
Kann man so eine Fernwanderung eigentlich auch erstmal antesten so wie man den Teig von Schokokeksen testet, um sicherzugehen, dass er nicht spontan schlecht geworden ist? Kein großes Risiko, kein langer Urlaub, aber trotzdem mal von einem Schiefergrat in den Abgrund blicken und auf kleinen Waldpfaden durchatmen, während einen eine Kuh am Weidezaun scheel anguckt?
Das geht auf dem Lee Trail in Luxemburg. 52 Kilometer, drei Tage und kein Zelt nötig (aber möglich). Nach unserer Fernwanderung auf dem John Muir Way in Schottland im Mai und dem langen Berg-Sommer in den USA und Kanada scheuchen uns die Hummeln im Hintern Anfang Oktober nochmal raus. Da geht noch was, summen sie. Nichts Großes soll es werden, aber doch nochmal ein paar Tage am Stück auf einen Trail. Eine Mini-Fernwanderung. Und wo geht das besser, als in einem dieser schönen, europäischen Mini-Länder, die man so selten auf seinem großen Schirm hat! Wandern in Luxemburg – das fanden wir vor ein paar Jahren im Mullerthal schon toll. Also fix drei Gästehäuser gebucht, Rucksäcke ins Auto geprömmelt und losgefahren. Ach ja, irgendwo zwischen all dem habe ich ganz nonchalant den Schwierigkeitsgrad des Wanderwegs in die Felsspalten der Unaufmerksamkeit fallen lassen: difficult. Hust.
Kurz darauf sind wir unterwegs auf Schieferkämmen, über Flussschleifen, vorbei an Morgentau, Feldern und riesigen Pilzen, über Brücken und durch fast geisterhafte Dörfer. „Geht es eigentlich auch irgendwann mal nicht bergauf oder bergab?“, fragt mein Mann belustigt, während er mal wieder wie Daniel Düsentrieb die Hügel hochstapft. Nee, ich glaube nicht. Nichts hier ist eben oder gerade. Dafür ist es Schiefer und schöner: kommt mit auf unsere kleine Fernwanderung über den Lee Trail in Luxemburg!

Eigentlich heißt der Trail mit vollen Namen Escapardenne Lee Trail. Eskapaden?! Ach so nee, Escapardenne ist ein Wortspiel mit „Escape“ und den Bergen der Ardennen. Man entflieht („escape“) dem Alltag, der Stadt oder der Arbeit auf diesem Wanderweg in die schönen, luxemburgischen Ardennen. Wie idyllisch. Wenn es halt auch mal flach geradeaus gehen würde. Also wenigstens zehn Meter. Aber dann wär’s vielleicht auch öde.
Der Wanderweg beginnt in Ettelbrück. Verrückt, wie Deutsch hier alles klingt und dann sprechen doch viele Leute nur französisch. Le fascinating! Erstmal schnalle ich den P+R Parkplatz am Bahnhof nicht, fahre in eine Einbahnstraße und werde von einem Taxi angehupt. Fängt ja gut an. Danach schnell – und kostenlos! – die Schibbel für drei Tage abstellen, den Rucksack aufsetzen und ab in den Busch. In den geht es tatsächlich schon ein paar hundert Meter vom Bahnhof entfernt. Das kann der Lee Trail gut: Natur statt Stadt. Allerdings natürlich senkrecht. Wir asten in den Wald und ich bin zwischen Fernwanderungsfreude und Atemnot. Am ersten Tag stehen 18 Kilometer an, am zweiten 19 Kilometer und am letzten 15 Kilometer.
„Wie viele zusammengerechnete Höhenmeter wandern wir in den nächsten Tagen nochmal?“, fragt mein Mann, als wir durch eine frühmorgendliche Nebelwand laufen, durch die sich langsam die Herbstsonne brennt.
„Zwei…“, sage ich, „…zweitausend. Glaube ich.“ So ein Quatsch, das glaube ich nicht, sondern das weiß ich. Aber wenn man so tut, als wäre man sich nicht ganz sicher, klingt es nicht so wild. Alter Fernwandertrick. Ich glaube, heute soll es noch etwas regnen – und dann sind zehn Stunden Dauerregen. Aber gut, das war in England, anderes Thema.

Auf dem ganzen ersten Teilstück sehen wir kaum einen anderen Menschen. Und in den nächsten Tagen doppelt so viele. Also zwei. Es ist herrlich leer und ruhig auf diesem Escape-Trail.
Die Luft ist morgens eisig, später mild. Herbstlicht liegt über den Wiesen, dringt durch die noch grünen Blätterdächer der vielen Wälder, die wir kreuzen, und taucht die Flusstäler, denen wir folgen, in sanftes Pastell. Wir kommen nicht gerade rasend schnell voran, was aber nicht an den zwei…tausend Höhenmetern liegt, sondern an den zwei Millionen Pilzen unterwegs.
Wir sind (noch) keine Pilzkenner, aber ausflippen darüber kann man ja trotzdem. „Der ist riesig!“ rufe ich. „Stell dich mal daneben, ich mache ein Foto!“
Mein Mann, der genau wie ich nicht gerade groß gebaut ist, wittert einen „Short-Joke“, dabei ist dieser verdammte Pilze wirklich einfach nur monumental und muss festgehalten werden für die Nachwelt.

Der Lee Trail in Luxemburg ist keine Alpenüberquerung, hat keine Gletscherseen, Wüsten oder Schneegipfel – aber er hat Details und Ausblicke, die zum Staunen, Entdecken und Freuen einladen. Er ist ein leiser Wanderweg über viele schmale Pfade, durch ganz wenige, teils geisterhaft leer und tot wirkende Dörfchen, die nicht mal ein Hotel, eine Bäckerei oder Tankstelle besitzen, und durch viel Wald und Schiefer.
Alter, was ist denn jetzt hier immer mit diesem Schiefer? Schiefer ist quasi Name und Programm auf diesem Weg, denn „Lee“ bedeutet nichts anderes als „Schieferstein“. Und davon gibt’s hier einiges. Wenn man sich gerade mal wieder fragt, wo er denn ist, steht man wahrscheinlich mitten drauf. Das Highlight des Trails sind nämlich die teils wirklich schmalen Schieferkämme, auf denen man entlangwandert. Wer seiner Höhenangst in Kombination mit Balance begegnen möchte, ist hier richtig – aber auch dabei gilt: es ist nicht wild, nicht krass und auch schaffbar wenn einem das Thema ein bisschen Sorge bereitet.

Da es unterwegs, wie gesagt, kaum Städte und Dörfer gibt, ist es auch mit den Unterkünften nicht ganz so easy. Oft gibt es nur ein oder zwei Gasthäuser. Ausgebucht ist im Oktober aber nur ein Ort – der vorletzte. Von dort nehmen wir den kostenlosen, öffentlichen Bus und düsen für die Übernachtung ein paar Kilometer in die Nachbarstadt – und am Morgen wieder zurück zum Trail. Ja, Luxemburg ist das einzige Land der Welt, das komplett freien ÖPNV hat, sowohl für Einwohner als auch für alle Besucher. Alles ist außerdem pünktlich und sauber – say whaaat?!
Als wir nach drei Tagen wieder aus dem Busch kommen und mit der Regionalbahn vom Zielort Kautenbach zurück zum Startpunkt in Ettelbrück fahren, dauert die Fahrt gerade mal zwanzig Minuten. „Alter Scholli, wir sind über fünfzig Kilometer in drei Tagen gelaufen und jetzt fahren wir mal eben die gesamte Strecke in zwanzig Minuten zurück!“, sagt mein Mann nachdenklich. Das ist das Surreale an Fernwanderungen. Man läuft und läuft und schaut am Tagesende auf große Kilometerzahlen, lange Stunden, viele Gespräche, Gedanken und wunderbare Erlebnisse zurück – auf einer Strecke, die man mit modernen Transportmitteln in wenigen Minuten erledigt gehabt hätte, aber was hätte man alles verpasst!
Auf dem Lee Trail hätten wir den Zauber einer Challenge verpasst, die zugleich spannend, still, voller kleiner Schätze, großer Landschaften und niemals gerade war. Ein Escape fürs lange Wochenende – für alle, mit Hummeln im Hintern.
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