Muss ich jetzt nicht haben – Warum wenig Besitz mehr ist.

25. Mai 2024

Warum wenig Besitz mehr ist, Sarah Bauer, Gedanken, Motivation, Minimalismus, Aufräumen
Die Leichtigkeit von wenig Besitz und vielen Erinnerungen

Ich stehe am Flughafen, als eine Wand aus Prötteln auf mich zugerollt kommt wie ein Sandsturm im Monument Valley. Ich schiebe meinen Rucksack mit dem Fuß beiseite, nippe an meiner Wasserflasche und mache die Augen zu. Als ich sie wieder aufmache, sind die beiden voll beladenen Gepäckwagen links und rechts an mir vorbeigerollt. Ihre Besitzer schieben sie, sich gegenseitig anmuffelnd, weiter den Gang hinunter, bis einer der Koffer krachend vom Stapel herunterfällt und das Anmuffeln signifikant lauter wird. „Meine Güte“, sage ich halblaut und schrullig. „Was haben die denn alles dabei?“

 

Eine Frage, die wir uns ruhig öfter stellen können. Was haben wir eigentlich alles dabei? In der Wohnung, im Auto, auf der Arbeit, im Urlaub, im Leben. Was steht alles effektiv nur sinnlos herum? Aus Gewohnheit. Oder weil wir zu faul sind, mal aufzuräumen, mal ehrlich zu uns zu sein und es wegzugeben. Vielleicht auch, weil es uns schwerfällt, etwas loszulassen. Weil wir nicht Nein sagen konnten, als es uns im Laden oder online angelacht hat. Weil wir doch einfach so viel haben können – also why not?

 

Genau um das „why not“ geht es in diesem Gedankentext. Warum wir nicht alles haben müssen. Wie es uns erleichtern kann, etwas nicht (mehr) zu haben. Warum wenig Besitz mehr sein kann.

„Das brauche ich alles – irgendwann mal!“

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Alles in tausender Ausführung und im Überfluss / (c) Andre Tirtodipoero

Absoluter Klassiker: Jemand konfrontiert einen mit Oberlehrerstirnfalte und Finanzministerstimme: „Wozu brauchst du das denn?“ Die Antwort ist glasklar, der Verteidigungsmodus läuft heiß: „Ich brauche das halt!“ Kleine Pause. „Ganz bestimmt irgendwann. Dann ist es nützlich. Du wirst schon sehen!“

 

Wahrscheinlich haben wir alle diese Gegenstände zu Hause, die günstig im Angebot waren, im Schaufenster hübsch präsentiert lagen, die wir in der Werbung, in einem Video, auf Instagram oder bei den Nachbarn gesehen haben. Die uns irgendwie zugeflüstert haben: „Wär schon cool, wenn du das auch hättest, oder?“

 

Das Problem ist, dass uns in solchen Momenten eine gewisse Euphorie überwältigt. Wir haben das Gefühl, uns eine Veränderung zu erkaufen, eine Belohnung abzuholen, etwas zu erneuern und irgendwie „mehr“ und „besser“ zu machen. Selten fragen wir uns, ob wir den Gegenstand wirklich benötigen. Oft kaufen wir etwas, weil es uns kurzzeitig ein gutes Gefühl gibt und nicht, weil wir es langfristig tatsächllich brauchen. Ein gutes Gefühl, das leider schnell wieder abebbt, weil der neue Gegenstand zum neuen Normalzustand wird. Die Glücksforschung beschreibt „menschliche Gewohnheit“ als einen der größten Killer bei der langfristigen Freude über einen Einkauf. Sie sagt auch: Erlebnisse und Erinnerungen an bestimmte Momente machen langanhaltender glücklich als Gegenstände.

 

Dem kann ich nur rundheraus zustimmen. Wenn ich zum Beispiel an den ersten Italientrip mit meiner besten Freundin im Jahr 2010 denke, muss ich sofort prusten und lachen, an Insider und epic fails denken. Ich will sie anrufen und schreien: „Alter, weißt du noch…?“ Wenn ich an die Jacke denke, auf deren Lieferung ich neulich so hingefiebert habe, denke ich: „Stimmt, die ist schon echt schön“, während ich sie anziehe, zum Auto renne und meine Gedanken an sie verflogen sind, bevor ich den Motor starte.

Unser Überfluss – was einen das Reisen lehrt

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Häuser am Straßenrand in Nepal - so leben Menschen anderswo

Nein, ich möchte keine Sonntagspredigt über den Überfluss in der westlichen Welt schwingen. Ich möchte nur sagen, dass ich Menschen in Wellblechhütten, infizierte Hunde und Katzen in Abwassergräben, Seen mit mehr Plastikmüll als Wasser und Orangenverkäufer in brennender Sonne an Abgas-Dreckstraßen nicht nur aus Dokumentationen kenne, sondern auf meinen Reisen in echt gesehen habe. Wer denkt, es wäre kein Unterschied, ob man etwas auf dem Display oder in der Realität sieht: Doch, ein Bildschirm kann eine emotionale Wand hochziehen und Armut ist nur halb so erschreckend, wenn man dabei satt zu Hause im Sessel sitzt, statt sie zu riechen, zu hören und zu berühren.

 

Wir haben uns von der Not vieler Menschen distanziert. Menschen, die genauso gleichwertige Menschen sind wie du und ich; Menschen, die wir auch hätten sein können, wenn wir zufällig in einem anderen Land geboren worden wären. Und ja, wir brauchen diese emotionale Distanz auch, um nicht verrückt zu werden. Das ist so, wie wir mit Verlust und Trauer leben – in Häppchen, sonst dreht man durch. Daran ist nichts Schlimmes.

 

Schlimm wird es nur, wenn wir es ganz vergessen; wenn wir uns einschließen in unserer Bubble. Wenn wir den Überfluss in unseren Regalen gar nicht mehr wahrnehmen. Wollen wir Terrassenschrauben, Möbelschrauben oder Verlegeschrauben? Gelbe, rote oder grüne Paprika? Frag das mal jemanden, dessen Haustür aus Tetrapak-Müll zusammengeklebt ist und der an einem Apfel aus dem Hotel-Mülleimer nagt. Niemand muss deshalb Abbitte leisten, aber ich fände es schön, wenn es wieder mehr Bewusstsein für das gäbe, was wir trotz unserer ganz eigenen Probleme alles haben.

Nichts nimmt man am Ende mit

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Ich vor den leeren Regalen in der Wohnung meines Opas - macht nachdenklich

Im Dezember ist mein Opa gestorben. Er war fast 100 Jahre alt. Erst kam der Schock darüber, dass es ihm plötzlich schlecht ging; dann der Schock darüber, dass er tatsächlich nicht mehr da ist; dann der Schock über die ganzen Gegenstände, die auf einmal leblos und herrenlos in der Wohnung, in der Garage, im Keller und auf dem Dachboden standen.

 

Vasen aus Kreta, die er gesammelt hat, die aber keiner von uns wirklich haben will. Zehn Jacken, dreimal ein fast identisches Paar Schuhe, zig Lesebrillen. Tonnen von Büchern, die mein Vater staubig findet und deren Thema mich leider überhaupt nicht interessiert. Eine kaputte Waschmaschine. Alte Briefe von einer längst aufgelösten Versicherung aus dem Jahr 2004.

 

Nicht nur einmal stehe ich verzweifelt vor den ganzen Dingen und fühle mich so, als würde ich ein ganzes Leben aussortieren. Wir behalten nur wenig. Wir haben unsere eigenen Leben, Hobbys und Geschmäcker.

Nichts von dem, was wir besitzen, können wir am Ende unseres Lebens mitnehmen. Im besten Fall hat es uns zu Lebzeiten Freude bereitet, im schlechtesten Fall ist es mit Lasten und Kosten für die Angehörigen verbunden. Es ist ein Moment von vielen in meinem Leben, in dem mir Besitz so sinnlos vorkommt.

Das Haufenprinzip und das leichte Gefühl

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Dinge abgeben und aufräumen - ein erleichterndes Gefühl

Ich habe in meiner Wohnung vor vielen Jahren grundausgemistet. Radikal und ehrlich – nach dem Haufenprinzip.

 

Haufen 1: Dinge, die ich wirklich brauche und die einen unwiederbringlichen, persönlichen Wert haben (Fotoalben, erstes Stofftier, Kochtopf, Unterwäsche,…).

Haufen 2: Dinge, die ich selten brauche und denen ich eine dreimonatige Bewährungsfrist gebe, um zu testen, wie oft ich sie wirklich benutze.

Haufen 3: Dinge, die ich ganz selten oder nie benutze, die aber noch so gut sind, dass ich sie verkaufen oder verschenken will.

Haufen 4: Dinge, die ich selten oder nie benutze, die alt oder kaputt sind und leider weggeworfen werden müssen.

 

Ich versuche, Haufen 1 und 4 so klein wie möglich zu halten (mir blutet halt das Herz, wenn ich die brennenden Müll-Lawinen auf der Welt sehe, deren Rauch wir von unseren Ländern aus nicht sehen können; aber ich weiß, sie sind da). Wichtig ist aber nicht nur das Ausmisten, sondern auch, dass man sich bei jedem neuen Einkauf einfach mal ehrlich fragt: echt jetzt? Brauche ich das wirklich?

Fängt man einmal damit an, merkt man, dass nicht nur ein Kauf, sondern auch ein Nicht-Kauf Glücksgefühle auslösen kann. Weil man nicht nachgegeben, sondern nachgedacht hat. Jeder bewusste Kauf ist dafür umso schöner.

 

Je weniger ich um mich herum habe, desto freier fühle ich mich. Selbstbestimmter, unbelasteter. Ballast loswerden und selbstkritisch über Überfluss, Besitz und das eigene Ende nachdenken, ist nicht immer leicht. Aber wenn man es schafft, kann es einen räumlich und mental nicht nur erleichtern, sondern sogar bereichern.

 

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