde. Das Noboribetsu Hell Valley ist nämlich eine Caldera (ein riesiger Krater), die vor 20.000 Jahren beim Ausbruch des Mount Hiyori entstanden ist. Was wir als spektakuläres Sprudeln und Dampfen empfinden, sind nur noch die schwelenden Überreste von dem, was hier einmal vor Jahrtausenden detoniert ist. Auf Holzplanken laufen wir in das Tal hinein, denn wer die Wege verlässt, läuft Gefahr, in kochend heißes Wasser einzubrechen. Ist jetzt nicht so mein Favorite.

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Im Tal liegt der Oyunuma Hot Spring - die Farben sind ja wohl mal verrückt!

Etwas ätzend sind die Niagara-Falls- und Zugspitz-Vibes, denn der Ort ist ringsum mit hässlichen Beton-Hotels verbaut. Sogar im Tal selbst stehen an einigen Stellen Baumaschinen direkt neben wunderschönen Dampflöchern. Vielleicht könnte der Vulkan ja einfach nochmal ausbrechen und diese menschliche Baukunst verschwinden lassen… hust. 

 

Durch einen teils kahlen Wald mit knusprig-trockenen Blättern geht es hinauf zum Oyunuma Hot Spring. Auf Hokkaido steht der Frühling Anfang Mai noch in den Startlöchern, so wie in Deutschland Anfang März. Der See hat eine milchig-blaue Farbe mit einigen schwarzen und einem fast grell-türkisen Bereich. Wenn das das Hell Valley ist, hat der Teufel eine Schwäche für knallige, abstrakte Kunst. Einige Meter weiter erspähe ich dann noch ein Schild, auf dem „Foot Bath“ steht. Aufgeregt laufen wir hin – und in der Tat, an einem kleinen Fluss befindet sich ein Holzsteg, an dem man offiziell seine Füße in angenehm lauwarmes Wasser tauchen kann. Ein Traum!

Schnee-Wände und Schnee-Vulkane im Daisetsuzan Nationalpark

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Dezenter Schneefall im Daisetsuzan Nationalpark im Mai

Von heiß zu Eis – unser Trip in den Daisetsuzan Nationalpark einige Tage später wird ein kleiner Fail. Während im Tal die Kirschbäume blühen, zeigen sich entlang der Straße bergauf zum Besucherzentrum erst kleine Schnee-Flecken, dann eine geschlossene Schneedecke und schließlich Schneewände, die so hoch sind, dass wir nicht mehr drübergucken können. WTF! Es ist fast Mitte Mai und der gesamte Park ist zugeschneit. „Gibt es irgendeinen Wanderweg, der keinen Schnee hat?“, fragen wir leicht verzweifelt im Zentrum nach. 

Der Ranger lächelt. „Nein, kein einziger.“

 

Hokkaido liegt in der Einflugschneise eiskalter, sibirischer Winde aus Russland. Durch den "Lake-Effect" weht die Luft über das relativ warme Japanische Meer, nimmt massig Feuchtigkeit auf und entlädt diese dann an der bergigen Küste Hokkaidos in Form von mehreren Metern Schnee. 

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Der Vulkan Ashaidake dampft bei drei Metern Schneelage

Besonders hier im subpolaren Daisetsuzan Nationalpark liegen die Temperaturen im Winter oft um die minus 20 Grad. Fun Fact: Wir finden heraus, dass „Daisetsuzan“ auf Deutsch „Große Schneeberge“ heißt. Ha ha. Wann man hier wandern kann? Von Mitte Juli bis Mitte August. Einen Monat lang. Dann ist wieder Schnee. 

 

Bevor wir tatenlos wieder zurückfahren (Schneeschuhe oder Ski sind keine Option, weil mein Mann immer noch eine Schiene am Bein trägt), entdecken wir, dass eine Bergbahn auf den Gipfel des Mount Ashaidake gondelt. Machen wir halt das. Oben liegen noch fast drei Meter Schnee und ich wühle mich ein bisschen Querfeldein in Richtung Krater. Ja, Mount Ashaidake ist auch ein Vulkan. Und auch hier dampft es. Vulkan-Dampf, der aus dem Schnee kommt – irre! Sowas wollte ich immer schon mal gesehen haben. Passiert doch wieder alles aus einem Grund. 

Die Polster-Phlox Teppiche von Hokkaido

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Holy moly Polster-Phlox - es hört gar nicht mehr auf!

Japan kann Blumenfestivals, das hab ich schon in Tokio festgestellt. Hä – aber war nicht eben noch Schnee? Ja, Hokkaidos Topographie ist so wüst, dass es von alpiner Tundra bis zu maritimem Küstenklima einfach alles hat. Vor allem Orte, die im Mai zu pinken Blütenteppichen werden. Hat jemand von euch Polster-Phlox im Garten? Ja, genau das – aber auf 100.000 Quadratmetern. Als wir am Takinoue Park ankommen, sehen wir schon von Weitem eine pink leuchtende Fläche an einem Berghang. Das ist doch nicht echt, oder? Das hat doch jemand angemalt? Als wir aussteigen, stellen wir natürlich fest: alles echt. Und es duftet! Kleine Spazierwege, teils mit Holzbrücken und Holztreppen, sind durch das Gelände gebaut. Im Hintergrund Gebirge, über uns dramatisch-dunkle Wolken und Sonnenstrahlen, die den Phlox besonders bunt und fast schon übertrieben leuchtend inszenieren. Nicht jedes Polster ist gleich. Einige haben runde Blütenblätter, andere eher dreieckige. Einige sind fast rot, andere rosa oder weiß. Es ist ein endloses Staunen über etwas, das man mit dem Verstand nicht so ganz begreifen kann.

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Jede Blüte ein Unikat - 100.000 m² Polster-Phlox auf Hokkaido

1954 standen an dieser Stelle noch Kirschbäume. Dann kam ein Taifun und mähte alles nieder. Drei Jahre später brachte Park-Manager Heiji Kataoka eine kleine Orangen-Kiste mit Polster-Phlox-Setzlingen mit und pflanzte sie an den Eingang des Takinoue Parks. In den darauffolgenden Jahrzehnten setzte sich das gesamte Dorf für die Pflege der Blumen ein – bis daraus die zehn Hektar geworden sind, die wir heute sehen. Jede große Tat beginnt im ganz Kleinen. Wenn du nicht an das Kleine glauben kannst und dich dafür einsetzt, dann wird nie etwas Großes entstehen. Und manchmal müssen wir dafür zusammenarbeiten und nicht gegeneinander. Polster-Phlox heißt auf Japanisch übrigens shibazakura, was „Boden-Kirschblüte“ bedeutet. Ist das nicht schön? 

 

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