
Was ist denn das hier?!“, rufe ich und halte ein Blatt hoch, das grün-weiß gepunktet und ganz pelzig ist. Ich kann nicht mehr. 150 Quadratmeter Garten, grüner Dschungel, ich hab überhaupt keine Ahnung, ich kenn nur Gänseblümchen. Und jetzt gehört das alles plötzlich mir. Ich will weglaufen, stochere sinnlos mit dem Rechen im Steingarten herum und kaufe drei Blumen im Baumarkt, weil sie so schön rot sind.
Vor zwei Jahren habe ich das Haus und den Garten meines fast 100-jährigen Opas geerbt. Der Garten war immer sein Heiligtum – und auch das Einzige, was er am Ende körperlich noch erreicht und geschafft hat. Seine Vorstellungen dazu: picobello, kein Unkraut, was sollen die Nachbarn sagen, ich hab da diesen tollen exotischen Strauch aus Japan gepflanzt! Ich hab mich rausgehalten und stehe jetzt mittendrin. Planlos, überwältigt. Dann bekomme ich auf einmal Nachrichten von meiner besten Freundin aus Hamburg…
Sie würde jetzt einen Naturgarten anlegen. Heimische Pflanzen und so. Wegen Insektensterben, bedrohten Igeln und Klimawandel. Hmm…! Themen, mit denen auch ich mich stark identifiziere. Was also, wenn dieser Garten kein lästiger, grüner Dschungel aus mir unbekannten exotischen Sträuchern ist, sondern eine Chance? Eine Chance, etwas zu tun, was keine einzige Regierung auf der Welt wirklich geschissen bekommt: etwas für uns Menschen zu tun. Für dich und mich und Tante Frieda nebenan. Nicht für Milliardäre, Mogule und Lobbyisten. Sei die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt, runtergebrochen auf Gänseblümchen. Plötzlich hab ich richtig Bock. Ich fange an. Ganz am Anfang. Naturgarten für Anfänger.
Das ist jetzt ein Jahr her – und ich stehe vor einem bunten, wilden Paradies voller Leben. Wir haben Specht-Babys, Bachstelzen-Nachwuchs, manchmal sind zwanzig Schmetterlinge auf einmal da, Wildbienen, Molche,… eine Transformation – lass dich inspirieren!

Der Rasen ist tot. Sechs Wochen kein Regen. Alles braun. Es ist vor ungefähr fünf Jahren, mein Opa ist Mitte neunzig, ich bin in den USA bei meinem Mann, und mein Papa schickt mir ernüchternde Nachrichten aus Deutschland. 80 Prozent des Gartens sind damals ratzekurz gemähte Wiese. Das ist immer schon so gewesen. Da hab ich als Kind schon Fußball mit meinen Großeltern gespielt. Früher, als heiße, trockene Tage noch ein echtes Event waren und keine sommerliche Veranstaltungsreihe. Früher hatten meine Großeltern neben dem Rasen auch viele Blumen. Dann ist meine Oma 2013 gestorben und mein Opa wurde immer älter. „Ich möchte es einfach und grün halten“, hatte er mehrfach (verständlicherweise) gesagt, sich aber nichts sagen oder helfen lassen. Der Garten – sein Reich.
Im Frühjahr nach seinem Tod stehen mein Mann und ich vor einem Dickicht aus Efeu, das jeglichen Raum um den Ratzeputze-Rasen eingenommen hat. Ein bisschen Kirschlorbeer, zwei japanische Bäume, die ausufernd sprießen. Und der alte Apfelbaum mit dem flauschigen Moos auf den knorrigen Ästen. Vor lauter Verzweiflung und Unwissen rufen wir einen Gärtner. Der schneidet die Hecke, pflanzt ein paar Blümchen aus Vorderasien und Hinterspanien und schickt eine Rechnung, die so saftig ist, wie der Rasen schon lange nicht mehr war. Ich weiß nicht viel, aber ich weiß: Das ist scheiße.
Als meine beste Freundin zum ersten Mal von einem Naturgarten spricht, denke ich, sie hat wieder eine ihrer Öko-Ideen. Zuckerfrei leben und so. Dann google ich. Hmmm…! Ein Naturgarten ist ein Garten, der in Deutschland heimischen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum gibt – durch den Einsatz regionaler Materialien und unter Verzicht auf chemisch-synthetische Dünger und Pestizide. Er fördert aktiv Artenvielfalt und Naturschutz, selbst wenn man nur eine ganz kleine Fläche zur Verfügung hat.
Schon seit einer Weile fühle ich mich von der Weltpolitik gelähmt. Krieg hier, Extremisten da, Hass, Zerstörung, Hunger, Hitze, Tod. Und jetzt ist hier was, das ich tun kann. Nicht irgendwo im Iran oder in Berlin, wo ich eh nichts ausrichten kann, sondern hier, bei mir, in meiner Nachbarschaft. Da, wo es zählt. Geil!

Den Einstieg ins Thema finde ich über zwei kostenlose Apps/Webseiten (keine Werbung, einfach reine Überzeugung): Flora Incognita – damit bestimmt man ganz schnell per Foto recht zuverlässig eine Pflanze, und NaturaDB – dort kann man sich Pflanzen nach Standort (schattig/sonnig), Eigenart (Nutzgarten, Naturgarten, Balkon…), Blühzeit und Superkräften (insektenfreundlich, Sichtschutz, essbar,…) sortieren lassen. Zuerst scanne ich einmal alle Pflanzen im Garten ab. Selbst als kompletter Weißkohl habe ich danach eine Ahnung, was da wächst und ob es heimisch oder eingewandert (ein Neophyt) ist. Für die Feststellung, dass eine deutsche Wildbiene mehr Nahrung auf einer in Deutschland heimischen Pflanze findet, als in einer südamerikansichien Zierblume, braucht es kein Studium in Raketenphysik. Wir beginnen, die Neophyten zu entfernen. Dann bestelle ich je nach Standort heimische Stauden – mehrjährige, winterharte Pflanzen. Dabei achte ich vor allem darauf, dass sie mit Trockenheit und Hitze klarkommen, denn die werden in den nächsten Jahren kommen. Da könnte man glatt Gift drauf nehmen, aber ich hab sämtliches Gift zum Wertstoffhof gegeben.
Je mehr ich mich einlese, desto mehr macht alles Sinn. Ich beginne, auf Social Media und Youtube Menschen zu folgen, die Tipps für Naturgärten geben – teils unglaublich unterhaltsam. Wen ich empfehlen kann? Unter anderem Ralf Becker von mein-naturgarten.de, Tela von waldmaedchen.blog und Steffi von mein_schoener_eifel_garten. Nein, man muss nicht Biologie studiert haben oder stundenlang Bücher lesen – Naturgarten lebt man, da wächst man rein. Etwas, das ich jeden Monat mehr erfahre.

Inzwischen ist es über ein Jahr her, dass ich vor dem Efeu-Totrasen-Dschungel stand. Der Rasen ist inzwischen eine no-mow („nicht mähen) Fläche geworden, durch die ich mit dem Mäher nur einige schmale Laufpfade getrimmt habe. Als es in Deutschland eine ganze Woche bis zu 40 Grad heiß wird, messe ich in meiner gepflasterten Einfahrt auf dem Boden 46 Grad, auf den gemähten Pfaden 42 Grad und in der etwa 30 Zentimeter hoch stehenden Wildwiese 26 Grad (!) - siehe Fotos unten. Neben meinen gepflanzten Stauden haben sich wie von selbst weitere heimische Pflanzen angesiedelt. Brennnesseln, an denen die Larven des Tagpfauenauges heranwachsen, Disteln, die seltene Wildbienen anziehen, Löwenzahn, der etwas überhandnimmt, weshalb ich aus den Blättern einen geilen Salat mache, Habichtskraut, Kamille,… Pflanzen, die jahrelang mit Chemie und Bürstenschnitt aus diesem Garten herausgehalten wurden, aber eigentlich hier leben würden, wenn wir Menschen nicht alles wegjähten oder mit diesen schauderhaften Schottergärten zuballern würden (die übrigens im Sommer wie ein Backofen vorm Wohnzimmerfenster wirken, yolo).
Pflanzen, die nicht nur fast alle essbar und zigfach gesünder als jeder totgezüchtete Feldsalat beim Edeka sind, sondern auch Heilqualitäten haben, die wir zwischen Ratiopharm und genetisch verändertem, KI-generierten Müll längst vergessen haben. Wie stumpf ist es, dass wir unsere in Deutschland heimischen, unfassbar notwendigen und nützlichen Pflanzen größtenteils als „Unkraut“ deklariert haben, um mit einer japanischen Zierpflanze im Schottergarten dem Nachbarn zu beweisen, dass wir noch ordentlicher sind als er Deutsch ist?! Wie konnten wir all das Wissen, was unsere Großeltern ganz selbstverständlich besaßen, innerhalb von nur anderthalb Generationen komplett wegwerfen? Sind wir wirklich so blöd oder tun wir nur so?

Vielleicht sind wir nicht blöd, sondern nur blind und ahnungslos geworden. So ahnungslos, wie ich einst vor meinem Garten stand, in dem ich heute jede Pflanze und jeden Vogel kenne. Nicht, weil ich mir krass Wissen eingeprügelt habe wie auf der Schulbank, sondern weil ich mich auf etwas eingelassen habe, was ich noch nicht kannte. Weil die Neugier auf einmal ganz von selbst kam. Das erste Erfolgserlebnis, als im hohen Gras eine Grille zirpte, wo sonst alles still war. Hab ich Fehler gemacht? Absolut. Eine Pflanze ist mir am falschen Standort vertrocknet, eine andere hat angefangen, alles komplett zu überwuchern. Was lernen wir daraus? Dass wir lernen können. Dass nichts perfekt sein muss, aber dass Nichtstun immer die schlechteste Entscheidung von allen ist.
Vielleicht ist dieser Beitrag auch für dich ein Anfang. Als Naturgarten-Anfänger.
Ps: Das grün-weiß gepunktete und pelzige Blatt gehörte zum Lungenkraut, das bei Atemwegsbeschwerde als Tee helfen kann (klinisch nicht eindeutig belegt).
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