
Es ist viertel vor drei in der Nacht als mein Handy-Alarm losgeht. Es ist mein ganz normaler Weckton, doch es fühlt sich an, als würde jemand „LAST CHRISTMAS!“ in mein Ohr schreien. Ich öffne meine Augen, die instantly brennen, und schalte die Nachttischlampe im Airbnb ein, die mich kurz erblinden lässt. Ich bin in Paris. Allein. Noch. Um 7 Uhr landet mein Vielleicht-bald-Freund aus den USA am Charles de Gaulle Flughafen und ich werde ihn dort überraschen. Ich habe ein beklopptes Plakat gebastelt und hatte den simplen Plan, gegen 5 Uhr mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof zu fahren und von dort mit dem Zug zum Flughafen.
„Meine Fresse, fünf Uhr!“, denke ich noch zaudernd am Abend zuvor. Das ist mitten in der Nacht! Dann checke ich die U-Bahn-Fahrpläne und sehe, dass die erste U-Bahn erst um 6 Uhr zum Hauptbahnhof lostuckert. Viel zu spät, um dann noch den Zug zu bekommen und pünktlich am Flughaufen zu sein. Ein Taxi kostet 50 Euro. Le Wucher! Also schicke ich meine Gehirnzellen ins gedankliche Trafohäuschen, bevor ein paar Sicherungen rausfliegen und ein seltsamer James-Bond-Plan steht.

Statt frustig mit einem französischen Wein zu versumpfen und die Überraschung in die Tonne zu treten, befrage ich die Google-Maps-Medusa.
Sie verrät mir, dass es zu Fuß 5,3 Kilometer und etwas über eine Stunde vom Airbnb zum Hauptbahnhof sind, wo ich dann um halb 6 direkt einen Zug zum Flughafen
nehmen kann. Ganz ohne blöde noch-nicht-fahrende U-Bahn.
Ich stelle meinen Wecker auf 4 Uhr. Dann sehe ich im Live-Flug-Tracker, dass mein Vielleicht-bald-Freund eine halbe Stunde zu früh landen wird und ich deshalb einen früheren Zug nehmen muss. Nach weiteren Recherchen stelle ich den Wecker schließlich auf viertel vor 3. Wenn schon bekloppt, dann richtig! Du lebst nur einmal – also liebe, lache und folge deinem Herzen. Auch durch die dunkle Nacht von Paris.
Als ich am Morgen im Bad in den Spiegel sehe, halluziniere ich kurz und glaube, dass ich mir selbst einen Vogel gezeigt habe. Dann packe ich mein Plakat, ein klebriges Stück Stuten, eine Wasserflasche, mein Handy, meinen Mantel und gehe los. Irgendwo läutet eine Kirchenglocke. Es ist Punkt drei Uhr.

Die Straßen sind in schmutzig-gelbes Licht getaucht. Alle Farben des Tages sind verschwunden. Nachts sind alle Katzen grau. Es ist totenstill. Kein Auto fährt. Und es ist ungeheuer warm für eine Nacht im Dezember. Ich starre auf die Route, die mein Handy für mich berechnet hat. Ich habe keine Ahnung, durch welche Viertel und Straßen ich laufen werde und es ist mir auch egal. Immer haben wir vor irgendwas Angst und Sorgen und dann machen wir es wieder nicht.
Ich mache das jetzt.
An einer Straßenecke stehen zwei Typen und unterhalten sich. Ich gehe kurz etwas schneller und spaziere dann an der menschenleeren Hauptstraße entlang, wo neonweiße Weihnachtsdeko stumm von den kahlen Bäumen baumelt. Obwohl ich genug Zeit habe, gehe ich zügig. Ich schiebe Panik, dass ich den Zug vielleicht doch nicht bekomme und ich die Überraschung verkacke. Nach einem Kilometer habe ich brennenden Durst und wühle ziellos in meinem Rucksack nach der Survival-Flasche. Ich beschließe, im Gehen zu trinken, um Zeit zu sparen und schütte mir die kalte Plörre geradewegs in den Mantel. Dann fluche ich und verschlucke mich deshalb laut. Das ist scheinbar meine unauffällige Art, „Hallooo, ich laufe hier!" zu rufen, damit der Axtmörder auch Bescheid weiß.

Allerdings ist niemand außer mir unterwegs. Und ich meine: niemand! Es ist verrückt. Paris. Eine der größten Städte Europas. 3:17 Uhr an einem Donnerstagmorgen und keine Sau ist wach! Ich höre Vögel zwitschern und Blätter rauschen. Vielleicht ist es auch bloß Müll, der knisternd in der Gegend rumfliegt. Denn die Gegend ist gerade alles andere als pittoresk. An einer roten Ampel bleibe ich sinnlos stehen und reiße mir den Schal vom Hals. Wie kann es nur so heiß sein? Ich bin froh, dass ich nicht noch mehr Klamotten angezogen habe. Dann wäre ich jetzt kurz davor, sie einfach wegzuschmeißen.
Irgendwann sehe ich einen Mann, der einige Meter vor mir die Straße hinabgeht. Als er sich umdreht und mich sieht, sagt er etwas Französisches, das ganz nett klingt. Leider verstehe ich nix, weil ich in der Schule Latein gewählt habe und der Kerl zufällig nicht Julius Caesar ist. Ich grinse dämlich und animiere ihn dadurch, noch mehr zu reden. Irgendwann gibt er auf und geht einfach weiter. Ich hatte jetzt irgendwie mehr Angst vor dem Französisch als vor dem Kerl.
Auf einmal rennt eine Katze über die Kreuzung. „Ooooh!“, sage ich spontan bewundernd in die Stille, bevor ich registriere, dass es eine ziemlich große Ratte ist. Danach führt mich die Route unter eine vollgesprayte Brücke, wo es herrlich nach Pisse riecht.

Nach weiteren drei Kilometern habe ich mir auch den Mantel vom Leib gerissen und mein Rucksack sieht - wegen der ganzen zerknüllten Klamotten darin - so aus, als wäre ich auf Polarexpedition. Ich laufe immer noch extrem schnell und schwitze wie ein Biber. Weil ich so schnell laufe. Und weil ich aufgeregt bin. Ich habe noch nie jemanden in dieser Art überrascht. Und ich habe noch nie vorher so eine bekloppte Story erfunden, um jemanden zu überraschen.
Ich habe meinem Vielleicht-bald-Freund nämlich erzählt, dass ich ihn leider nicht persönlich am Flughafen begrüßen kann, weil die U-Bahn noch nicht fährt (hey, das stimmt ja auch!), aber ihn der Vermieter von unserem Airbnb netterweise auf dem Rückweg von seiner Nachtschicht mit dem Auto abholen kann. Dazu habe ich erfunden, dass der Vermieter zufällig nur Deutsch und Französisch spricht, aber leider überhaupt kein Englisch, sodass mein amerikanischer Vielleicht-bald-Freund ihm bloß keine Fragen stellen kann. Und dass ich deshalb auch per WhatsApp die gesamte Kommunikation regeln werde und er sich um nichts kümmern braucht. Schließlich habe ich ihm noch das Bild des Ex-Freunds von meinem besten Freund geschickt, dessen deutscher Name Matthias ist. Mit dem Kommentar: „Das ist unser Vermieter Mathieu, der holt dich ab!“

Ich grinse über die Genialität dieses Plans während am Straßenrand die Silhouetten von drei leicht bekleideten Frauen auftauchen. Immer noch ist kein Auto zu sehen. Die geschlossenen Läden, Cafés und Büros starren mich mit dunklen Augen an. Auf einem Zebrastreifen kommt mir ein Typ mit goldener Halskette und glühendem Joint entgegen. Ich grüße freundlich und gehe unbeirrt weiter. Das ist meist das ganze Geheimnis, wenn ich alleine reise und zu seltsamen Zeiten an seltsamen Orten unterwegs bin: keine Panik, sondern lächeln und winken. Funktioniert seit etlichen Reise-Jahren und nach Trips in Städte wie New York, Chicago, Marseille, Tokio und Neapel immer noch ziemlich gut und ohne einen einzigen Zwischenfall.
Langsam nähere ich mich dem Hauptbahnhof. Natürlich einige Jahrhunderte zu früh. Auf einmal schießt ein Fahrrad an mir vorbei. Keine große Sache, denke ich. Allerdings taucht der Typ nach einigen Minuten erneut auf, um zu verschwinden und wieder aufzutauchen. Am liebsten wäre mir fast, er würde mir einfach (vergeblich) Marihuana anbieten und verschwinden. Ich habe keine Angst, finde es aber auch nicht wirklich lustig.

Schließlich betrete ich die hell erleuchtete Bahnhofshalle. Es ist kurz nach vier. Während sich hier tagsüber die Menschenmassen über den Haufen rennen, fährt jetzt nur eine einsame Kehrmaschine die leeren Gleise entlang. Geisterstadt Paris. Unglaublich.
Ich setze mich auf einen unbequemen Holzblock und werfe meinen letzten Pullover von mir. Gegen Paris im Dezember war die Mojave-Wüste ein Eisloch. Meine Augen brennen, mein Puls jagt und ich versuche kurz, mich zu beruhigen. Plötzlich kommt der Radfahrer durch die Halle. Das Gummi der Reifen quietscht auf dem blanken Boden. Ich schaue angestrengt weg und versuche, nicht an morbide Filme zu denken. Dann hole ich in aller Ruhe meinen Stuten aus dem Rucksack und fasse in eine glitschige Rosine. Eine halbe Minute später kleben meine Hände komplett. Ich habe außerdem überhaupt keinen Hunger auf den Scheiß und bin so geschwitzt, dass ich anfange, zu frieren. Um mich abzulenken, schicke ich meiner besten Freundin Sprachnachrichten und mache ein bescheuertes Video von mir. Für die Erinnerung.
Nachdem ich 40 Minuten mit Rumsitzen verbrannt habe, fährt endlich die erste Regionalbahn zum Flughafen. Fast 50 Minuten dauert die Fahrt. Dafür muss man ins Untergeschoss des Hauptbahnhofs Gare du Nord hinabsteigen und die RER B nehmen. Zum Glück ist alles sehr gut ausgeschildert. Auch für komische Menschen, die kein Wort Französisch sprechen.
Am Gleis sehe ich dann aber plötzlich, dass der erste Zug erst in einer Stunde fahren soll. Was ist das denn für eine Scheiße? Ein Typ, der ein bisschen aussieht wie eine Mischung aus Oscar Wilde und Hipster regt sich mit mir gemeinsam darüber auf. Er muss einen Flug bekommen. Ich muss meine Überraschung hinbekommen. Ich erkenne auf einen Blick, dass mein Problem das Wichtigere ist. Es kommen weitere Reisegäste, diskutieren und deuten auf die Anzeigetafel. Ich grinse wieder einmal grenzdebil und nicke, denn außer dem Oscar-Wilde-Hipster spricht niemand Englisch. Die Aufregung ist groß und die Stimmung gereizt.

Auf einmal taucht ein Reinigungstyp auf und winkt uns. Er erklärt irgendetwas und plötzlich rennen alle Richtung Rolltreppe. Oscar Wilde macht mir verständlich, dass der Zug heute woanders abfährt. Ich erwidere ein optimistisches „Äääähm“ und laufe blöde hinterher, während ich das Gefühl habe, dass meine Hände immer noch entsetzlich kleben wegen des beschissenen Stutens.
Tatsächlich steht die gewünschte Bahn auf einem anderen Gleis. Ich werfe mich auf einen freien Sitz im Waggon, setze meine Kopfhörer auf und beschalle mich mit Liedern, die mein Vielleicht-bald-Freund und ich gemeinsam auf unseren Roadtrips in den USA gehört haben. Am liebsten würde ich mich vor Nervosität kopfüber an die silbernen Haltegriffe hängen und schreien.
50 Minuten lang tuckert der Zug durch die Nacht. Bis er am Terminal 1 hält, an dem die internationalen Flüge ankommen. Der Bahnhof am Charles de Gaulle Airport besticht durch monumentalen 70er-Jahre-Beton. Ich hetze in die Eingangshalle und finde nur Abflüge aber keine Ankünfte. Dann frage ich eine Französin, die natürlich nichts versteht. Aber mit Händen und Füßen mache ich ihr klar, dass ich die eintreffenden Flüge suche. Die Aktion endet erfolgreich und nach zehn Minuten stehe ich vor den Gates in der weißen Ankunftshalle und glotze alle zwei Sekunden auf den Monitor, um zu sehen, was die Maschine aus Washington DC macht. Fliegen natürlich. Was sonst.

Vorher landen allerdings noch drei Flugzeuge aus Asien. Mein Körper ruft nach Schlaf aber mein Geist tanzt Polka. Ich hole mein selbstgebasteltes Pappschild heraus, auf dem liebevoll-ironischer Blödsinn steht und stelle mich damit mitten zwischen zwei Anzugträger, die die wesentlich kleineren und unspektakuläreren Schilder ihrer Hotels und Taxidienste hochhalten. Als die ersten Menschen aus dem Gate purzeln und mich anstarren, habe ich das erste Mal das leise Gefühl, dass ich etwas Verrücktes tue. Eine Stewardess schaut auf, sieht das Schild in meiner Hand, lacht herzlich und geht weiter. Ähnliches passiert noch weitere Male. Ich grinse.
Nach unendlichen Minuten taucht endlich mein Vielleicht-bald-Freund
auf. Der mir später verrät, dass er versucht hat, den bärtigen und voll-tätowierten aber inexistenten Mathieu zu finden. Dann allerdings
sieht er stattdessen mich. Seine Augen leuchten, ich lasse fast das Plakat fallen und endlich haben wir uns wieder. Noch während ich überlege, ob wir uns jetzt umarmen oder waaaas, küsst er mich
einfach.
Das war's dann mit dem Vielleicht-bald-Freund.
Ist jetzt Freund.
In der Stadt der Liebe.
Hach, Leben.

SquirrelSarah (Freitag, 12 Juni 2026 21:27)
Verenaaa... da haste jetzt aber ganz tief in der Vergangenheitskiste gewühlt. Schön. :) Das war das offizielle Zusammenkommen von mir und Männe. Selteame Sachen haben wir irgendwie immer schon gemacht. Coolio, dass du den Blog gefunden hast. Ich glaube, die meisten Menschen lesen keine Blogs mehr, weil die Aufmerksamkeitsspanne auf 3 Sekunden gesunken ist.
Liebe Grüße
Sarah
Verena (Freitag, 12 Juni 2026 09:58)
wunderbar. hab diese Seite heut eerst gefudnen. Warum nur? So schön wie du erzählst. LG