Lebenslauf auf Abwegen: mach doch nochmal neu – von Jobwechsel und Mut.

15. August 2026

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Jobwechsel und neue Perspektiven sind oft nicht einfach - oder?

Junge, mach deine Ausbildung bei Onkel Werner, dann wird fünfzig Jahre lang geplöckert und später haste vielleicht ein bisschen Gardasee oder Schlaganfall, was halt zuerst kommt. Den Wochenbeginn am Montag hassen? Normal. Mit 30, 40 oder 50 den Job wechseln? Voll verrückt! Was sollen die Nachbarn sagen?

 

Keine Ahnung, ich hab sie nicht gefragt, sondern mit 35 nochmal was ganz Neues angepackt. Die vergangenen 15 Jahre habe ich „was mit Medien“ gemacht. Journalismus, Marketing, Pressearbeit, Fotografie, freies Texten. Wer mich kennt, weiß, dass auch das keine gerade Linie war. Mit 27 habe ich mich nach einer mehrmonatigen Soloreise selbstständig gemacht, um vom 9 to 5 im Büro ins ortsunabhängige Arbeiten zu wechseln. Acht Jahre ist das her. Und jetzt? Jetzt geht’s in die Natur. Vielleicht. Wer weiß. Aber vor genau einem Jahr habe ich mich für die Ausbildung zur Wildnispädagogin entschieden – und halte jetzt das Zertifikat in den Händen, und damit eine Chance.

 

 

 

Ich möchte mich damit nicht hinstellen und rufen „Alles ist möglich!“ Denn das ist es nicht. Ich könnte mich noch so sehr anstrengen und würde trotzdem nie Physikprofessor werden; andere Menschen können körperliche Berufe aufgrund von Erkrankungen nicht (mehr) ausüben. Doch darum geht es auch nicht. „Mach doch nochmal neu!“ bedeutet nicht, Übermenschliches zu leisten, sondern sich den Gedanken zu erlauben, dass da mehr ist als der Montag, den man hasst. Dass mit Anfang zwanzig nach Ausbildung und Studium das Leben nicht in Stein gemeißelt ist. Dass du Veränderung darfst – bevor der Schlaganfall kommt.

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Wer bin ich geworden? Was möchte ich wirklich machen?

„Wildnis was? Sitzt du da im Kreis im Wald und singst?“ Eine Frage, dir mir zum Glück noch niemand gestellt hat, aber bestimmt durch die Köpfer einiger Mitmenschen schwirrt. Alter, ist die nicht Mitte dreißig? Die hat doch Journalismus studiert? Was macht die da jetzt mit diesem Wildniskram?

 

Das sind die Fragen der anderen. Meine eigenen Fragen, die seit einiger Zeit immer lauter werden, sind: Mache ich meinen aktuellen Job eigentlich noch mit Freude? Warum habe ich immer noch einen Bildschirm- und Schreibtischjob, obwohl es mich schon seit Jahren immer weiter und länger nach draußen zieht? Hat dieser Job mit der Entwicklung von KI überhaupt noch eine Zukunft? Für was interessiere ich mich eigentlich inzwischen?

 

 

Fakt ist, dass sich die meisten von uns mit den Jahren verändern. Ist jedenfalls zu hoffen, auch wenn einige Arschbananen wohl ewig dümmliche Zwölfjährige bleiben, aber das ist ein anderes Thema. Wir erleben Dinge. Schöne und Schlimme. Das verändert unsere Werte, Interessen und Prioritäten. Auch unseren Selbstwert. Während es in meinen Zwanzigern mein Traum gewesen war, auf Musikfestivals, zu großen Events und in die Stadt zu fahren, um über Veranstaltungen zu berichten, habe ich heute sehr gern meine Ruhe in meinem Haus auf dem Land, wo der Birnenbaum bald hoffentlich so groß ist, dass ich die Straße nicht mehr sehe. Während ich noch vor einigen Jahren stolz Marketing- und Werbetexte rausgeschossen habe, um irgendwelche Produkte anzupreisen, denke ich mir heute immer häufiger, dass wir weniger statt mehr konsumieren sollten. Früher fand ich es cool, mit dem Laptop remote in der Ferienwohnung zu sitzen, heute mag ich es lieber, wenn Arbeit und Reisen getrennte Projekte sind. Das alles ist nicht schlimm. Es ist das Leben. Veränderung. Aber es bedeutet, dass ich handeln muss – oder Gefahr laufe, unglücklich zu werden und abzustumpfen.

Über Prioritäten, Ausreden und Mut

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Niemand kommt, um einen zu retten - der Anstoß kommt von dir selbst

Was ich nach meiner neuen Ausbildung bereits sagen kann: War ein Volltreffer und hat mich tief berührt. Da sind Türen aufgegangen und Ideen gesprudelt. Und nein, nicht jede Ausbildung oder Fortbildung bedeutet, dass man seinen aktuellen Job hinwirft und jahrelang von Luft und Liebe lebt. Mein Wildnispädagogik-Kurs bestand aus sieben Präsenzveranstaltungen, die je vier Tage lang über neun Monate liefen. Plus Zeit für Hausaufgaben. Extra für Menschen, die sich neben ihrem Beruf etwas Neues aufbauen wollen – oder sich einfach eine Veränderung wünschen.

 

 

Eine Veränderung muss nicht immer radikal sein. Vielleicht tun es erstmal eine Reduzierung der Wochenstunden, eine Vier-Tage-Woche, eine Weiterbildung im selben Bereich, eine Abendschule, ein Sabbatical, ein Ehrenamt am Wochenende,… um zu sehen, was es sonst noch da draußen gibt. Denn es gibt eine Menge – wir trauen uns nur oft nicht. Wie soll das finanziell klappen? Ich habe Verpflichtungen! Da macht meine Familie nicht mit! Das können nur andere! Viele Dinge sind tatsächlich eine Sache der Priorität. Wenn ich mich selbst immer hintenanstelle, dann stehe ich… genau, ganz hinten.

 

Such dir also Menschen, von denen du weißt, dass sie dich unterstützen würden. Schaue dir nicht an, bei wem es nicht klappt, sondern bei wem es funktioniert. Scheitern ist eine Option. Nur wer etwas wagt, lernt. Nur wer lernt, kann verändern. Du darfst. Das ist für dich. Weil es dein Leben ist.

Was, wenn es funktioniert?

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Stell dir vor, es funktioniert

Ja, es kostet manchmal irre viel Mut, meist auch Geld. Mach doch nochmal neu. Da lauert das Unbekannte. Der Schritt aus der Komfortzone. Risiken, die wir selbst mit dem größten Einmaleins nicht kalkulieren können. Aber dann – wie oft haben wir das schon getan? Wer zum ersten Mal heiratet, weiß nicht, was passieren wird. Wer zum ersten Mal Eltern wird, hat keine Vorerfahrung. Wer zum ersten Mal auszieht, einen Mietvertrag unterschreibt, in der Fahrschule ins Auto steigt, mit der Schultüte unterm Arm die erste Klasse betritt, das erste Mal aufs Fahrrad steigt, das erste Mal läuft – jedes Mal haben wir „neu“ gemacht. Manchmal hat es funktioniert, manchmal hat es geblutet. Der Trick ist, nicht im Overthinking darüber zu ersticken, was alles passieren könnte, sondern ins Tun zu kommen, um es herauszufinden.

 

 

 

Was, wenn ich letztlich gar nichts Großes mit meiner neuen Ausbildung anfange? Was, wenn es schiefgeht? Dann ist es trotzdem eine Erfahrung, die ich niemals missen wollen würde. Denn sie hat mich zu einem Menschen gemacht, der weiser und gelassener ist und sich nicht mehr fragt, was gewesen wäre, wenn. Auch zu wissen, was man nicht will, ist Wissen. Und das vor dem Lebensende herauszufinden, ist fast eine gottverdammte Pflicht.

 

Und überhaupt: Was, wenn es funktioniert?

All photos © SquirrelSarah (unelss mentioned otherwise)

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