Diesen Beitrag gibt's auch zum Hören auf meinem Podcast: Episode 3: Viel zu nah - meine gefährliche Begegnung mit einem Bären in Kanada

Wenn es brennt, musst du Ruhe bewahren, falls möglich noch einen Löschversuch unternehmen, Türen und Fenster schließen, den Ort verlassen, 112 anrufen. Kennt man. Irgendwie. Routinen für Notfallsituationen. Doch wenn die Situation tatsächlich passiert, kommt auf einmal alles anders.
Wenn ich mal einem Bären begegne, dann mitten im Wald, mit Bear-Spray am Gürtel, und dann bloß nicht rennen, dachte ich immer. Seit acht Jahren verbringe ich mehrere Monate im Jahr in den Rocky Mountains, wandere viele hundert Kilometer, zelte im Hinterland und höre mir dann von Leuten, die nur eine Woche zu Besuch sind, an, dass sie in sieben Tagen mal eben drei Bären vom Autofenster aus gesehen haben. Und ich? Nix. Absolut kein Bär auf irgendeiner Wanderung anywhere in all den Jahren. Nie. Nicht, dass ich einem begegnen möchte, denn Bär-Begegnungen gehören zu den gefährlichsten und auch tödlichsten Gefahren in den Bergen in den USA und Kanada. Vergiss Paddington Bear – die echten Viecher tragen keinen niedlichen, roten Schlapphut. Unterschätze niemals Tiere in der Wildnis.
Als der Moment passiert, in dem ich in Kanada final doch auf einen Bären treffe, ist nichts so, wie es sein sollte. Es ist nicht mitten im Wald, sondern auf einer Straße. Ich habe mein Bear-Spray gerade mit meinem Rucksack am Auto abgeladen – und ich bin am Rennen. Und auf einmal steht er vor mir. Groß, schwarz, beinahe surreal plüschig. Dass ich sein Fell im Detail ausmachen kann, spricht dafür, dass ich zu nah dran bin. Viel zu nah. Und schutzlos. Eine Begegnung, die das Blut in meinem Kopf kristallisieren lässt. Ein Moment, in dem die Sekunden wie ein chinesischer Gong in meiner Brust hallen – langsam, laut und mit dem Gedanken, dass es das jetzt auch einfach gewesen sein könnte. Mit dem Leben.

Bären, insbesondere Schwarzbären, sind grundsätzlich selten an einer Konfrontation mit Menschen interessiert (bei Grizzlys und Eisbären sieht das etwas anders aus). Du lachst jetzt ungläubig? Ja, die meisten wilden Tiere haben überhaupt keinen Bock auf uns Menschen, denn wir sind ihnen sowieso schon zu viel. Wir haben ihren Lebensraum zerstört, ihre Flüsse vergiftet, sie mit Licht, Lärm und Jagd vertrieben und beinahe ausgerottet. Shame on Mensch. Doch Tiere haben wie wir Menschen ihre Grenzen und Warnsignale, bei denen sie von Flucht auf Angriff umschalten. Bären sollte man sich nie weiter als 100 Meter nähern (nee, auch nicht für ein verkacktes Selfie!) und Rennen fassen sie als Aufforderung zum Nachstellen auf. Wer rennt, signalisiert „Hallo, ich bin übrigens Beute! Heute extra lecker mit Rucksack, in dem als Nachtisch ein yummy Käsebrot steckt!“ Sind kleine Bären in der Nähe, ist eine aggressive Mutter zu erwarten. Und was Bären überhaupt nicht mögen, ist, überrascht zu werden, zum Beispiel wenn man ungeplant um eine Ecke biegt oder verdeckt durch hohes Gras läuft.

Deshalb tragen viele Solo-Wanderer in den Bergen kleine Glöckchen an den Schuhen und singen oder klatschen regelmäßig in die Hände, um potenzielle Bären vorzuwarnen, die dann oft genervt abziehen. Ich meine, würdest du dich freuen, wenn auf einmal ein fremder Typ ohne Vorwarnung in dein Wohnzimmer latscht?
Unverzichtbar ist in diesen Regionen das Bear Spray. Einfach gesagt ist es Pfefferspray mit Chili und anderen entspannten Substanzen, die beim Gegenüber einen furchtbaren Brand und Juckreiz, tränende Augen und Schmerzen auslösen. Alles nur temporär – aber äußerst wirksam. Das Spray kommt allerdings nur im Notfall zum Einsatz, wenn der Bär bereits so nah ist, dass man ihn überhaupt damit treffen kann. Das ist meist ab zehn Metern der Fall. Allerdings kann so ein Bär auch bis zu fünfzig Stundenkilometer schnell auf einen zurennen, besonders wenn er wütend ist. Do the math. Bear Spray trägt man immer nah am Körper. Am Rucksackriemen oder am Gürtel. Immer da, wo man sofort hingreifen kann, sonst ist es wertlos. All das weiß ich. All das tue ich. Seit Jahren. Bis zu dem Moment, wo ich es nicht tue. Und dann ist da der Bär.

Gerade als wir von unserer Wanderung im kanadischen Yoho National Park zurückkommen und am Auto stehen, beginnt es, zu regnen. „Verdammt, das Zelt ist offen!“, rufe ich. Zum Auslüften hatten wir heute Morgen extra den Regenschutz abgezogen. War kein Regen angesagt gewesen. Prima. Zwischen dem Parkplatz und dem Zeltplatz, den man nur zu Fuß erreichen kann, liegen nur etwa 800 Meter. Mein Männe hat sich vor vier Wochen den Arm gebrochen, trägt Gips und ist aktuell nicht scharf darauf, irgendwo panisch hinzurennen. „Weißt du was, ich lass einfach alles am Auto, du räumst es in Ruhe ein und ich laufe fix rüber zum Zelt und ziehe die Regenplane rüber“, schlage ich vor. Im Zelt sind nicht nur unser Daunenschlafsack, der bei Nässe nicht mehr wärmt, sondern auch all unsere Wechselklamotten. Ich werfe Wanderstock und Rucksack auf den Asphalt neben das Auto und spurte los. Bloß ein paar Meter über die Straße, an einem weiteren Parkplatz längs und ab durch den Wald zum Zelt – das kriege ich hin. Als mehr Tropfen fallen, beschleunige ich. Dann renne ich um die Ecke und auf einmal stapft etwas Großes, Schwarzes aus den Büschen direkt vor mir. Ich mache eine Vollbremsung.
„Ein… Bär!“, rufe ich fast belustigt, weil es so surreal ist, dass ich nicht glaube, dass das gerade wirklich passiert. Der Bär bleibt stehen und schaut mich an. Zwischen uns vielleicht fünf Meter. Dann wird mir eiskalt und ich fange an zu schwitzen. Ein Bär. Viel zu nah. Und ich war gerannt. Als Beute registriert – keine Frage. Ich höre Menschen auf dem anderen Parkplatz hinter dem Dickicht arglos reden und lachen. Ich bin wie erstarrt. Langsam taste ich zu meinem Gürtel. Wo ist das Bear Spray? Wo ist das verdammte Bear Spray?! Ich atme hektisch. Am Schultergurt an meinem Rucksack ist es. Am Auto. Dort, wo ich den Rucksack hingeworfen habe. Ich stehe hier mit absolut nichts. In Wanderschuhen, Hose, Jacke und mit einer kleinen Kamera in der Tasche. Wenn jetzt jemand fragt, ob ich Bilder gemacht habe, schreie ich.

Mein innerer Überlebensinstinkt schreit: „RENN!“, doch ich weiß es besser. Ich atme. Es ist, als wäre innerhalb von Sekunden eine ganze Stunde vergangen. Der Bär bewegt sich nicht und starrt. „Geh doch weiter“, flüstere ich. Aber er geht nicht. Greift er an? Gleich? Jetzt? Es rauscht in meinen Ohren, als würde ich ein Stethoskop an die Niagarafälle halten. Wenn man kein Spray hat oder es nicht wirkt, soll man sich bei Schwarzbären so groß wie möglich machen und schreien. Ich hebe meine Arme, die wie verrückt zittern und stelle mich auf meine Zehenspitzen. Dann gebe ich ein tiefes, lautes, dröhnendes Geräusch von mir, von dem ich gar nicht weiß, wo es herkommt. Geh doch weg jetzt, du Bär!, denkt meine Logik. RENN, Sarah!, ruft mein Instinkt. Nichts passiert. Der Bär schaut mich an. Ich schaue den Bären an. Ich hab keine weiteren Taschenspielertricks mehr. Ich überlege, in den letzten Überlebens-Move bei einem Angriff zu gehen und mich mit Händen über dem Nacken auf den Boden zu legen. Hier auf dem Asphalt. Gleich neben dem Parkplatz mit den vielen Menschen und Autos, der so unendlich weit weg ist wie das Meer bei Ebbe. Aber was, wenn das den Bären neugierig macht? Ich bin fix und alle. Dann schaue ich auf den kleinen Trampelpfad, der durch das Dickicht zu dem Parkplatz führt. Dorthin zu gehen, würde bedeuten, noch einen Schritt auf den Bären zuzutun. Aber was soll ich sonst machen? Weiter das Zerreißspiel spielen und warten, ob er weggehen oder sich auf mich stürzen würde?

Weitere endlose Momente vergehen. Dann springen meine Sicherungen raus. Ich gehe ein paar schnelle Schritte, biege auf den Trampelpfad ab, jogge fast, mein Herz quillt über, ich kann nicht atmen, ich drehe mich nicht um. Ich sehe den Parkplatz jetzt direkt vor mir. Ein Auto mit offenen Türen und mehreren Menschen gleich dort drüben. Ein Fluchtort. Dann renne ich doch. Mit einem Sprung hechte ich durch die Hecke und brülle: „BEAR!!“ Alle Leute auf dem Parkplatz starren mich an. Ich renne weiter bis zu dem Auto, um es herum. Erst dann wage ich mich, mich umzudrehen.
Nichts.
Ich starre auf die Stelle, an der ich durch die Büsche gebrochen bin. Kein wütender, schwarzer Fellball schießt mir hinterher. Stille. Dann aufgeregte Gespräche. Aber ich höre keine klaren Worte. Nur ein Summen, den Schlag meines Herzens, meinen Atem – meinen Körper im roten Alarmzustand. Ich kann meinem Mann nicht Bescheid sagen, weil wir hier draußen keinen Handyempfang haben und mein Satellitentelefon auch am Rucksack hängt. Ich Idiot.

Ein kleiner Fehler. Eine Unachtsamkeit. Krass. Am Zeltplatz liegt ein Walkie-Talkie, das andere hat mein Mann. Aber ich bin unfähig, allein die restlichen 500 Meter zum Zelt zu gehen. Durch den Wald. No way. Lieber würde ich mit einem Axtmörder kaffeetrinken gehen, als jetzt allein durch diesen Wald, wo irgendwo der Bär ist. Schließlich laufen zwei andere Wanderer los, einer trägt Bear Spray. Ich schließe mich ihnen an. Still und heimlich. Ich kann gerade nicht reden. Ich bin unter Schock.
Als ich in ihrem Windschatten am Zelt ankomme, greife ich das Walkie-Talkie und funke meinen Mann an. „Bear“, flüstere ich. Das ist irgendwie alles, was ich sagen kann. Dann fällt mir auf, dass es aufgehört hat, zu regnen.
Unterschätze niemals Wildlife – egal ob in den Amerikas, Asien, Australien, Afrika oder sonstwo. In Europa sind wir es nicht mehr gewohnt, auf Tiere zu treffen, die uns überlegen sind. Wilde Tiere sind kein Zoo und die Wildnis ist kein funny Hintergrund für Tik-Tok-Videos. Kenne die Regeln, zeige Respekt, sei vorbereitet, nimm das ernst. Verfalle nicht zu Hause schon in übertriebene Angst, aber wisse, wo du stehst. Ich werde weiter rausgehen. Aber das Bear Spray, das tacker ich mir ab jetzt in die Westentasche. Aho.
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SquirrelSarah (Samstag, 06 Dezember 2025 17:56)
Quatsch, Peter, du kennst mich doch - ich war natürlich direkt danach wieder draußen. ;) Natürlich war ich am Tag selbst und danach erstmal etwas durch und möchte so etwas auch nicht noch einmal erleben wenn's geht, bzw. werde noch weniger nachlässig sein mit Verhaltensregeln und Equipment - aber ich möchte mir nicht von meiner Angst vorschreiben lassen, wo ich hingehe und was ich im Leben mache. Ich könnte natürlich jetzt sagen: "Lassen wir das mal mit dem Wandern in Regionen mit wilden Tieren", aber es ist meine Leidenschaft, mein Leben, dort draußen zu sein. Dass ich mir den Raum dann mit wilden Tieren teile, ist ein Risiko, genau wie das ganze Leben ein Risiko ist. Ich hatte auch zwei Autounfälle, wo es echt gekracht hat und trotzdem fahre ich weiter Auto, bin mal fast an einem Berg abgestürzt, aber war danach x-mal wieder Bergwandern - und aktuell lerne ich, Feuer zu machen, obwohl ich seit der Kindheit wahnsinnige Angst vor Feuer habe. Ich möchte damit nicht angeben und würde nie sagen, dass es leicht oder bedenkenlos ist, aber ich möchte frei sein, und dazu gehört für mich persönlich, innere Barrieren, Traumata und Schweinehunde zu überwinden. Ich denke, jede Situation im Leben, die schwierig ist, ist ein Test. Und wir können antreten oder den Klassenraum verlassen.
Liebe Grüße
Sarah
Don (Samstag, 06 Dezember 2025 17:20)
Hi Sarah,
das war ja wohl mehr als knapp.
Horror pur. Noch mal eine Chance bekommen, würde ich meinen. �
Vielleicht ist es ja jetzt für eine Weile genug mit Outdoor.
Nach so einem Erlebnis ist sowieso nichts mehr wie vorher … �