Über den Tod reden – und wie uns das hilft, endlich loszuleben.

23. September 2022

Trigger-Warnung: In diesem Artikel geht es um das Thema Tod. Bei manchen Menschen kann das negative Reaktionen und Gefühle auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

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Nichts ist unendlich, aber wir haben so viele Möglichkeiten vor dem Ende

Terri und ich sitzen gerade mal fünf Minuten in dem kleinen Café am Panama Hotel in Seattle. Wir kennen uns bisher nur über Instagram und treffen uns zum ersten Mal in echt.

„… und deshalb finde ich es gut, dass das heute geklappt hat. Mein Onkel war erst 62 als er an Krebs gestorben ist. Zeit ist so wertvoll“, sage ich, während der Kellner unsere Getränke auf dem massiven, kastanienbraunen Tisch abstellt.

„Oh Gott, Sarah, wir haben uns kaum hingesetzt und schon reden wir über den Tod“, wirft Terri ein wenig erschrocken ein.

 

Es tut mir leid, möchte ich sagen. Doch das stimmt nicht. Für mich ist der Tod aus vielen Gründen ein so normales Thema geworden, dass er immer wieder in meinen Gedanken oder Gesprächen auftaucht. Er ist das Einzige, was uns alle gleich machen wird. Egal, ob wir reich oder arm, gut oder gemein, fleißig oder faul, gesund oder krank waren. Wir können ihm nicht entkommen, also warum versuchen wir, gedanklich vor ihm wegzulaufen? Scheiße wird nicht weniger beschissen, weil wir nicht über sie reden. Im Gegenteil: Wenn wir uns ihr erst einmal bewusst werden, können wir viel mehr steuern, wie wir ihr begegnen und welche Möglichkeiten wir vorher noch haben.

Also lass uns über den Tod reden!

Warum reden wir nicht gern über den Tod?

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Wenn das Leben einfach aufhört, gehen wir den Weg doch bewusster

Warum reden wir so ungern über den Tod? Was das für eine Frage ist? Ich finde, eine gute! Die erste Antwort ist oft: Niemand denkt gern über das Ende nach.

Aber warum eigentlich? Nun, vielleicht weil wir Angst vor Krankheiten und Schmerzen haben. Vor dem, was danach kommt oder auch nicht kommt. Davor, wie es unseren Lieben ohne uns gehen wird. Oder schlicht, weil wir bereits jemanden verloren haben und uns das Thema sehr belastet. Ich hebe selbst mal bei allen Punkten die Hand.

Hinzu kommt der Gedanke, dass alles, was wir sind und geschaffen haben, mit unserem Tod einfach aufhört. Sicher leben für manche von uns noch Kinder und Enkel weiter. Aber spätestens für unsere Ur-Enkel sind wir nur noch verblasste Fotos in einem Rahmen, über die es zwei oder drei legendäre Geschichten gibt, die immer falsch erzählt werden.

 

Puh. Gibt es etwas Bedrückenderes? Ich finde, ja! Und zwar, dass wir zu spät merken, wie spät es schon ist und uns zu spät an das erinnern, was wir einmal machen wollten, sagen sollten, hätten tun und verändern können.

Sich die menschliche Vergänglichkeit klarzumachen, ist erstmal nichts Schönes. Es ist ein Tabu und mit Schrecken belegt. Doch sich bewusst zu machen, dass das Leben endlich ist, gibt uns die Möglichkeit, bewusster zu leben. Machen wir nicht am letzten Urlaubstag noch mal etwas ganz Besonderes, um die Reise richtig auszukosten? Gehen wir nicht am letzten warmen Tag des Jahres noch mal schnell raus? Besuchen wir nicht noch mal fix die Freundin, die demnächst wegzieht? Weil wir wissen, dass es bald vorbei ist. Ein Gedanke, der uns nicht nur belasten, sondern offenbar auch antreiben kann.

Wenn wir öfter über den Tod reden und ihn dadurch mit Vorsatz und weniger Schrecken wahrnehmen, können wir weniger Zeit in die Angst vor ihm und mehr Zeit in die Pläne für das Leben vor dem Tod stecken.

„Wollen wir doch mal sehen, wie schön das Leben vor dir ist!“

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Wenn Meschen zu Sternen werden

Ich bin erst Anfang 30 und doch hat mich der Tod schon so oft berührt. 2013 ist meine Oma total überraschend von einem Tag auf den anderen an einem Schlaganfall gestorben, 2019 mein Onkel mit nur 62 Jahren an Krebs, in 2020 ein Freund aus den USA mit Ende 50, auch Krebs, und in diesem Frühjahr ein ehemaliger Bekannter mit 46 Jahren an einem Herzinfarkt. Ich bin außerdem in einer Beziehung mit einem großen Altersunterschied und weiß, dass unsere Zeit rein statistisch noch weniger endlos ist als die von Paaren, wo beide Partner erst 30 sind.

 

Nicht über den Tod nachzudenken, ist unmöglich für mich. Er ist einfach präsent. In meiner Vergangenheit, in meiner Zukunft. Meine Alternativen: Mich in einem dunklen Loch verstecken oder mein Laserschwert ziehen und sagen: „So, Tod, wollen wir doch mal sehen, wie schön das Leben vor dir und trotz dir sein kann.“

Ein Satz, der manchmal unendlich viel Energie kostet. Der nicht an jedem Tag gleich gut klappt. Und doch essenziell für mich und meine Lebensfreude ist.

Losleben und loslassen

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Alte Geschichten von meinem Opa hören - immer richtig schön

Letzten Samstag hat mein Opa mir Geschichten von Campingtrips mit meiner Oma in den Sechzigerjahren erzählt. Das große Foto von meiner Oma hängt noch immer über seiner Couch im Wohnzimmer. Darauf lächelt sie verschmitzt. Als mein Opa mir von einem besonders lustigen Missgeschick bei einem verregneten Zelt-Urlaub in Bayern erzählt, lachen wir laut und schauen gleichzeitig das Foto meiner Oma an der Wand an. Für einen Moment verschwimmt ihr Gesicht mit der Szene und wir lachen zu dritt. Das sind die Momente, in denen der Tod ganz klein erscheint und das Laserschwert besonders hell leuchtet.

 

Wenn wir über den Tod reden oder nachdenken – den von anderen und unseren eigenen dann sollten wir uns nicht auf die schweren Momente konzentrieren, sondern auf die wunderschönen Erinnerungen und Augenblicke, die wir bereits mit Menschen verbracht haben. Wir sollten nicht daran denken, wen wir verloren haben, sondern wen wir kennenlernen durften. Was uns diese Person hinterlassen und mitgegeben hat, was sie sich für uns wünschen würde und wie wir für sie weiterleben können.

Wir sollten unsere eigenen Tage bis zum Tod nicht mit Schrecken zählen, sondern sie als einen Raum sehen, den wir mit der Erfüllung von Träumen, dem Beginn von Veränderungen und dem Hinterlassen von guten Erinnerungen für andere füllen. Nichts ist unendlich – aber genau das macht unsere Möglichkeiten fast unendlich. Weil wir uns nicht mehr um ein düsteres Thema herumdrücken, sondern offen damit umgehen. Weil wir uns nicht mehr heimlich sorgen, sondern loslassen können wie am letzten Urlaubstag, einfach losleben, für andere mitleben, Erfahrungen sammeln wie Pralinen in einer Schachtel. Weil wir uns bewusst sind, dass es irgendwann zu Ende ist. Und alles, was wir haben, das Jetzt ist.

 

Mehr zu diesem Thema findet ihr auch in meinen Berichten:

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