
Hohe, dunkle Tannen wurzeln auf weichem Nadelboden, abendliches Sonnenlicht filtert durch die Äste, neben mir fällt ein Tannenzapfen herunter und in wenigen Sekunden ist das erste Eichhörnchen lokalisiert. Unser Vorgarten hat ein Eichhörnchen! Ich bin so begeistert, dass ich ADHS-mäßig fast mit der leeren Wasserflasche zurückgehe, statt sie unten am Waschraum des Campingplatzes aufzufüllen. Drei Wochen lang sind wir mit Zelt und Auto in den Nationalparks in Kanada unterwegs – genauer gesagt, in den kanadischen Rocky Mountains. Schön praktisch, wenn der Männe Amerikaner ist und in der Nähe von Yellowstone in den USA nur 800 Kilometer von der Grenze entfernt, lebt. Kann man mal eben mit Sack und Pack rüberfahren.
Nachdem wir den Sommer gemeinsam in Wyoming in den USA verbracht haben, düsen wir also rüber nach Alberta und British Columbia. Die einzige Frage an der Grenze: „Habt ihr Haschisch dabei?“ Siggi, den ganzen Kofferraum voll, nee, ist klar. Obwohl wir definitiv nix rauchen, fahren wir kurz darauf mit einem breiten Grinsen in eine der wohl schönsten Gegenden des Landes. Kanadas Rocky Mountains sind anders als die der USA. Hellgrau, wie umgekippte Bücher stehen die Berge hochkant und abstrakt in einer Landschaft, die so weit ist, dass man „Hallooo!“ rufen könnte, und das Echo käme erst in 20.000 Jahren zurück. Wälder so riesig, dass man vergisst, dass es auf dem Planeten auch noch was anderes als Bäume gibt – und dann natürlich Bäm, Banff! Der erste Nationalpark in der Geschichte Kanadas – und garantiert nicht unser letztes Mal dort. Was wir dort bei Tintentöpfen und Gletschern gemacht haben, wie uns im Jasper Nationalpark die Realität eingeholt hat und was genau dazwischen lag – steigt ein und kommt mit!

Banff und Jasper Nationalpark sind keine Geheimtipps. Müssen sie auch nicht. Immer dieses Gedöne um „Geheimtipps“ beim Reisen. Manche Orte sind einfach weltbekannt und sehenswert – und zwar aus gutem Grund: Sie sind der Hammer. Klar sind dann dort, besonders in der Hauptsaison, viele Menschen, aber das ist dann halt so. Take it or leave it. “Hauptsaison” ist in Kanada sowieso relativ. Im Juni liegt oft noch Schnee, was Wandermöglichkeiten einschränkt, dann ist ganz kurz Sommer – aber dann brennt es gern mal – und im September ist schon wieder die Gefahr von Schnee.
Als ich mit meiner vollen Wasserflasche zurück zu unserem Zeltplatz komme, ist das Zelt schon fast komplett aufgebaut. Ich lasse fast die Wasserflasche fallen. Nicht, dass ich meinem Mann nicht zutraue, ein Zelt allein aufzubauen, aber im Moment hat er nur einen Arm. Also der ist jetzt nicht ab oder so, aber er hat sich wenige Tage vor unserer Abreise auf einer paradiesischen Trekkingtour mit Rucksack in Wyoming den Ellbogen gebrochen. Kurz haben wir überlegt, ob wir unseren Campingtrip nach Kanada abblasen sollen. Aber dann doch nicht. You only live once – in unserem Falle sehr wörtlich, denn wie ihr vielleicht wisst, hat mein Männe Stage 4 Cancer. Was ist da schon ein gebrochener Arm gegen. Eben. Nix. Und mit dem ungebrochenen Arm hat er jetzt wohl mal eben alleine das Zelt aufgebaut.
Nachdem wir auf unserem Trip zuerst durch den Waterton Lakes Nationalpark gekommen sind, hat uns unser Weg jetzt zum ersten Nationalpark in Kanadas Geschichte geführt – Banff. Auf den gesamten drei Wochen unserer Tour zelten wir. Genau wie in den USA gibt es auch in Kanada in fast allen Nationalparks super Campingplätze. Dieser ist sogar besonders super, denn er hat Eichhörnchen. Neben uns fällt schon wieder ein Tannenzapfen auf den Boden.

Unsere Ansage für Banff ist nicht überraschend: wandern! Mit einer Faltkarte bewaffnet ziehen wir los und steigen hinauf zum Stanley Gletscher. Nach einigen Kilometern durch die nie endenden Wälder stehen wir plötzlich vor einer Felswand. Senkrecht und abgeschnitten wie ein grauer Block Käse. Im Vergleich zu der massiven Wand sind wir etwa so groß wie ein Grashüpfer. Allerdings können Grashüpfer das Dreißigfache ihrer Körpergröße springen, und wir nicht. Schon gar nicht mit einem Arm. Ehrfürchtig wandern wir am Fuß des Bergmassivs entlang. Alles hier ist riesig, endlos, irgendwie nicht real. Über eine Bergklippe in der Ferne stürzt ein fetter, weißer Wasserfall. Schmelzwasser vom Stanley Gletscher. Er stürzt und stürzt. Ich schaue und schaue. Gänsehaut.
Am nächsten Tag wollen wir zu kalten Quellen laufen, deren Wasser wie Tinte aussehen soll. Als Erstes führt der Weg allerdings durch etwas ziemlich Heißes: die Touristenhölle. Auf dem Weg durch den Johnston Canyon schieben wir uns mit hundert anderen Menschen über enge Steige hoch über dem Fluss. „This is like a Klamm“, sagt mein Mann. Mit einer deutschen Frau lernt man halt unheimlich wichtige Informationen. Was eine Klamm ist, warum man in Deutschland jeden Tag lüftet und dass die Namen von Behörden immer mindestens 87 Buchstaben haben, außer man will ins Bürgerbüro und dann hat das zwei Ü.

Der Johnston Canyon ist tatsächlich wie eine Klamm. Stufen, Leitern und Brücken führen über die tiefe, felsige Schlucht. Den ersten Wasserfall sparen wir uns komplett, weil sich die Menschen dort in Schlangen stapeln, nur um ein Selfie zu schießen. Der zweite Wasserfall liegt höher und ist schon ruhiger, doch richtig still wird es erst dahinter, auf dem Pfad zu den kalten Quellen.
Lange laufen wir durch Wald, immer wieder hoch und runter. Meine Füße fangen an, etwas wehzutun, als sich eine Lichtung auftut, die fast den gleichen Effekt auf mich hat wie ein Eichhörnchen – ich halte den Atem an. Rund um einen türkisen Gletscherfluss ballen sich gelbliche Herbstbüsche, daneben fünf Tümpel in fünf verschiedenen Blau- und Grüntönen und wieder diese Bergkulisse mit dem schrägstehenden, hellgrauen Gebirge, das vor Millionen Jahren einmal der ebene Grund eines Meeres war. Halleluja, bäm Banff!

Vom Banff Nationalpark zum Jasper Nationalpark sind es nur 300 Kilometer, die Fahrt sollte man ja drei bis vier Stunden erledigt haben, denke ich. Haahaha. Als wir auf dem Weg sind, geht mir auf, dass wir auf diesem Icefields Parkway sind, von dem uns schon mehrere Leute als „eine der schönsten Straßen der Welt“ vorgeschwärmt haben. Ich dachte mir, naja, heutzutage ist alles immer gleich das „schönste Gedönsmeier der Welt“ – sowas stumpft ab. Doch während wir so fahren, fallen mir immer weniger Gegenargumente ein. Berge, Berge, Berge. In allen verrückten Formen und Größen, eine Straße, die bis zum Horizont reicht, Serpentinen auf einen Pass, ein donnernder Gletscherfluss, so viele Bergseen, dass ich irgendwann aufhöre, zu zählen, Wälder, unfassbar ewige Teppiche aus Tannen und nicht zu vergessen: das Columbia Icefield – der größte Gletscher in den nordamerikanischen Rocky Mountains.
Als wir aussteigen und zum Ausläufer des Gletschers wandern, sehe ich diese Schilder. Diese Schilder, die ich nicht so schnell vergessen werde. Jahrestafeln, die zeigen, wo der Gletscher einst gewesen ist, bevor es immer wärmer wurde. Als wir bei meinem Geburtsjahr, 1991, ankommen, ist der Gletscher so weit weg, dass wir ihn nicht mal sehen können. Das ist einfach mal nur fucking 34 Jahre her und in meiner Lebenszeit passiert. Fünf Meter verliert der Gletscher jedes Jahr. Ohne Gletscher keine Flüsse und Bergseen, kein Wasser für Tiere und Menschen – dann ist Bäm-Banff auf einmal gar nicht mehr so bäm. Um Dinge zu verstehen, müssen wir sie manchmal spüren, statt nur über Informationen in den Medien zu streiten.
Am Ende sind wir fast neun Stunden auf dem Icefields Parkway unterwegs und haben nur winzige Einblicke bekommen – nächstes Mal bleiben wir gleich mehrere Tage, denn Campingplätze gibt’s entlang des Highways auch.

Jetzt Jasper. Ich mag Alliterationen. Für mich nicht ganz so spektakulär wie Banff, aber ruhiger. Im Jahr 2024 hat im Nationalpark der Jasper Wildfire Complex gewütet und 23.500 Hektar Fläche verbrannt – der schlimmste Waldbrand hier in mehr als einem Jahrhundert. Könnte jetzt was mit der gleichen Wärme und Trockenheit zutun haben, die das Columbia Icefield zerstört, aber ist nur ’ne ganz verrückte Vermutung. Jedenfalls sehen die verbrannten Baumstämme aus wie gruselige, schwarze Zahnstocher, die sich über Kilometer in die Landschaft fressen. Feuer ist ein Thema, das uns dann auch ganz aktuell auf diesem Campingtrip einholt. Während wir am ersten Tag noch durch unverbrannte Teile eines wunderschönen Urwaldes laufen, ist die Luft am zweiten Tag auf einmal diesig. Am dritten Tag ist es dann ganz vorbei – alle Berge sind hinter einer Nebelwand verschwunden, die Luftqualität ist als „gefährlich“ eingestuft und wir sitzen unter eine Glocke aus braunem Rauch. Westkanada brennt mal wieder. Dieses Mal nicht genau hier im Jasper Nationalpark, aber auf riesigen Flächen außerhalb.

Schließen Sie Fenster und Türen, üben Sie keinen Sport im Freien aus. Lustig. Ich schaue unser Zelt mit den ach-so-vielen Fenstern und Türen an und dann auf die sportliche Wanderkarte. Der Rauch ist so dicht in der Atmosphäre, dass die Sonne nur als orangener Taler am Himmel steht – um zwölf Uhr mittags sieht es aus wie Sonnenuntergang. Normalweise wären es 25 Grad heute, doch durch die Blockade des Sonnenlichts sind es auf einmal nur 12 Grad. In Jacken gehüllt fahren wir ins Dorf, dem einzigen Ort mit Handysignal, und beginnen, alle Pläne für den Rest unserer Tour umzuwerfen. Irgendwo in einer Doku über Vulkane habe ich mal den Begriff „nuklearer Winter“ gehört – auf einmal scheint er so nah und real.
Am nächsten Tag packen wir und versuchen, der Rauchwolke Richtung Süden davonzufahren. Ob uns das gelingt und was da auf uns gewartet hat, erfahrt ihr im zweiten Teil des Reiseberichts über unseren Campingtrip durch Kanada – bald.
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SquirrelSarah (Dienstag, 02 Dezember 2025 23:31)
Hey Karen,
dankeschöööön! Freue mich so, dass du hier bist! :) Genau so ist es. Was wir alles verpasst hätten, wenn wir auf so manchen Rat gehört hätten ("Macht das lieber nicht, das ist gefährlich, Rand soll sich lieber ins Bett legen..."). Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Gesundheit/Genesung im direkten Zusammenhang mit Aktivität und Natur stehen. Natürlich gibt es auch Momente, in denen zu viel schaden kann - aber allgemein sollte man nach einem Vorfall/Unfall/Diagnose versuche, auf die Beine zu kommen und weiterzumachen. Sonst gibt der Körper auf, dann versackt man ganz und bleibt oft auch krank und bettlägerig oder wird sogar depressiv. Ich finde es total super, dass du auch wieder losgekubelt bist. Du hast geübt, du hast gewollt. Das ist Gold wert. Mach weiter so. Wünsche dir ganz viel Gesundheit und weitere tolle Erlebnisse!
Sarah
Karen (Dienstag, 02 Dezember 2025 22:47)
Hi Sarah and Rand,
wieder traumhafte Bilder und ein spannend geschriebener Artikel!
Ihr seid nicht auf der Couch sitzen geblieben, was hättet ihr versäumt! Nicht mal Rands gebrochener Ellbogen hielt euch ab vom Campen, richtig so. Ich bin 2022 gleich nach einem gebrochenen Sprunggelenk auf mein Reiserad und durch Mexiko und die Balkanländer zurück nach Deutschland gekurbelt. OP, sechs Wochen Bein still gehalten, laufen geübt und los. Radeln war die beste Therapie. In der atemberaubenden Natur heilt Rands Ellbogen garantiert sehr schnell. Ich bewundere euch und grüße von der Ostsee, Karen
SquirrelSarah (Dienstag, 02 Dezember 2025 22:45)
Hallo Christian,
vielen Dank, das freut mich. :)
Und das ist eine schöne Idee, aber leider in der heutigen Zeit dank Social-Media-Bilderflut und KI nicht mehr gefragt, bzw. es gibt schon zig Bildbände und Kalender, insbesondere über Kanada. Liebe Grüße
Sarah
Christian Frischholz (Dienstag, 02 Dezember 2025 11:57)
Hallo Sarah ...
sehr schöner Blog und sehr schöne Bilder ...
Daraus würde ich einen Bildband, ein Buch oder einen Kalender machen ...
Wer kommt schon an diese Orte einfach mal so hin ...
Viele Grüße
Christian Frischholz