
Ich stehe am Stadtrand und gleichzeitig am Abgrund. Mein bester Freund und ich sind auf einem dreiwöchigen Roadtrip durch Andalusien und blicken von der Stadt Ronda aus über hundert Meter in die Tiefe. Es ist, als würden die weißen Häuser über die Kante der Felsen hinaussprühen wie Gischt. Gleichzeitig senkt sich das blasse und warme Abendlicht über die Landschaft. An der Puente Nuevo gehen die Lichter an und tauchen die Schlucht zwischen den beiden Stadtteilen in feuriges Orange.
Von hier aus beginnen unsere Streifzüge in die Natur und das Hinterland Andalusiens. Denn neben großen Städten wie Sevilla, Granada und Malaga erstrecken sich hier auch abgelegene Strände, malerische Gebirge mit schwindeligen Wanderwegen auf Holzplanken und steinerne Landschaften, die den Nationalparks in den USA in nichts nachstehen. Kommt mit zu fünf schönen Naturorten in Andalusien. Na, schwindelfrei und abenteuerlustig?

Nachdem wir unser Auto mit etwas Augenmaß haarscharf am Beginn des Abhangs neben der Straße geparkt haben, werfen wir einen letzten Blick auf unsere vorab gebuchten Eintrittstickets und ziehen los. Los, zum Wanderweg Caminito del Rey. Der Pfad zählte mal eine Weile zu einem der gefährlichsten Wanderwege der Welt, weil er sich in extrem schlechtem Zustand befand. Für normale Ottos war er sogar offiziell gesperrt. Der Weg wurde zwischen 1901 und 1905 erbaut und überspannte die Gaitanes Schlucht "zum besseren Austausch der Gemeinden auf den verschiedenen Seiten". Klar, dafür baute man halt im Jahr 1901 mal easy eine drei Kilometer lange, komplett verrückte Plankenstrecke an senkrechten Felswänden entlang. Heute gäb's zum besseren Austausch einfach WhatsApp und ChatGPT. Okay, ob dieser Austausch wirklich besser ist, zweifele ich mal stark an, aber das ist ein anderes Thema.
Leider verfiel das andalusische Architektur- und Naturwunder mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit. Das hielt allerdings nicht Wenige davon ab, den Caminito del Rey trotzdem kletternd zu begehen. Allein zwischen den Jahren 2000 und 2010 verunglückten dort so einige Menschen – zehn davon starben. Im März 2015 eröffnete der Steig nach kompletter Restauration wieder für Besucher - und wurde natürlich prompt überrannt. Deshalb gibt es ein Ticketsystem, bei dem nur etwa 15 bis 20 Leute pro halbe Stunde eingelassen werden.

Das bedeutet zum einen, dass ihr auf dem Steig recht allein unterwegs seid und die nervenkitzelige Natur ohne Zeitdruck genießen oder gepflegt Höhenangst bekommen könnt. Zum anderen bedeutet es aber auch, dass die Tickets begrenzt sind und ihr sie am besten im Voraus online bucht. Je nach Saison können sie auf bis zu drei Monate vergriffen sein. Sie kosten 10 Euro self-guided und 18 Euro mit Wanderführer. Der Caminito del Rey ist kein Rundweg, sondern verläuft linear. Ihr müsst dieselbe Strecke also entweder hin- und zurücklaufen oder am Ende ein Busticket kaufen, um mit einem Shuttlebus vom Südeingang wieder zum Nordeingang zurückzufahren. Der Caminito del Rey ist nicht mehr gefährlich! Trotzdem flattert hier und da schon ein Nervenbündel, wenn der Blick durch die Holzplanken in den 100 Meter tiefen Abgrund fällt, durch den ein türkiser Fluss donnert. Die Landschaft ist atemberaubend schön. Als wir über den Steig laufen, pfeift starker Wind, was die enormen Temperaturen von 37 Grad im August etwas erträglicher macht. Allerdings versetzen die Böen auch das Highlight des Pfades – die frei schwingende Brücke über der Schlucht – in Bewegung. An diesem Tag ist sie damit halt besonders frei schwingend... mein bester Freund hat Höhenangst und ist begeistert.
Am Eingang bekommt man Helme von den Betreibern des Caminito del Rey. Sie sind Pflicht und eine Schutzmaßnahme aus Versicherungsgründen. Der Wanderpfad selbst ist etwa drei Kilometer lang. Der Fußmarsch vom Parkplatz zum Nordeingang des Pfades etwa 1,5 Kilometer (teils durch einen Tunnel) und der Weg vom Ende des Pfades zum Südeingang ist noch einmal etwa 2,7 Kilometer lang. Dafür braucht ihr insgesamt bei langsamem Tempo mit vielen Stopps für fette Aussicht etwa vier Stunden. Kletterkenntnisse sind nicht nötig und mein bester Freund hat den Weg am Ende trotz seiner Höhenangst gemeistert und würde es wieder tun.

„Das ist ja fast wie der Bryce Canyon in den USA – nur in grau!", rufe ich komplett von den Socken. Wie verwunschene Statuen türmen sich die zerklüfteten Felsen des Torcal de Antequera unter dem blauen Himmel auf. Was geht mit der Natur in Andalusien? Welcher Wichtel hat diese verrückte Steinstadt gebaut? Irre!
Wir entscheiden uns unter allen Pfaden für den mittellangen Wanderweg und stapfen zwei Stunden lang über runzelige Steine, Staub und Äste. Links und rechts erheben sich immer neue magische Gesteinsformen wie Kathedralen, während über uns still ein Adler kreist. Auf einmal schnaubt es im leichten Wind. Wir halten an.
Schräg gegenüber läuft eine Ziege über die tiefen Spalten, als würde sie easy peasy eine Promenade hinunterspazieren. Definitiv zehnmal eleganter als wir... Vor allem, als ich mit dem Hintern über eine Steinplatte rutsche, weil ich mich nicht traue, sie hinunterzuspringen. Generell ist das Torcal de Antequera aber ohne Wanderausrüstung- und erfahrung gut passierbar. Am Vormittag gegen 9 Uhr ist es noch ruhig und sogar im Hochsommer kühl. Außerdem ist das Licht fantastisch!

Es gibt auch einen kürzeren Wanderweg für Familien mit Kindern und einen langen Pfad, der allerdings kein Rundweg ist. Am Besucherzentrum könnt ihr kostenlos parken und - wichtig für Old-Schoolies wie mich - sogar Postkarten einwerfen.
Kaum vorstellbar ist allerdings, dass an dieser Stelle – so hoch im Andalusischen Gebirge – mal ein Meer war. Durch Ablagerungen von Steinen haben sich Schichten aus Kalk gebildet. Als Europa und Afrika dann aufeinanderprallten (also das ist jetzt echt lange her!), faltete sich die Landschaft dann so einzigartig auf. Das Gebiet liegt zwischen 1.100 und 1.400 Höhenmetern. Wenn ihr ein Fernglas dabei habt, könnt ihr neben Ziegen auch Reptilien und unheimlich viele Vögel beobachten. Wir haben einen ganzen Vormittag damit verbracht, uns über die wie aufgestapelt wirkenden Steinformationen zu wundern und mal wieder festzustellen, dass kein noch so toller Städtebau die Schönheit von Natur schlagen kann. Der Eintritt ins Torcal de Antequera ist frei.

Wie ein verknotetes Schuhband schlängelt sich die Straße ins Tal. Der große, grüne See ganz unten ist inzwischen nur noch ein kleiner Fleck, der in der Landschaft leuchtet. Über 2000 Meter hoch sind wir von Granada aus in den Norden der Sierra Nevada zum Besucherzentrum von El Dornajo gefahren. Das geht recht fix und dauert nur etwa 30 Minuten.
Das Auto röhrt im zweiten Gang, als wir die steilen Bergstraßen hinaufschnaufen. Hinter den dunklen Tannen bricht eine Aussicht hervor, für die ich mich glatt in den Abgrund stürzen würde – wenn das nicht kontraproduktiv wäre. Wir halten zig Mal in den kleinen Buchten am Straßenrand und fahren bis zum Mirador Monte ahi de Cara. Das ist der Moment, an dem ich die atemberaubende Landschaft am liebsten in kleine Tütchen packen und aufbewahren möchte.

Schnee sehen wir Mitte August auf dieser Höhe leider keinen, aber es ist angenehme 22 Grad kühl und ringsherum tanzen grüne Baumlandschaften, karge Steppen, weiße Wattewolken und ein Hauch vom König der Welt. Die Sierra Nevada ist größtenteils Naturpark und kein Gebiet, durch das man bequem mit dem Auto hindurchgondeln kann. An bestimmten Punkten ist nur noch das Wandern möglich, das wir leider nicht in Angriff nehmen, weil wir noch zur Wüste von Tabernas weiterfahren wollen, was man durchaus an einem Tag schaffen kann, ohne in Eile zu sein. Für einen tollen Einblick in die Sierra Nevada reicht unsere kleine Tour auf jeden Fall. Im Süden des Gebiets könnt ihr euch noch wundervolle, weiße Dörfer wie Bubión oder Trevélez ansehen. Doch eine Straße von der nördlichen Sierra Nevada bei El Dornajo hinunter zu diesen Dörfern gibt es nicht. Ihr müsst mehrere Stunden in Kauf nehmen, um außen herumzufahren. Bedenkt außerdem, dass die Straßen sehr kurvig und eng sind und man meist nur 30 bis 50 km/h schnell fahren kann. Gefährlich ist es nicht, doch hier ziehen sich fünf Kilometer gern einmal hin, weshalb ihr euch nicht zu viel auf den Tagesplan schreiben solltet. Im Winter ist die Sierra Nevada übrigen ein tolles Skigebiet. Einen generellen Eintritt in den Naturpark gibt es nicht.

Die einzige Wüste Europas – wow! Der trockenste Ort Europas – noch mehr wow! Und was passiert dann? Ein apokalyptisches Gewitter mit Regen bricht los und wir sehen den zerfetzten, schwarzen Wolken atemlos hinterher. Herzlich willkommen in der Wüste von Tabernas! Als wir die Alarmbereitschaft des Scheibenwischers herunterschrauben können, tut sich vor uns eine Landschaft auf, die wieder perfekt in den Westen der USA passen würde. Erinnerungen an meinen viermonatigen Solotrip dort kochen auf Hochtouren und wir donnern auf 50 Prozent Gefälle den pastellfarbenen Bergen mit der gewellten und faltigen Form entgegen.
Tagsüber kann es in der Wüste von Tabernas bis zu 48 Grad heiß werden. Knusprig. Etwa 3000 Sonnenstunden gibt es im Jahr. Außer in den drei Stunden, in denen wir vorbeikommen. Haha. Auch hier könnt ihr bequem am Besucherzentrum parken und die Wüste kostenlos erwandern. Da es langsam Abend wird (ich empfehle gerade im Sommer, auf keinen Fall zwischen 12 und 17 Uhr hier herzukommen wegen der enormen Hitze!), zeichnen sich erste rosafarbene Streifen am Horizont ab. Zugleich legt sich ein nebliger, bläulicher Schleier über die Berge.

Es gibt verschiedene Wanderpfade, die immer wieder neue, endlos sehnsüchtige Aussichten über die wundervoll geformte Landschaft der andalusischen Steppe eröffnen. Die Erde ist brüchig, doch die Ödnis wirkt wie ein geheimnisvolles Gemälde. „Ich denke dauernd, dass das alles nur eine Leinwand ist“, sagt mein bester Freund in die Stille. Außer dem Wind ist nichts zu hören. Nicht mal Ziegen. Während ich schon nach drei Metern meine Trinkflasche aus dem Rucksack grabe, als wäre ich zwei Wochen in der Sahara unterwegs gewesen, betrachte ich die dornigen Büsche, den schwarzen Käfer am Boden und die goldenen Grashalme auf den Kuppen.
Das Abendlicht übergießt die Wüste von Tabernas mit geheimnisvollem Licht, zeichnet tiefe und lange Schatten und lässt die Erde langsam auskühlen. Neben der Natur könnt ihr hier auch die Kulissen von Westerndörfern besichtigen, die zum Teil in Filmen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Lawrence von Arabien“ zu sehen sind. Die Dörfer sind aber natürlich künstlich erschaffen und manche haben inzwischen den Charakter von Freizeitparks und kosten saftige Eintritte. Da ich nicht so sehr für solche Attraktionen zu begeistern bin, sparen wir uns die 22 Euro für den Wild-West-Jurassic-Mist und setzen uns stattdessen mitten in die Wüste auf ein paar Steine und genießen den Sonnenuntergang. Die silberne Sichel des Mondes hängt über blattlosen Bäumen, während die Steine am Boden rosafarben aufglimmen. Von der Wüste von Tabernas nach Granada sind es etwa 134 Kilometer und bis Almería etwa 30 Kilometer. Die Strecke von Granada nach Tabernas ist spektakulär durch ihre roten Felsen, Canyons und die Sierra Nevada im Hintergrund.

Jetzt aber genug Steine! Schließlich gibt es in Andalusiens Natur auch Meer. Und zwar sogar zwei Mal. Einmal den Atlantik bei Cádiz und einmal das Mittelmeer bei Marbella, Málaga und Almería. Leider sind gerade entlang der Touristenstädte die Strände (im Sommer) oft maßlos überfüllt. Und damit meine ich ein Heer aus Sonnenschirmen, zwischen denen man den Sand nicht mehr sieht. Außerdem sind viele Orte mit Hochhäusern, Hotels und Bars verschandelt. Dennoch gibt es noch ein paar Naturstrände und abgelegene Paradiese, die ich hier nicht alle im Einzelnen vorstellen kann und möchte. Nur einen Strand möchte ich namentlich nennen: den Playa de la Alcaidesa bei Algeciras. Denn er ist nicht nur 1,4 Kilometer lang und 60 Meter breit, sondern hat auch eine herrliche Aussicht auf den Felsen von Gibraltar, der wie eine steinerne Titanic im Wasser zu versinken scheint. Der Sand ist dunkelgrau und die gesamte Fläche umgeben von hohen Felsen mit Palmen. Selbst zur Nachmittagszeit in der Hochsaison verläuft sich die Menschenmenge gut.

Lustigerweise müsst ihr bei der Einfahrt ein Kontrollhäuschen mit Schranke passieren, da der Strand zur Schickimicki-Wohnsiedlung La Alcaidesa gehört. Eintritt, besondere Berechtigungen oder Parkgebühren gibt es aber nicht, weshalb uns der Job des Menschen im Kontrollhäuschen etwas sinnlos vorkam. Vermutlich würde er auch lieber am Strand liegen, als den ganzen Tag bekloppte Leute rein- und rauszufahren zu sehen.
Wir schaffen es tatsächlich, urfrüh aufzustehen und den Strand zum Sonnenaufgang zu besuchen. Was für eine Wucht! Der Himmel scheint mit Rot, Rosa, Violett, Blau und Gelb übergossen zu sein und wir können uns wie bei Caspar David Friedrich auf einen Felsen knallen und in die Ferne schauen.
Außerdem findet ihr mit Glück große, braune Muscheln im Sand. Toiletten und Duschen gibt es praktischerweise auch. Allerdings solltet ihr einen Sonnenschirm mitbringen, denn Schatten gibt es dort unten nicht. Weil wir den Playa de la Alcaidesa so unglaublich schön fanden, sind wir an einem Abend sogar noch einmal 75 Kilometer weit von Marbella aus dorthin zurückgefahren.
Und jetzt raus aus dem Haus!
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Weitere Beiträge zu unserem Roadtrip durch Andalusien und einer Zugreise zu Kunst und Städten Spaniens findet ihr hier:

lonelyroadlover (Montag, 27 August 2018 09:55)
Haha, wie cool! Ich denke nicht, dass immer alle Kommentare bestens formuliert sein müssen - manchmal muss man einfach mal raushauen, was man denkt und fühlt! Also danke dafür. ;)
Ja, ich hätte ebenfalls nie gedacht, dass Andalusien den USA von der Landschaft her so ähnelt!? Ich dachte, mich erwarten ein paar Berge, ein bisschen Meer,... aber die Naturgewalt hat mich doch echt umgehauen von ihrer Schönheit und Besonderheit her.
Nach deinem großen Asien-Abenteuer solltest du unbedingt Andalusien im Hinterkopf halten. Manchmal liegt das Außergewöhnliche doch irgendwie auch nahe. Wobei in die Ferne schweifen auch etwas ist, mit dem ich nie aufhören könnte.
Ganz liebe Grüße!
Sarah
Magdalena (Sonntag, 26 August 2018 21:10)
Ich würde total gerne einen sinnvollen, gut formulierten Kommentar hinterlassen. Aber ich entscheide mich, einfach zu tippen, was mir bei deinem Artikel durch den Kopf geht:
Aaaaaaaalter! Wie geil ist das denn bitte? Ich wollte schon beim Caminito del ray ausflippen, dann kam der Bryce Canyon und kann konnte ich nicht mehr sinnvoll meine Gedanken ordnen. Dein Trip ist der Hammer und hätte ich nicht gerade andere Pläne, dann würde ich nächste Woche sofort ins Auto steigen.
Liebe - etwas neidische - Grüße
Magdalena
lonelyroadlover (Montag, 20 August 2018)
Dankeschön, liebe Anke. :)
Ja, ich bin auch unendlich beeindruckt und hatte es nicht SO schön und beeindruckend erwartet! Du könntest den Caminito del Rey auch wandern. Der ist nicht so extrem, wie er auf Bildern erscheint. Natürlich ist er hoch aber er ist nicht wackelig oder ungesichert. Und mein bester Freund hat es auch geschafft - trotz Höhenangst. ;) Nur Mut!
Ganz liebe Grüße,
Sarah
Anke von Heyl (Montag, 20 August 2018 11:26)
Liebe Sarah,
wie wunderschön ist Andalusien!! Und dank dir erhalte ich Einblicke in die tolle Wandertour entlang dieses irren Caminos in den Bergen. Ich würde mich dort niemals langwagen! Bekomme schon schwitzige Hände, wenn ich deine Schilderungen lese. Aber toll. Abenteuer!! Und dieses Licht. Unglaublich!!!
Herzliche Grüße von Anke